Buch-Tipp

Erstmalige Aufarbeitung der Kontroverse zu Karajans Rolle im Nationalsozialismus

Herbert von Karajan wird gefeiert und ist gleichzeitig aufgrund seiner Verbindung zur NSDAP umstritten. In „Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“ arbeitet Michael Wolffsohn die Kontroverse auf.

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Von Autor/in Andreas Maurer

„Sachlich, aber nie kalt“

„Ardent Nazi“. Um diese beiden Wörter aus einem amerikanischen Geheimdienstbericht über Herbert von Karajan (…) kreist die Auseinandersetzung um Karajans Rolle in und nach der Ära der „großdeutschen“ NS-Megaverbrecher. War Karajan Nazi? Und was für einer? Formalnazi und als Mitglied der NSDAP nur eine Karteileiche, Gesinnungsnazi oder etwa NS-Täter?

Michael Wolffsohn stellt in seinem aktuellen Buch „Genie und Gewissen“ diese Fragen bewusst neu und verschiebt den Fokus. Dem Historiker geht es nämlich nicht um eine weitere Anklageschrift oder um späte Reinwaschung. In seinem Buch setzt er sich vielmehr mit Fragen zur Kultur auseinander. „Ist die Kultur, hier die Musik, Gegenwelt zur realen Welt der Verbrecher oder deren Dienstmagd?“

Vor zwei Jahren hat Michael Wolffsohn das Buch „Nie wieder? Schon wieder! Alter und neuer Antisemitismus“ publiziert. Ebenso ist der renommierte Zeithistoriker Sohn und Enkel von Holocaustüberlebenden.

Der leidenschaftlicher Musikhörer hat Karajan auch vielfach selbst erlebt. Diese doppelte Perspektive prägt das Buch: Es ist nüchtern in der Analyse, aber persönlich motiviert, sachlich, aber nie kalt.

Herbert von Karajan beim Dirigieren
Für viele zählt Herbert von Karajan zu den prägensten Dirigenten der Musikgeschichte. Doch die Mitgliedschaft in der NSDAP wirft einen Schatten auf dieses Erbe. Everett Collection

Kein Täter sondern Karrierist

Dabei macht der Autor von Anfang an klar: Ja, Karajan war Mitglied der NSDAP. Das hat auch Karajan selbst nie bestritten. Doch was folgt daraus? Wolffsohns Antwort, frei wiedergegeben: Karajan war kein Täter im Sinne nationalsozialistischer Verbrechen.

Widerständler aber auch nicht. Er funktionierte als Karrierist, der glaubte, sich in die „Gegenwelt“ der Musik zurückziehen zu können. Aber entlastet ästhetische Größe moralisch oder verschärft sie die Verantwortung?

Hier gerät auch die Erinnerungskultur selbst in den Blick. Wolffsohn zeigt nämlich, wie der Streit um Karajan oft mehr über die jeweiligen Gesellschaften und ihre Vergangenheitsbewältigung aussagt als über den Dirigenten - lautete doch der Text auf der „alten“ Gedenktafel in Karajans Heimatstadt Salzburg: 

In Salzburg geborener Dirigent. Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele und Gründer der Osterfestspiele. Er begann seine Karriere im NS-Deutschland.

Karajan und Holocaustüberlebende

Wolffsohn bezieht auch Karajans persönliches Umfeld ein: Er spricht mit der Tochter des Dirigenten und zeichnet dessen Beziehungen zu jüdischen Musikerinnen und Musikern, zu Überlebenden und zu Weggefährten wie dem Geiger Michel Schwalbé nach.

Das Verhältnis zwischen Karajan und dem Holocaustüberlebenden und langjährigen Konzertmeister der Berliner Philharmoniker war dabei kein privates Freundschaftsbündnis, sondern eine von Respekt, Loyalität und gemeinsamer künstlerischer Arbeit geprägte Zusammenarbeit. Schwalbé ist das Buch – gemeinsam mit Gisela Tamsen, der „Pionierin vorurteilsfreier Karajan-Forschung“ – auch gewidmet.

Lektüre mit Streitwert

Was nach der Lektüre bleibt? Andreas Maurers Meinung: Die Einsicht, dass moralische Urteile über historische Figuren nicht ohne Kontext auskommen und dass Genie kein Freibrief ist, aber auch kein Beweisstück. Für Musikliebhaber heißt das also:  „Sie werden und können dann besten Gewissens seine Musik auf Tonträgern hören und genießen. Dieselbe Sonne scheint über die Guten wie die Bösen, und dieselbe Musik erfreut die Guten wie die Bösen.“

„Genie und Gewissen“ ist damit weniger ein Buch über Karajan als ein Buch über uns: über unseren Umgang mit Kunst, Geschichte und Schuld. Eine anspruchsvolle, streitbare Lektüre – gerade deshalb hochaktuell.