Oscar für beste Hauptdarstellerin Jessie Buckley

„Hamnet“ von Chloé Zhao – Die Trauer von Shakespeares Familie um ihr totes Kind

1596 starb William Shakespeares elfjähriger Sohn Hamnet. Regisseurin Chloé Zhao („Nomadland“) erzählt in „Hamnet“ von der Trauer der Eltern. Eine hochemotionale Geschichte mit feministischem Blick über „Shakespeare in Grief“.

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Von Autor/in Julia Haungs

Liebe, Leben und Tod

Agnes ist ein Naturwesen. Am liebsten liegt die junge Frau zusammengerollt zwischen den Wurzeln eines riesigen Baums, eng verbunden mit der Natur und ihren geheimen Kräften. So gebärmutterartig wie die Wurzeln sie umschlingen, wirkt es, als hätte der Baum sie gerade zur Welt gebracht.

Gleichzeitig klafft daneben eine tiefschwarze Höhle, die wie das Tor zur Unterwelt anmutet. Liebe, Leben und Tod sind von Anfang an eng miteinander verbunden in diesem Film.

„Hamnet“ von Chloé Zhao
Agnes (Jessie Buckley) und William Shakespeare ( Paul Mescal) stehen im Mittelpunkt des Films über das tragische Schicksal ihres Sohnes Hamnet. Diese Schicksal, so die Spekulation, inspierte Shakespeare zu seinem Meisterwerk „Hamlet“.

Shakespeare zieht es ans Theater

Die Heilerin Agnes und der fantasiebegabte junge William heiraten und bekommen drei Kinder: Susanna sowie die Zwillinge Hamnet und Judith. Obwohl sich das Paar innig liebt, zieht es William nach London ans Theater. Dort macht er bald Karriere als Dramatiker. Die Familie bleibt in Stratford upon Avon zurück, wo auch Hamnet vom Theater träumt.

Hamnets Tod erschüttert die Familie

1596 erkranken Hamnet und seine Zwillingsschwester an der Pest. Er wird die Seuche nicht überleben. Dass Shakespeares Sohn Hamnet mit elf Jahren gestorben ist, gilt als gesichert. Ob er tatsächlich die Pest hatte, weiß man nicht.

Aber weder dem Roman von Maggie O‘Farrell noch dem Drehbuch des Films, das sie gemeinsam mit Regisseurin Chloé Zhao verfasst hat, geht es um eine biografische Spurensuche. Im Zentrum von „Hamnet“ steht der Schmerz trauernder Eltern. Der Umgang mit dem Tod Hamnets entfremdet das Paar einander.

„Hamnet“ von Chloé Zhao
Nach Hamnets plötzlichem Tod will sich Agnes (Jessie Buckley) keine Blöße geben und versucht, weiter zuverlässig für ihre Töchter und ihren Mann da zu sein.

Hart an der Grenze zur Melodramatik

Jessie Buckleys Agnes gibt sich ganz der Verzweiflung hin. Auch wenn der Film mit fast schon voyeuristischen Nahaufnahmen ihres tränenüberströmten Gesichts und mit dem Einsatz der Musik manches Mal zu sehr aufs Melodramatische setzt – Buckleys emotionale Intensität ist ein Ereignis.

Braucht große Kunst immer einen Schicksalsschlag?

Paul Mescal als William dagegen frisst den Kummer zunächst stumm in sich hinein und verarbeitet ihn schließlich, so die These von „Hamnet“, in seinem Stück „Hamlet“. Es mag eine etwas schlichte Annahme sein, dass große Kunst immer aus autobiografischem Leid entsteht.

„Hamnet“ von Chloé Zhao
William (Paul Mescal) lässt seine Trauer in ein Theaterstück einfließen, das über die Jahrhunderte hinweg Bestand haben wird: „Hamlet“.

Taschentücher nicht vergessen

Dass Kunst eine kathartische Kraft entfalten, Trost und Heilung bieten kann, das beweist Zhao allerdings eindrücklich mit der langen Schluss-Szene im Londoner Globe Theater. Wie hier ein Bühnenstück persönliche Trauer transzendiert und im Publikum ein Gemeinschaftserlebnis entsteht, das dürfte auch eher nüchterne Zuschauer zu Tränen rühren.

Emotionale Wucht und großartiger Cast

Mit kunstvoll gestalteten, poetischen Bildern, emotionaler Wucht und einem großartigen Cast ist Zhao eine stimmige Adaption von O‘Farrells Bestseller gelungen. Trauerbewältigung hat selten so glücklich gemacht. 

Trailer „Hamnet“ von Chloé Zhao, ab 22.1. im Kino

HAMNET | Offizieller Trailer deutsch/german HD

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Autor/in
Julia Haungs
Julia Haungs, Autorin  und Redakteurin, SWR Kultur