Ende einer Ära: Kretschmann zieht Bilanz als BW-Ministerpräsident

Wie fühlt man sich nach 15 Jahren im wichtigsten Amt des Landes Baden-Württemberg? Zum Ende seiner Amtszeit zieht Winfried Kretschmann Bilanz in SWR1 Leute.

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Stand

Diese Art von Rampenlicht, unter dem ich dann nicht mehr stehe, das ist schon höchst erfreulich und am Ende wahrscheinlich auch vergnüglich.

Der letzte Arbeitstag von Winfried Kretschmann wird voraussichtlich der 12. Mai 2026 sein, wenn die Koalitionsverhandlungen zwischen den Grünen und der CDU bis dahin erfolgreich abgeschlossen sein sollten. Aber wird er dann auch wirklich loslassen können, so ganz ohne Abschiedsschmerz?

Nein, Abschiedsschmerz gibt es wirklich nicht. Sondern es gibt eher die Frage: Was mache ich danach? Da gibt es die Möglichkeit, ich mache einen radikalen Schnitt und bin nur noch der Bürger Kretschmann und ziehe mich aus dem öffentlichen politischen Leben zurück.

Oder er engagiert sich weiter in Vorträgen und Diskussionsrunden. Das sei von ihm weiter erwünscht, wie viele Anfragen zeigten, sagt Kretschmann. Da könne er dann weiterhin "argumentieren und streiten", was ihm sicher sonst fehlen würde.

Streiten und Streitkultur war und ist Kretschmann wichtig

Streit sei etwas ganz wichtiges in einer Demokratie, so Winfried Kretschmann. Nur: zivilisiert müsse er sein und nicht in Gewalt ausarten. Er sehe allerdings ein ganz großes Problem:

Die Gesellschaft verlernt allmählich das Argumentieren. Und Argumentieren, wenn es hart zur Sache geht, ist Streit. Nun muss er zivilisiert sein: Man muss auf die Argumente des Anderen eingehen, [sie] prüfen, Gegenargumente finden. Das muss die Gesellschaft wieder lernen, statt nur empört zu sein.

Winfried Kretschmann bricht alle Rekorde

Winfried Kretschmann war seit Sommer 2025 gleichzeitig der dienstälteste und mit 77 Jahren auch der älteste Ministerpräsident Deutschlands. Seit 2011 regierte er aus der Staatskanzlei in der Villa Reitzenstein Stuttgart.

[Ministerpräsident zu werden] hat nie zu meiner Lebensplanung gehört. Es war auch außerhalb unseres Vorstellungsbereichs. Was ich schon gern geworden wäre, wäre Minister. Aber dass wir mal den Ministerpräsidenten stellen, das war so unwahrscheinlich, als dass der Bodensee vor den Alpen sich einfach auflöst.

Der studierte Biologe und ehemalige Bio- und Chemielehrer gewann die Landtagswahl 2011 auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen um das Bauprojekt "Stuttgart 21". Ein Projekt, gegen das er einst selbst kämpfte und das er dann nach einem Volksentscheid mittragen musste – und es auch tat. Eins ist sicher: Als Ministerpräsident mit zum Abschluss bringen wird er "S21" nicht mehr.

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Was bleibt in Erinnerung aus Kretschmanns drei Amtsperioden?

In Erinnerung bleiben: die Rückkehr zu G9 in der Bildungspolitik. Die einst ambitionierten Klimaziele, die weit verfehlt wurden. Sein Stolz auf das Projekt Nationalpark Schwarzwald. Und die Erkenntnis, dass auch ein grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg pragmatisch den Schulterschluss mit der für das Land so wichtigen Automobilindustrie suchen muss.

Dass die baden-württembergischen Kernbranchen Automobil, Fahrzeugbau und Maschinenbau in so einer harten Krise sind, das schmerze ihn unglaublich, sagt er. Im gleichen Atemzug aber betont er, dass Baden-Württemberg immer noch das innovativste Land in Europa sei.

