Unter einem Pavillon spricht ein Mann in ein Mikrofon. Um ihn herum hat sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Dann fallen zwei Schüsse. Der Mann sinkt zu Boden. Menschen ducken sich, werfen sich auf den Boden oder rennen weg.
Dem Video von den tödlichen Schüssen auf US-Aktivist Charlie Kirk konnte tagelang niemand auf Social Media entkommen. Auch viele Schülerinnen und Schüler aus Traben-Trarbach haben die Szenen gesehen. Beim SWR Besuch an der Realschule Plus erzählen sie davon.
"Die Bilder bekommt man nicht mehr aus dem Kopf", sagt der 15-jährige Noah Treitz: "Viele wollten das Video bei TikTok gar nicht sehen, aber es war einfach überall."
Schüler sehen Gewalt und Hakenkreuze bei TikTok
Auf Plattformen wie TikTok und Instagram sehen Jugendliche täglich Inhalte, die viele nicht für altersgerecht halten. Die Schülerinnen und Schüler aus Traben-Trarbach erzählen, wie ihnen auch schon Hakenkreuze und Gewaltvideos angezeigt wurden. Mädchen erzählen von anstößigen Kommentaren von älteren Männern. Jungs berichten von Spam- und Betrugsnachrichten.
Auch bemerken viele, wie viel Zeit ihnen Social Media raubt. Für Tamina Förster zum Beispiel ist diese ganze Online-Welt noch neu. Erst seit einem Monat hat die 12-Jährige einen TikTok Account. Doch auch ihr ist schon aufgefallen, wie die App ihren Alltag verändert: "Wenn ich nach der Schule nach Hause komme, sage ich mir oft, dass ich nur 20 Minuten auf TikTok scrollen will. Doch am Ende wird dann oft eine Stunde daraus."
Regeln statt Verbot für Social Media
Strengere Regeln im Umgang mit Social Media müssen her, sagen die Schülerinnen und Schüler in Traben-Trarbach. Viele sehen aber eher die Betreiber der Plattformen und die Eltern in der Pflicht, ihre Kinder zu schützen, als die Politik.
Ein Verbot für Jugendliche bis 14 - wie es CDU und SPD planen - lehnen hier viele allerdings ab. "Ich glaube ein Verbot würde die Leute eher anstacheln, sich dort erst recht anzumelden", meint der Schüler Jeremias Ulrich.
Der 18-jährigen Nara Abdul Aziz erscheint die Altersgrenze mit 14 außerdem willkürlich gewählt: "Da gibt es Inhalte, die niemand sehen sollte - egal ob er Jugendlicher oder Erwachsener ist." Gewalt, Cybermobbing und Pornografie zum Beispiel.
Jugendliche: "Soziale Medien haben auch positive Seiten"
Doch neben diesen problematischen Inhalten gebe es auch viele positive Seiten von sozialen Medien, sagen die Jugendlichen. Lenni Beth zum Beispiel bringt sich viele Dinge mit Hilfe von Erklärvideos auf YouTube bei. Ksenia Jenich nutzt TikTok zum Abschalten: "Es gibt Tage, an denen ich auch einfach Videos gucken und chillen möchte." Ein Verbot fände sie "echt hart", sagt die Schülerin.
Expertin fordert Social Media Verbot
Sabine Klomfaß hingegen hält ein Verbot für überfällig. Die Trierer Bildungswissenschaftlerin untersucht an einer Realschule Plus in Zweibrücken, wie Smartphones und Social Media sich auf Kinder auswirken. Wissenschaftliche Studien belegen die negativen Erfahrungen der Schüler, sagt sie: "Manche Jugendliche entwickeln durch soziale Medien psychische Erkrankungen bis hin zu Selbstmordgedanken. Und diese Gefahren werden schon seit Jahren kleingeredet."
Die Eltern würden mit dem Problem allein gelassen. Denn sie könnten einerseits kaum kontrollieren, was ihre Kinder zu sehen bekommen. Und andererseits sei es für sie schwer Grenzen zu setzen - in einer Welt, in der alle ein Smartphone nutzen.
Das Argument der Kinder: "Wenn mein Freund das nutzt, warum darf ich das dann nicht auch?" Ein Verbot könne Eltern hier entlasten, sagt Klomfaß: Denn dann gäbe es ja für alle die gleichen Regeln, auf die man sich berufen könnte.
Konflikte durch Social Media und Chatgruppen
An der Realschule Plus in Traben-Trarbach gibt es bereits Regeln. Die Schülerinnen und Schüler dürfen zwar Handys mitnehmen. Sie sollen aber ausgeschaltet im Schulranzen bleiben. Sie auf dem Pausenhof oder im Klassenzimmer zu nutzen, um zum Beispiel Videos zu drehen, ist verboten.
Das Problem sei, dass diese Regeln enden, wenn die Schulglocke läutet, meint Schulsozialarbeiter Johannes Treitz: "Wir müssen hier öfter mal Konflikte lösen, die außerhalb der Schule in Chatgruppen entstehen." Außerdem setze die Realschule Plus eigentlich schon zu spät an, sagt Treitz: "Die allermeisten Kinder haben schon ein Smartphone, bevor sie zu uns kommen. Wir laufen der Entwicklung also hinterher." Auf Gefahren hinweisen und Umgangsregeln vermitteln - das müsse schon früher passieren, in den Grundschulen.
Social Media: Schüler wollen bei Verbot mitreden
Wenn das Social-Media-Verbot kommt, dürfe das nicht bedeuten, dass Präventionsarbeit dann eingestellt wird, findet Treitz. Die Kinder und Jugendlichen müssten ja trotzdem lernen, die Geräte zu bedienen und Social Media zu verstehen. Doch wie soll das klappen, wenn sie die Plattformen nicht mehr nutzen dürfen?
Neues Angebot des SWR Studios Trier Nachrichten aus der Region Trier jetzt auf WhatsApp lesen
Das SWR Studio Trier ist jetzt auch auf dem Messenger-Dienst WhatsApp aktiv. Dort finden Sie regionale Nachrichten von Mosel und Saar, aus der Eifel, Hunsrück und Hochwald.
An der Realschule Plus in Traben-Trarbach gehen die Meinungen auseinander. Dass über das Thema gesprochen wird, finden alle hier gut. Was sich die Schülerinnen und Schüler allerdings wünschen: Sie würden gerne gefragt werden, bevor die Politik eine so weitreichende Entscheidung über ihr Leben trifft.