Saima Mahmood weiß, was es bedeutet, jahrelang in Deutschland zu leben, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. 2003 kam sie mit ihrem Mann aus Pakistan nach Deutschland. In ihrer Heimat hatte sie an der Uni zwar einen Bachelor-Abschluss gemacht, aber in Ludwigshafen kümmerte sie sich um Haushalt und Kinder, einen Sprachkurs besuchte sie erst 2011. "Damals verlangte das keiner", erklärt sie. Sie habe sich isoliert gefühlt.
Sprache wichtig für Teilhabe am Leben
Das hat sich geändert: Inzwischen spricht sie fließend Deutsch und leitet bei der VHS in Ludwigshafen selbst einen Kurs – den "Blauen Anker" – der für Migranten und Geflüchtete Orientierung und Hilfsangebote anbietet. Sprache sei der Schlüssel zur Integration, sagt Mahmood. Dass das Bundesinnenministerium die freiweilligen Integrationskurse auf Eis gelegt hat, mache "keinen Sinn". Denn der Kurs sei auch für die spätere Jobsuche wichtig: "Wenn man in einem bestimmten Beruf arbeiten möchte, verlangt jeder Arbeitgeber das B2-Sprachzertifikat."
Anbieter und Integrationsminister Lucha entsetzt "Rückwärts in die Gastarbeiter-Ära": Scharfe Kritik an Beschränkung von Integrationskursen
Das BAMF bezahlt die freiwillige Teilnahme an Kursen nicht mehr. Ein falsches Signal, kritisieren Anbieter und BW-Integrationsminister Lucha - und warnen vor unerwünschten Folgen.
Die normalen Integrationskurse umfassen 600 Deutsch-Stunden und 100 Stunden Orientierung - unter anderem zur deutschen Rechtsordnung sowie zu Werten wie Toleranz und Gleichberechtigung. Wer gute Lernvoraussetzungen mitbringt, kann einen etwas kürzeren Intensivkurs besuchen.
Volkshochschulen: Rückschritt bei der Migration
2015 wurden den Volkshochschulen buchstäblich die Türen zu ihren Integrationskursen eingerannt. "Wir konnten uns damals vor Arbeit kaum retten. Die Frage war, wie bekommen wir noch mehr organisiert", erinnert sich Manuela Zeilinger-Trier, die Leiterin der VHS Trier. Rund elf Jahre später nun der genau umgekehrte Weg: Integrationskurse werden gestrichen. Mindestens ein Drittel der Menschen, die in den vergangenen Jahren Integrationskurse bei der VHS Trier besucht haben, können das nun nicht mehr kostenlos tun.
Kurse werden abgesagt Gestrichene Deutschkurse: "Unverschämtheit" sagt die VHS Mainz
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge kürzt die Ausgaben für Deutsch- und Integrationskurse. "Katastrophal" sagt dazu die VHS in Mainz.
Geld wird maßgeblich für Integration Geflüchteter
Wer zwar keinen gesetzlichen Anspruch mehr auf einen Integrations- oder Sprachkurs hat, ihn aber dennoch machen möchte, muss ihn selbst zahlen. Geld werde somit zu einer Voraussetzung für Integration, sagt Zeilinger-Trier.
Es wird eine Zweiklassengesellschaft von Migrantinnen und Migranten geben.
Personen, die nach Deutschland kommen und die finanziellen Mittel haben, hätten dadurch einen entscheidenden Vorteil. Sie könnten sich die Kurse leisten. Andere, denen das Geld nicht zur Verfügung stehe, bliebe das verwehrt. "Es wird eine Zweiklassengesellschaft von Migrantinnen und Migranten geben", sagt Zeilinger-Trier von der Volkshochschule Trier.
Bundesregierung beschließt massive Einsparungen Zugewanderte in Freiburg bangen um ihre Integrationskurse
Für Integration soll es im kommenden Jahr weniger Geld geben, genauer gesagt für die Sprachkurse. Schulen und Zugewanderte in Freiburg fragen sich, was das für sie bedeutet.
VHS-Honorarkräfte haben Angst um Jobs
Die Volkshochschulen in Rheinland-Pfalz können durch die neue Regelung nun nicht mehr so viele Integrationskurse anbieten wie bisher. Die Volkshochschulen in Trier, Ludwigshafen, Koblenz und Kaiserslautern müssen nach eigenen Angaben Kurse ganz ausfallen lassen. Deshalb bangen auch die Mitarbeiter und Honorarkräfte an den Volkshochschulen um ihre Jobs.
Viele leben davon.
Auch Gulnora Yusupova aus Ludwigshafen ist davon betroffen. Seit zehn Jahren arbeitet sie als Sprachberaterin und Sprachlehrerin - auch in den Integrationskursen. Auch für sie würde das erhebliche Einbußen bei den Einnahmen bedeuten.
Leiterin Zeilinger-Trier der Volkshochschule in Trier betont: "Viele leben davon". Einen anderen Job hätten viele nicht. Und auch in Kaiserslautern teilt die Volkshochschule mit, dass Dozentinnen und Dozenten, die zum Teil seit Jahrzehnten dort unterrichten, nicht weiterbeschäftigt werden können.
Kritik am Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Die Volkshochschule Kaiserslautern ärgert sich vor allem über die Informationspolitik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Monatelang wusste die VHS nicht, wie es weitergeht – neue Zugangsberechtigungen für Kurse seien einfach nicht mehr ausgestellt worden. "Unverschämt", nennt es der Direktor der Volkshochschule in Kaiserslautern, Michael Staudt. Erst Anfang Februar sei ein Schreiben gekommen, das die Kürzungen bei den Integrationskursen erklärte. Für die VHS, die ihre Kurse etwa ein Jahr im Voraus plant, bedeutete das: Keine Planungssicherheit.
Empfangen von Familie und Freunden Zurück in Stuttgart: Abgeschobener Student aus dem Irak sicher gelandet
Ramzi Awat Nabi ist nach monatelangem Warten aus dem Irak zurück in Stuttgart. Der Student wurde im Sommer abgeschoben, viele Menschen hatten sich für seine Rückkehr stark gemacht.
Gulnora Yusupova von der VHS Ludwigshafen fürchtet, dass ohne die Integrationskurse künftig Integration kaum noch möglich ist. "Jeder findet einen arabischen Arzt, einen russischen Arzt, einen türkischen Arzt. Das funktioniert. Aber das sind Parallelgesellschaften. Ich weiß nicht, ob das das Ziel ist", sagt sie.