Festakt für den Ministerpräsidenten

Kretschmann: Lange Amtszeit trotz Anstrengung eine Gnade

Nach 15 Jahren wurde der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann offiziell verabschiedet. Der scheidende Landesvater zeigte sich am Mittwoch im Neuen Schloss gerührt.

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Von Autor/in Nicole Freyler

Er war so lange im Amt wie kein Ministerpräsident in Baden-Württemberg zuvor. Im Neuen Schloss in Stuttgart wurde der 77-jährige Winfried Kretschmann (Grüne) am Mittwoch offiziell verabschiedet. Nicht still, leise und klein - sondern mit einem Fest in drei Teilen.

Die Veranstaltung begann feierlich mit einer Aufführung ganz nach dem Geschmack des Kulturliebhabers Kretschmann. Ein Paar des Stuttgarter Balletts tanzte Schwanensee. Anschließend sprach sein Stellvertreter, Innenminister Thomas Strobl (CDU), die Begrüßungsworte, eine Lobesrede auf den scheidenden Ministerpräsidenten. Beide haben zehn Jahre freundschaftlich zusammen regiert, das grün-schwarze Verhältnis Kretschmann-Strobl gilt als besonders eng.

Strobl: Wahrhaft historischer Moment - gigantische Fußspuren

Der Vize-Regierungschef sagte, er müsse in die höchste Schublade greifen, um den behutsamen, bodenständigen Kretschmann zu würdigen. Die Verabschiedung von Winfried Kretschmann aus dem Amt des Ministerpräsidenten sei ein wahrhaft historischer Moment in der Geschichte unseres Landes. "Es ist eine Ära, die dieser Tage ihren Abschluss findet", so Strobl. 15 Jahre im Staatsamt zu bleiben, sei kein Zufall, so etwas passiere mal nicht einfach so.

Ehrlicher Schaffer, Landesvater und Unikat

Der Innenminister nannte Kretschmann einen echten Landesvater. Es sei immer ein Erlebnis gewesen, mit ihm zu sprechen. Manchmal hätten sie auch gemeinsam geschwiegen, Kretschmann sei eine echte Type. "Du hinterlässt gigantische Fußspuren, nicht nur durch was Du für dieses Land getan hast - das mögen Historiker und andere beurteilen -, sondern wie Du es gemacht hast." Strobl dankte ihm für die verlässliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Altbundespräsident Gauck: Kretschmann ist kulturprägend

Die offizielle Rede zur Verabschiedung hielt anschließend der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck und er zeigte sich beeindruckt von der Rede des Innenministers. "Mein Gott, so viel vertrauensvolle und ehrliche Zuneigung, das ist doch undeutsch", meinte er lächelnd und fragte: "Sind wir wirklich in einem Land des Gelingens?" Gauck lobte den Politikstil Kretschmanns, dessen Glaube, Bildungsweg und Liebe zur Natur hätten ihn geprägt. Er habe gezeigt, dass Führungsstärke mehr sei als Lautstärke.

Seine Wahl zum Ministerpräsidenten sei kulturprägend gewesen. "Ein konservativ geprägtes Land habe einen grünen Ministerpräsidenten angenommen, weil es in ihm einen guten Menschen erkannte, der zusammenführte", sagte Gauck. Ein Mensch, der sich als wertkonservativ verstanden habe, habe die Führung eines Landes übernommen, dessen politische Traditionen ihm rein äußerlich betrachtet nicht hätten ferner liegen können. Nach dem Alt-Bundespräsidenten würdigte auch Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) die Arbeit von Kretschmann. Im festlichen Marmorsaal sang ein Tenor der Stuttgarter Staatsoper ein Lieblingsstück von Kretschmann, eine Arie aus der Mozart-Oper Don Giovanni.

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Ministerpräsident: Kann nicht behaupten, dass ich ohne Wehmut gehe

Zuletzt zeigte sich dann der Noch-Landesvater Kretschmann gerührt am Rednerpult: "Jetzt kann ich nicht mehr sagen, dass ich ohne Wehmut aus dem Amt scheide." Er sei dankbar, dass er über 15 Jahre hinweg Ministerpräsident dieses starken und schönen Landes Baden-Württemberg habe sein dürfen. "Das ist - bei aller Anstrengung - schon auch eine Gnade", so der 77-Jährige.

Kretschmann erwähnte seine Lieblingsphilosophin Hanna Arendt, zitierte den Soziologen Hartmut Rosa und mahnte: "Politik muss die Verschiedenheit der Menschen wertschätzen und den Kompromiss suchen." Kompromiss sei keine politische Schwäche, sondern das, was unsere Demokratie ausmache.

Kretschmann: Liebeserklärung an das Land

Der gläubige Katholik Kretschmann sagte, er sei dankbar, dass der Schöpfer es ermöglicht habe, dass er dieses Amt habe ausfüllen dürfen. "Verantwortung, Leistung, Zusammenhalt und ein europäischer Geist - sie machen unser Land lebens- und liebenswert", so Kretschmann. Seine Abschiedsworte nannte er eine Liebeserklärung an die schöne Heimat, an die Bürgerinnen und Bürger und an die freiheitliche Demokratie.

Unter den Gästen: Oettinger, Laschet, Schavan und Streich

Am Mittag endete die Veranstaltung im Weißen Saal des Neuen Schlosses und die rund 300 geladenen Gäste wurden zum Mittagessen empfangen. Gäste aus Politik, Wirtschaft, Adel, Sport und Kirche waren geladen. Darunter ehemalige Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten wie Malu Dreyer (SPD), Armin Laschet (CDU) oder Günther Oettinger (CDU). Dieser sagte Kretschmann sei vor allen Dingen ein feiner Mensch. "Knorrig und konservativer als ich jemals werden will", so Oettinger. Zum Abschied des VfB-Fans Kretschmann kam auch der ehemalige Trainer des SC-Freiburg, Christian Streich.

Heeresmusikkorps spielte im Innenhof des Neuen Schlosses

Am Nachmittag konnten beim dritten Teil der Verabschiedung im Ehrenhof des Neuen Schlosses auch rund 200 Bürgerinnen und Bürger teilnehmen. Das Heeresmusikkorps aus Ulm spielt rund 30 Minuten lang verschiedene Stücke. Bei der Musikauswahl durfte der Ministerpräsident mitreden.

Das Kirchenstück "Nun danket alle Gott" nannte Kretschmann sein Lieblings-Kirchenstück. Nach Marschmusik folgten ein Medley aus Songs von Frank Sinatra, das Hohenzollernlied, die Europahymne und zum Schluss die Nationalhymne. Traditionell findet eine sogenannte Serenade mit Musikstücken im Freien meist in den Abendstunden statt, das war von Kretschmann so nicht gewünscht gewesen. Das Heeresmusikkorps Ulm repräsentiert laut Staatsministerium die Bundeswehr und spielt im In- und Ausland bei feierlichen Anlässen.

Mit der offiziellen Verabschiedung geht der erste und bislang einzige grüne Ministerpräsident in Deutschland noch nicht in den Ruhestand. Kretschmann übergibt seine Amtsgeschäfte erst mit der Vereidigung des neuen Regierungschefs. Die ist für den 13. Mai vorgesehen, dann soll der designierte Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) zum Nachfolger gewählt werden. Und danach, so sagte der scheidende Ministerpräsident, freue er sich wieder häufiger in der Stuttgarter Oper und im Ballett zu sein. Im SWR-Interview sagte er, der Festakt habe ihn sehr berührt: "Da geht man jetzt froh und beschwingt von dannen."

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Nicole Freyler
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