Was ist uns Kultur in der Krise wert?

Stuttgarter Staatstheater-Chef spottet: Wer ist eigentlich Timothée Chalamet?

Der Chef der Staatstheater Stuttgart findet, Kultur muss uns auch in der Krise etwas wert sein. Doch die Kostenexplosion für die geplante Opernsanierung macht ihm zu schaffen.

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Von Autor/in Henning Otte

Können wir uns die Sanierung der Oper in Stuttgart noch leisten? I Zur Sache! Intensiv

Es wurde von vielen in der Kulturbranche als Unverschämtheit aufgefasst, was der Filmstar Timothée Chalamet kürzlich rausgehauen hat: Oper und Ballett würden noch am Leben erhalten werden, "obwohl sich niemand mehr dafür interessiert", sagte der 30-jährige Hollywood-Schauspieler. Der Gegenwind aus der Kulturwelt war stark, oft auch mit Witz garniert. Nur die Stuttgarter Staatstheater ignorierten Chalamet einfach. Bis jetzt - nun hat sich Marc-Oliver Hendriks, geschäftsführender Intendant, doch geäußert - und zwar mit scharfer Kritik: "Ich finde es einfach albern", sagte der 55-Jährige im SWR-Videopodcast "Zur Sache! intensiv".

Intendant attestiert Chalamet eine "Wahrnehmungsstörung"

Chalamets Äußerung sei eine Form von Populismus, die durch die Lebensrealität an vielen Orten widerlegt sei. "Das ist wahrscheinlich eine Wahrnehmungsstörung", sagte Hendriks. "Unser Publikum ist da nicht drauf angesprungen. Ich glaube, diese Aussage hat die Stuttgarterinnen und Stuttgarter wenig berührt, weil die Lebensrealität hier eine so andere ist." Viele wüssten auch gar nicht, wer Timothée Chalamet sei. "Ich musste auch erst einmal googeln, wer das eigentlich ist."

Was ist Kultur der Gesellschaft wert - zwei Milliarden für die Oper?

Dennoch war Chalamets Bemerkung Wasser auf die Mühlen all jener, die sich fragen, warum staatliche Institutionen in der Wirtschaftskrise noch immer viel in die Erhaltung von Kulturbauten investieren wollen. Im Fall von Stuttgart geht es darum, wer die Sanierung der Staatsoper bezahlen soll, deren Kosten samt Ausweich-Spielstätte auf mittlerweile zwei Milliarden Euro geschätzt werden.

Auf die Frage, ob er trotz des Sparzwangs bei der Stadt und des Geldmangels beim Land noch an die Sanierung glaubt, sagte Hendriks: "Ja, selbstverständlich, einfach weil es kommen muss. Es gibt keine denkbare Alternative, die das verhindert." Es sei auch eine Prestigefrage für die Landeshauptstadt. "Ich kann mir Stuttgart ohne die Staatstheater nicht vorstellen. Ich kann mir auch nicht Berlin ohne Philharmonie vorstellen oder Mailand ohne die Scala. Es gibt Dinge, die gehören in diese Stadt, unter anderem die Staatstheater." Die Finanzierung des weltgrößten Drei-Sparten-Hauses mit etwa 1400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern teilen sich Stadt und Land.

Heftige Kritik an Stuttgarts Ex-OB Kuhn: Momentum verpasst

Es sei nicht die Verantwortung der Staatstheater, dass die Diskussion schon so lange andauere. "Über diese Sanierung wird jetzt ewig lang gesprochen. Ich glaube mittlerweile seit 27 Jahren." Vor acht Jahren sei man bereit gewesen für den Start, auch eine Ausweich-Spielstätte habe es gegeben. "Dann gab es einen Eingriff durch den damaligen Oberbürgermeister der Stadt, der das Interim im Paketpostamt, was ein wichtiger Baustein war für die Realisierung, noch einmal in Frage gestellt hat, aus Kostengründen. Das sollte damals 116 Millionen Euro kosten. Das war zu viel. Das hat auch das Land überrascht", erklärte Hendriks. Im Vergleich zu den geschätzten Kosten für die nun geplante Interim-Spielstätte, die neu gebaut werden soll, von 400 bis 500 Millionen Euro ist die Rede, wäre das damals ein Schnäppchen gewesen.