Das Land hat trotz seiner Krise großes Potenzial. Und wenn der entsprechende Ruck durch die Bevölkerung geht, dass man merkt, 'jetzt müssen wir alle richtig mal wieder anpacken und zupacken und können uns nicht ausruhen auf dem, was wir haben', dann werden wir auch aus der Krise kommen. Davon bin ich ganz fest überzeugt.

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Mit welchen Sorgen geht Kretschmann aus dem Amt als Ministerpräsident?

Wir haben ja nun sehr, sehr viele schwere Krisen um uns herum, die uns auch verstören. Einen Krieg mitten in Europa hatten wir 70 Jahre nicht. Also das verstört mich. Was in der Welt geschieht, an Umbrüchen, wenn ich nur jetzt sehe, was der Trump wirklich treibt und was er auch anrichtet, da ist einem bewusst: Man hat Kinder und man hat Enkel und die sind ja nur ein Symbol für die Nachkommen.

Er gehe nicht ohne Sorge um die Zukunft aus dem Amt, sagt Kretschmann. Dem gegenüber stehe aber auch das Gefühl, nicht mehr die Bürde der Verantwortung zu tragen, die er als Regierungschef hatte. So wie die Verantwortung über den richtigen Umgang mit der Corona-Krise, die er in SWR1 Leute mehrfach zur Sprache bringt.

Die hatte die letzten Jahre seiner Amtszeit und das Leben der Menschen, für die er sich verantwortlich fühlte, nachhaltig geprägt. Kretschmann bezeichnet Corona auch als diejenige Krise, über die er auch heute noch am meisten nachdenkt.

Diese Krise hat ja auch zu einer enormen Spaltung geführt in der Gesellschaft. Wir haben heute ein Phänomen, dass der Glaube an die Wissenschaft schwer abgenommen hat. Das Vertrauen in die Wissenschaft erodiert geradezu. Verschwörungsthesen greifen viel stärker um sich. Insofern war das eine sehr einschneidende Krise mit den Folgen, die sie hatte. Nämlich ein enormer Vertrauensverlust. Vor allem in Wissenschaft – und das ist das Fatalste.

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Politik und der Drang zu schnellen Lösungen und Antworten

Ob dieses wissenschaftlich orientierte Fakten- und Urteils-Denken ihn auch geprägt hat, wenn von ihm in der schnellen medialen Polit-Welt von heute vor laufenden Kameras schnelle Schlüsse und Statements gefordert wurden? Dem hat er sich nach eigener Einschätzung immer verweigert.

Dieses spontan auf alles – auch auf oft sehr schwierige und komplexe Fragen – einfache Antworten geben zu müssen, das liegt mir nicht. Und im Innersten widerstrebt es mir auch. Wir sprechen ja von Meinungsbildung. Man will sich ja eigentlich eine gefestigte, fundierte Meinung bilden, bevor man immer gleich losplappert.

Was also bleibt – menschlich und politisch? Kretschmann bringt als Antwort sein Alter mit ins Spiel. Ein Rückblick, sagt er, sei anders, als wenn man mitten im Leben stehe und es noch vor sich habe. Jetzt, für ihn und sein Alter, werde die Erinnerung immer wichtiger. Da bewerte man natürlich das, was man gemacht habe. Aber nicht im Sinne von "Reue" – da halte er sich an den berühmten Chanson von Édith Piaf: "Non, je ne regrette rien – Ich bereue nichts".

Was mich persönlich betrifft, [verlasse ich mein Amt] mit dem Gefühl: Ich habe das gegeben, was ich konnte. Ich habe da einen ordentlichen Job gemacht. Mein Hauptanliegen 'wie hält man die Gesellschaft zusammen', an diesem Thema habe ich immer hart gearbeitet. Es war mir wichtiger als alles andere. Und ich konnte da, glaube ich, einen glaubwürdigen Beitrag dazu leisten. Insofern schaue ich erst mal mit einer gewissen Befriedigung auf diese Amtszeit zurück. Ich bin jetzt aber auch froh, dass es 'rum ist.

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