SWR Aktuell: Wieso sollten Eltern ihren Kindern vorlesen?
Sabine Uehlein: Vorlesen ist eine Art Superkraft. Kinder, denen früh vorgelesen wird, also ab etwa einem halben Jahr, entwickeln einen viel größeren Wortschatz und lernen später leichter lesen. Durch das Vorlesen verbessern Kinder ihre Vorstellungskraft. Kinder lernen auch durch das Vorlesen, sich in andere Personen hineinzuversetzen. Das hat große Auswirkungen auf Empathie und Einfühlungsvermögen. Aber es geht auch um Kuscheln und Nähe. Das Vorlesen ist ein Investment in die Entwicklung von Kindern, dass Eltern auf keinen Fall verpassen sollten.
SWR Aktuell: Wie sieht es mit der Lesekompetenz von Kindern in Deutschland aus?
Sabine Uehlein: Es hat sich verschlechtert, dass Kinder 'sinnentnehmend' lesen, also auch verstehen können, was sie da lesen. Das liegt daran, dass sich unsere Gesellschaft verändert hat. Wir haben in den Kindergärten und Schulen eine sehr heterogene Gruppe. Die Kinder sprechen viele unterschiedliche Sprachen. Das kann dann schwierig werden, dass man ein gemeinschaftliches Standardlernen hinbekommt. Deswegen werden nicht alle im Unterricht mitgenommen und das kann ein Grund dafür sein, dass jedes vierte Kind von der Grundschule geht, ohne richtig lesen zu können. Darum ist es so wichtig, dass auch zu Hause ein Beitrag geleistet wird und Eltern ihren Kindern vor allem vor dem Schuleintritt und darüber hinaus vorlesen. Leider ist die Realität, dass in jeder dritten Familie in Deutschland nicht vorgelesen wird.
SWR Aktuell: Warum ist das so?
Sabine Uehlein: Wir haben Eltern gefragt, die nicht vorlesen. Da kommen oft diese drei Antworten: Keine Zeit, mein Kind hat darauf keine Lust und es gibt keinen Stoff in meiner Sprache zum Vorlesen. Es müsste meiner Meinung nach mit viel größerer Selbstverständlichkeit Geschichten in anderen Sprachen geben, die leicht erhältlich sind. Aber ich glaube nicht, dass Kinder kein Interesse haben, vorgelesen zu bekommen. Wir sprechen mit Kindern und die allermeisten schätzen es. Ich denke Eltern empfinden es dann oft einfach als zu mühsam.
SWR Aktuell: Was raten Sie Eltern?
Sabine Uehlein: Das Vorlesen auf keinen Sockel stellen. Oft sagen Eltern, oh Gott, aber ich muss die Geschichte in vielen unterschiedlichen Stimmlagen lesen und das Kind muss 20 Minuten stillsitzen. Es reicht auch, wenn man zum Beispiel im Zug sitzt oder beim Arzt wartet, dass man auf dem Handy eine Geschichte parat hat und fünf Minuten vorliest.
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"In vielen Familien gehört das Vorlesen nicht dazu" Fünf Tipps für Eltern, wie Bücher Kindern richtig Spaß machen
Am 21. November ist Bundesweiter Vorlesetag. Mit diesen Tipps kann das gemeinsame Schmökern wieder zu einem tollen Erlebnis für alle werden.
SWR Aktuell: Es müssen ja nicht ausschließlich Eltern sein, die ihren Kindern vorlesen, oder?
Sabine Uehlein: Das stimmt, es gibt etwa junge Influencer auf Social Media, die Bücher vorstellen und damit ihre Community erreichen. Und es wäre toll, wenn diese Gruppe ihre Leidenschaft und Faszination fürs Lesen teilt, in dem sie anderen Kindern vorliest, Stichwort Lesepaten. Lesen ist oft sehr weiblich sozialisiert und deswegen würde ich mir insgesamt wünschen, dass sich auch noch mehr Männer als Lesepaten engagieren, weil Jungen Identifikationsfiguren brauchen.
Wer Lesepaten sind und was sie machen, können Sie hier nachlesen:
Für mehr Lesekompetenz Aktion "Mehr Lesepaten für Rheinland-Pfalz"
SWR1 Rheinland-Pfalz sucht Lesepaten für Rheinland-Pfalz – für mehr Lesekompetenz.
SWR Aktuell: Was ist das Ziel des Bundesweiten Vorlesetags?
Sabine Uehlein: In diesem Jahr findet inzwischen der 22. Vorlesetag statt. Das Motto ist in diesem Jahr: 'Das Vorlesen spricht deine Sprache'. Jede Stimme zählt, unabhängig davon, in welcher Sprache vorgelesen wird und wer vorliest. Der Aktionstag soll Sichtbarkeit auf das Thema Vorlesen lenken.