Nur die Sanierung des Opernhauses dürfte 1,5 Milliarden Euro kosten

Damals sei eine einmalige Gelegenheit verpasst worden, so der Intendant. "In der Tat, man hat, glaube ich, ein Momentum verpasst vor Corona." Die Pandemie und dann der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hätten dafür gesorgt, das man jetzt in einer komplett veränderten Welt lebe. "Wir waren aber in den sonnigen 2010er Jahren 'ready to go'. Und die Pläne stammen natürlich aus dieser Zeit." Nun müssten die Zahlen ständig angepasst werden.

Vor einigen Jahren hatte man gesagt, die Opersanierung werde rund eine Milliarde Euro kosten. "Das hat sich alles aufgelöst wie Schnee in der Sonne, weil wir seit 2019 eine andere Inflationsentwicklung haben, als wir das in den Zehnerjahren erlebt haben. Das sind jetzt beim Baukostenindex bis zu 50 Prozent." Das bedeutet, dass die Renovierung der historischen Oper in Stuttgarts Mitte bis zu 1,5 Milliarden Euro kosten könnte.

Intendant: Fiasko wie bei Fernsehturm wäre Sache der Politik

Dadurch würden die Diskussionen nicht einfacher, räumte Hendriks ein. Dennoch bleibe er optimistisch: "Die Rahmenbedingungen werden sich sicherlich irgendwann auch wieder zum Besseren verändern. In den 30er Jahren möglicherweise." Wenn dann die Transformation der Autoindustrie abgeschlossen sei und die Gewerbesteuereinnahmen sich wieder auf höherem Niveau eingependelt hätten, sei das denkbar. Die Leitung der Staatstheater gebe jedenfalls nicht klein bei. "Wir harren nicht aus, sondern wir sind beharrlich, das wäre die Haltung. Die Blamage, 25 Jahre und länger über eine Sanierung zu diskutieren und dann ein Fiasko zu erleben wie beim Fernsehturm, dass der von heute auf morgen geschlossen wird, das ginge nicht auf Rechnung der Staatstheater." Der Fernsehturm, Wahrzeichen der Stadt und weltweit erstes Bauwerk seiner Art, war 2013 von einem Tag auf den nächsten wegen Brandschutzauflagen aufgrund einer Entscheidung des damaligen OB Kuhn gesperrt worden. Erst nach drei Jahren konnte der Turm wiedereröffnet werden.

Derzeit laufen die Vorbereitungsarbeiten für den Bau einer Ausweichspielstätte am Nordbahnhof. "Nachdem sich die zeitliche Perspektive für die Fertigstellung immer weiter nach hinten verschoben hat, also wir reden jetzt mittlerweile von möglicherweise 2032 oder später, sind wir im Haus ganz klar fokussiert auf die Erhaltung von Betriebssicherheit", erläuterte Hendriks. "Wir investieren in die technischen Anlagen, in die Maschinen, tauschen da Dinge aus, die wir eigentlich vor der Sanierung gar nicht mehr austauschen wollten."

Hendriks geht von Opern-Wiedereröffnung Mitte der 2040er Jahre aus 

Hendriks, der bei den Staatstheatern für Finanzen, Verwaltung und Personal zuständig ist, sieht seine Aufgabe darin, "dieses Haus sicher in die Sanierung hineinzuführen". Sein Vertrag läuft noch bis zum Jahr 2032. "Und dann wird irgendwann jemand, eine andere Equipe, andere vier Intendanten dieses Haus dann auch wiedereröffnen. Aktuell, wir vermuten, dass irgendwo in der Mitte der 2040er Jahre. Ich bin dann hoffentlich noch lebend dabei, aber sicherlich nicht berufstätig."

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Autor/in
Henning Otte
SWR-Reporter und -Redakteur Henning Otte, SWR Landespolitik

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