Wer den obersten Bundeswehrbefehlshaber in Baden-Württemberg treffen will, muss durch viele Sicherheitskontrollen gehen. Der Sitz des Landeskommandos, die Theodor-Heuss-Kaserne in Stuttgart, wird streng bewacht: Anmeldung, Ausweis-Kontrolle, persönliche Eskorte - Außenaufnahmen mit der Kamera: "Auf keinen Fall", sagt der zuständige Presseoffizier.
Der 61-jährige Michael Giss empfängt in Tarnfleck-Uniform und mit Handschlag. Giss ist in Freiburg geboren. An den Wänden hängen Erinnerungen an seine bisherigen Stationen als Kommandeur: Krieg und kriegsähnliche Zustände hat er in Afghanistan erlebt, aber auch als Kommandeur auf der Fregatte Emden im Kampf gegen Piraten im Indischen Ozean. Jetzt sieht er Bedrohungen durch ganz andere Gefahren: Drohnen.
SWR Aktuell: Drohnen dominieren in diesen Zeiten die Nachrichtensendungen, was muss man jetzt gegen Drohnen tun?
Michael Giss: Es ist höchste Zeit, dass jetzt schnell Gesetze kommen, damit Polizei und Bundeswehr zusammenarbeiten, sich gegenseitig helfen und zügig gegen die Bedrohung vorgehen können.
SWR Aktuell: Wie groß ist die Drohnen-Bedrohung aus Ihrer Sicht tatsächlich?
Giss: Man muss wissen, dass es hier Menschen gibt, die haben keine russische Uniform an, aber sie handeln so, als würden sie eine tragen. Irgend so Low-Level-Idioten, die kleine Drohnen basteln und von irgendjemandem gesagt bekommen, wie das geht und ein bisschen Sprengstoff dran geklebt bekommen. Und wenn wir nicht schnell genug sind und bis dahin nicht die Fähigkeiten haben, dann fällt so ein Ding mal über einem Funkhaus oder über einer Kaserne ab.
Wenn der Landeskommandeur aus den Fenstern seines Arbeitszimmers blickt, hat er freie Sicht auf ein Stuttgarter Wohngebiet. Doch für Giss hat der Blick auch etwas Frustrierendes: Denn schon wenige Meter neben seiner Kaserne endet seine Zuständigkeit für fliegende Drohnen. Auch wenn eine Drohne von dort aus seine Kaserne ausspähen würde. Seine Meinung: Fliegt eine Drohne 100 Meter außerhalb der Kaserne, dann müsse die Bundeswehr in der Lage sein, sie vom Himmel zu holen und das auch zu dürfen, egal ob mit einer Jagddrohne oder mit einem Störsender.
Das größere Problem sei mit bloßem Auge zudem gar nicht erkennbar. Es geht um Tragflächen-Drohnen, die in großer Höhe Industriestandorte und kritische Infrastruktur vermessen und filmen. Und dann lässt Giss das Wort "Wettlauf" fallen. Es ist nicht das einzige Mal in diesem Interview.
Innenminister für baldige Klärung der Zuständigkeiten Drohnenabwehr: Großübung soll Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Polizei verbessern
Nach Sichtungen an Flughäfen sollen Bundespolizei und Bundeswehr neue Befugnisse gegen Drohnen bekommen. Der Landeskommandeur will mit einer Großübung die Zusammenarbeit stärken.
SWR Aktuell: Ist Deutschland schon komplett ausgespäht?
Giss: Das sehe ich nicht so. Aber es darf eben nicht dazu kommen. Deswegen müssen wir diesen Ausspähprozess so abstoppen und beenden, dass der Gegner gar nicht die Daten bekommt, die er möchte.
SWR Aktuell: Drohnen bestimmen den Ukraine-Krieg, tauchen aber auch an der Ostgrenze Polens auf oder sorgen für Sperrungen von europäischen Flughäfen. Reichen da Gesetze gegen diese neue Bedrohung?
