40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe

Tschernobyl-Ausstellung in Ulm: "Seltene Einblicke, die wir in dieses Feld des Desasters bekommen"

Vor 40 Jahren ging die Nachricht über das größte Reaktorunglück aller Zeiten um die Welt. Das Stadthaus Ulm zeigt Bilder aus der Sperrzone rund um Tschernobyl - auch aus dem Inneren des Reaktors.

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Von Autor/in Rainer Schlenz

Jeder der Generation 50+ hat diesen Moment in Erinnerung: die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit Konsequenzen unmittelbar vor unserer Haustür. 40 Jahre ist das nun her – und die Gefahren sind immer noch spürbar – auch in Deutschland. Und wie sieht es aktuell in der Ukraine aus? Eine Fotoausstellung im Stadthaus Ulm zeigt, wie sich dieser "Lost Place" entwickelt hat. Sie läuft bis zum 25. Mai.

Das sind die ganz, ganz seltenen Einblicke, die wir in dieses Feld des Desasters bekommen.

Der Fotograf und Kurator der Ausstellung "Tschernobyl" im Stadthaus Ulm, Volker Kreidler. Er hat in der Sperrzone dokumentiert, wie die Natur sich ihr Terrain zurückholt.
Der Fotograf und Kurator der Ausstellung "Tschernobyl" im Stadthaus Ulm, Volker Kreidler. Er hat in der Sperrzone dokumentiert, wie die Natur sich ihr Terrain zurückholt.

Bilder aus der Sperrzone Tschernobyl: irritierend, anziehend und beklemmend

Es sind überraschend idyllische Schwarzweiß-Bilder: Ein Dschungel aus Blättern, Büschen und Bäumen überwuchert den Boden. Überwuchert auch die Reste der menschlichen Existenz: Gestrüpp und Ranken umschlingen Fassaden nüchterner Plattenbauten. Der Fotograf und Kurator der Ausstellung, Volker Kreidler, hat die Bilder in der Sperrzone in Pripyat bei Tschernobyl aufgenommen.

Die Serie "Die dritte Landschaft" steht für die Zeit nach der Menschheit. Wie sieht es aus, wenn der Mensch nicht mehr da ist? Kreidlers Fotos sind irritierend, anziehend und beklemmend zugleich.

Eine ähnliche Wirkung geht von Victoria Ivlevas Bildern aus dem Inneren des Unglücks-Reaktors 4 aus. Gleißende Sonnenstrahlen dringen in das löchrige Reaktorgebäude. Ein merkwürdig attraktiv inszeniertes Lichtspiel.

Blätter, Büsche, Bäume in der Sperrzone von Pripyat bei Tschernobyl: Wenn der Mensch nicht mehr da ist, holt sich die Natur ihr Terrain zurück.
Blätter, Büsche, Bäume in der Sperrzone von Pripyat bei Tschernobyl: Wenn der Mensch nicht mehr da ist, holt sich die Natur ihr Terrain zurück.

Einblicke in das Feld des Tschernobyl-Desasters - Fotos vom zerfetzten Reaktorgebäude

Ein anderes Foto zeigt den zerfetzten Stahlbeton und die Innereien des Unglücksreaktors. "Und das sind die ganz, ganz seltenen Einblicke, die wir in dieses Feld des Desasters bekommen", sagt die Leiterin des Stadthauses, Karla Nieraad, "diesen Zerfall, dieses Gelbliche, dieses Kranke, diese Person in dem Katastrophenschutzanzug, von dem wir wissen, dass er nicht wirklich vor Strahlung schützt."

Der Kern der Schmelze von Tschernobyl: Die Bilder der Fotografin Victoria Ivleva zeigen das Innere des Reaktorgebäudes.
Der Kern der Schmelze von Tschernobyl: Die Bilder der Fotografin Victoria Ivleva zeigen das Innere des Reaktorgebäudes.

Die Spätfolgen der Nuklearkatastrophe zeigt ein Foto von Pierpaolo Mittica aus dem Jahr 2015: Eine Mutter hält ihr sichtbar behindertes Baby in den Armen. Eine unfassbare Traurigkeit steht ihr ins Gesicht geschrieben. "Es gibt immer noch Deformationen, Behinderungen", sagt der Fotograf Volker Kreidler. "Es gibt Kinder, die auf die Welt kommen, die durch die Strahlung Krankheiten haben. Das gibt's immer noch. Das wird auch nicht nachlassen."

Tschernobyl-Ausstellung im Stadthaus Ulm: Kontraste von Bitterkeit und Schönheit

Die Bitterkeit solcher Bilder steht im extremen Kontrast zu einem Herbarium, das Volker Kreidler in einer Schule in der Sperrzone gefunden hat: Eine Sammlung verschiedenster Blätter in hölzernen Rahmen, beschriftet mit kyrillisch geschriebenen Schildchen. "Diese Pflanzen sind ja nicht in der Sperrzone gewachsen, sondern in der Landschaft, bevor es eine Sperrzone gab", ergänzt Nieraad. "Das sind ja Zeugen aus der Zeit vor der Nuklearkatastrophe. Das finde ich so berührend."

Das Kernkraftwerk Gundremmingen, fotografiert im Jahr 1980. Im Vordergrund ein sogenanntes Blutbannkreuz aus dem Jahr 1772.
Das Kernkraftwerk Gundremmingen, fotografiert im Jahr 1980. Im Vordergrund ein sogenanntes Blutbannkreuz aus dem Jahr 1772.

Karla Nieraad betont: In Ulm eine Ausstellung über Atomkraft zu machen, funktioniere nicht, ohne auch auf das ehemalige Atomkraftwerk in Sichtweite - in Gundremmingen hinzuweisen. Die Fotos der inzwischen gesprengten Kühltürme zeigen: Das Thema ist nicht weit weg.

Die Region Ulm ist zudem ein Areal, das für ein Endlager für den Atommüll in Frage kommt. Dieses Thema wird in der zweiten Etage der Ausstellung fokussiert. Dort geht es um die Frage, wie können wir unseren Nachfahren in 200.000 Jahren überhaupt klarmachen, was wir ihnen hinterlassen haben?

Das zerstörte Atomkraftwerk in Tschernobyl (Archivbild).
Jeder der Generation 50+ hat diesen Moment in Erinnerung: die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

Kein Thema der Vergangenheit - Atommüll belastet die Erde unendlich lang

Wir versuchen, das zu steuern und zu ordnen, meint Volker Kreidler. Geht aber nicht: "Weil diese Halbwertszeiten jede Dimension sprengen. Die sprengen auch unsere Gedanken oder wie weit wir überhaupt im Voraus denken können. Das ist vollkommen unmöglich. Deshalb versuchen wir immer, Konzepte zu entwickeln, Strategien zu entwickeln, die aber eigentlich eine Illusion sind."

Es geht hier um mehr als nur um Tschernobyl und der Visualisierung einer Technologie, die außer Kontrolle geraten ist. Die Ausstellung ist im Grunde ein Sinnbild für den aktuellen Zustand dieser Welt, die so sehr von Zerfall und Zerstörung geprägt ist.

Feature Gespräche mit Lebenden und Toten

Ein Feature über die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl. Erzählt von denen, die es direkt betraf: Arbeiter, Anwohner, Bauern. Ein beklemmendes Dokument… Von Swetlana Alexijewitsch

Feature SWR Kultur

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SWR2 Wissen: Archivradio SWR2

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