Giss: Mit der Drohne hat sich das Schlachtfeld völlig verändert. Drohne gegen Drohne. Das ist für mich als Soldat der entscheidende Wettlauf. Und da bin ich aber auch sehr froh, dass wir in Deutschland in der Rüstungsindustrie hier auch Firmen haben, auch kleine Firmen, die auf dem Gebiet unheimlich rege sind. Wir brauchen diese Talente. Das muss man jetzt nach vorne holen und bestmöglich promoten.
Giss ist kein Schwarzmaler. Im Gegenteil: Seit seiner Ankunft im vergangenen Jahr hätten Ministerien und Verwaltung einen gewaltigen Lernprozess hingelegt. Jetzt sei allerdings nicht das Ende mahnt Giss, sondern erst der Anfang.
SWR Aktuell: Wie ist Baden-Württemberg aufgestellt?
Giss: Wenn ich ein Bild zeichnen darf: Baden-Württemberg steht gut in den Startlöchern, jetzt können wir loslaufen, den Marathon.
SWR Aktuell: Geht es um eine Bedrohung durch Russland, wird immer wieder das Jahr 2029 angeführt. Muss man möglicherweise auch mit einem früheren Szenario rechnen?
Giss: Also, ich habe jetzt hier in meinem Büro, in der Kaserne, keine Glaskugel. Wir können alle nicht in Putins Kopf schauen. Alles ist möglich, natürlich. Der Generalinspekteur als oberster Soldat der Bundeswehr hat die Bundeswehr angewiesen, sich so vorzubereiten, dass wir um 2029 herum plus minus in der Lage sind, gegen einen möglichen militärischen Angriff Russlands anzutreten. Das ist unsere Vorgabe. Was Putin tatsächlich einmal tun wird oder nicht, wissen wir nicht. Was wir wissen ist, wie er sich mit seinen Truppen im Moment verhält.
SWR Aktuell: Und was lässt sich daraus ableiten?
Giss: Wir wissen, was er noch in Reserve hat. Wir kennen sein logistisches Tempo, um Truppen wieder umzustationieren, woanders hinzutun, aufzutanken, aufzumunitionieren. Alles was er so tun muss, um gegebenenfalls an einer anderen Stelle wieder etwas zu tun. Das beobachten wir sehr eng.
Vor seinem Wechsel nach Baden-Württemberg hatte Giss noch als Landeskommandeur in Hamburg eine große Übung auf den Weg gebracht: Red Storm Alpha und Red Storm Bravo. Übungen der Bundeswehr zusammen mit Feuerwehr und Polizei, bei der im Hamburger Hafen Material und Fahrzeuge verlegt werden sollten. Solche Übungen brauche es auch in Baden-Württemberg, sagt Giss. Denn im Ernstfall werde der Südwesten Deutschlands für die NATO zur wichtigsten Drehscheibe nördlich der Alpen.
SWR Aktuell: Was werden die Menschen von solchen Übungen mitbekommen?
Giss: Die Menschen werden das am ehesten auf den Straßen sehen. Wir werden dort mit kleinen oder größeren Militärkonvois fahren und versuchen, diese unter Live-Bedingungen zu bewachen, sie zu versorgen und die Logistik auszuprobieren. Und dann ist es vielleicht ein Stau, der aufgrund der Konvois verursacht wird. Da darf man sich dann nicht mehr drüber aufregen, sondern muss wissen, warum diese grauen oder grünen Autos fahren. Sie fahren zum Schutz Deutschlands und zum Schutz des Ländles.
SWR Aktuell: Wie muss sich die Wirtschaft auf einen Konfliktfall im Osten der NATO vorbereiten?
Giss: Meine Empfehlung an die Firmenchefs hier in Baden-Württemberg wäre einfach, sich einmal vorzustellen, was die eigene Firma in einem solchen Szenario machen würde. Sind sie in der Lage, unter allen Umständen zu produzieren?
Resilient werden, das sei ein Ziel, das Deutschland noch erreichen müsse: Auch das sei eben ein Wettlauf. Hektik und Panik brauche es dafür nicht, sagt Giss nach einer Stunde Interview. In einer Ecke hatte der Landeskommandeur Kaffee und Teegebäck auffahren lassen. Dafür blieb bei diesem Besuch keine Zeit.