Debatte um Social Media an der Mosel

Schüler bei TikTok: "Bilder bekommt man nicht mehr aus dem Kopf"

  • Gewalt, Pornos, Hasssymbole: Schülerinnen und Schüler aus Traben-Trarbach erzählen, was sie auf Social Media wie TikTok zu sehen bekommen. Und was sie von einem Verbot halten.

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Stand

Von Autor/in Christian Altmayer

Unter einem Pavillon spricht ein Mann in ein Mikrofon. Um ihn herum hat sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Dann fallen zwei Schüsse. Der Mann sinkt zu Boden. Menschen ducken sich, werfen sich auf den Boden oder rennen weg.

Dem Video von den tödlichen Schüssen auf US-Aktivist Charlie Kirk konnte tagelang niemand auf Social Media entkommen. Auch viele Schülerinnen und Schüler aus Traben-Trarbach haben die Szenen gesehen. Beim SWR Besuch an der Realschule Plus erzählen sie davon.

"Die Bilder bekommt man nicht mehr aus dem Kopf", sagt der 15-jährige Noah Treitz: "Viele wollten das Video bei TikTok gar nicht sehen, aber es war einfach überall."

Noah Treitz kriegt die Bilder von den Schüssen auf Charlie Kirk nicht mehr aus dem Kopf.
Noah Treitz kriegt die Bilder von den Schüssen auf Charlie Kirk nicht mehr aus dem Kopf.

Schüler sehen Gewalt und Hakenkreuze bei TikTok

Auf Plattformen wie TikTok und Instagram sehen Jugendliche täglich Inhalte, die viele nicht für altersgerecht halten. Die Schülerinnen und Schüler aus Traben-Trarbach erzählen, wie ihnen auch schon Hakenkreuze und Gewaltvideos angezeigt wurden. Mädchen erzählen von anstößigen Kommentaren von älteren Männern. Jungs berichten von Spam- und Betrugsnachrichten.

Auch bemerken viele, wie viel Zeit ihnen Social Media raubt. Für Tamina Förster zum Beispiel ist diese ganze Online-Welt noch neu. Erst seit einem Monat hat die 12-Jährige einen TikTok Account. Doch auch ihr ist schon aufgefallen, wie die App ihren  Alltag verändert: "Wenn ich nach der Schule nach Hause komme, sage ich mir oft, dass ich nur 20 Minuten auf TikTok scrollen will. Doch am Ende wird dann oft eine Stunde daraus."

Tamina Förster hat erst seit einem Monat TikTok und muss schon feststellen, dass sie dort manchmal länger scrollt, als sie es sich vornimmt.
Tamina Förster hat erst seit einem Monat TikTok und muss schon feststellen, dass sie dort manchmal länger scrollt, als sie es sich vornimmt.

Regeln statt Verbot für Social Media

Strengere Regeln im Umgang mit Social Media müssen her, sagen die Schülerinnen und Schüler in Traben-Trarbach. Viele sehen aber eher die Betreiber der Plattformen und die Eltern in der Pflicht, ihre Kinder zu schützen, als die Politik.

Ein Verbot für Jugendliche bis 14 - wie es CDU und SPD planen - lehnen hier viele allerdings ab. "Ich glaube ein Verbot würde die Leute eher anstacheln, sich dort erst recht anzumelden", meint der Schüler Jeremias Ulrich.

Der 18-jährigen Nara Abdul Aziz erscheint die Altersgrenze mit 14 außerdem willkürlich gewählt: "Da gibt es Inhalte, die niemand sehen sollte - egal ob er Jugendlicher oder Erwachsener ist." Gewalt, Cybermobbing und Pornografie zum Beispiel.

Nara Abdul-Aziz findet auf sozialen Medien viele Inhalte, die sie nicht sehen will.
Nara Abdul-Aziz ist schon volljährig. Auf Social Media findet die 18-Jährige aber trotzdem viele Inhalte, die sie nicht sehen will.

Jugendliche: "Soziale Medien haben auch positive Seiten"

Doch neben diesen problematischen Inhalten gebe es auch viele positive Seiten von sozialen Medien, sagen die Jugendlichen. Lenni Beth zum Beispiel bringt sich viele Dinge mit Hilfe von Erklärvideos auf YouTube bei. Ksenia Jenich nutzt TikTok zum Abschalten: "Es gibt Tage, an denen ich auch einfach Videos gucken und chillen möchte." Ein Verbot fände sie "echt hart", sagt die Schülerin.

Ksenia Jenich verbringt gerne Zeit bei Social Media.
Ksenia Jenich verbringt gerne Zeit bei Social Media. Um den Medienkonsum ihres 11-jährigen Bruders allerdings macht sie sich manchmal Sorgen: "Da schau ich mir schon an, welche Apps er verwendet."

Expertin fordert Social Media Verbot

Sabine Klomfaß hingegen hält ein Verbot für überfällig. Die Trierer Bildungswissenschaftlerin untersucht an einer Realschule Plus in Zweibrücken, wie Smartphones und Social Media sich auf Kinder auswirken. Wissenschaftliche Studien belegen die negativen Erfahrungen der Schüler, sagt sie: "Manche Jugendliche entwickeln durch soziale Medien psychische Erkrankungen bis hin zu Selbstmordgedanken. Und diese Gefahren werden schon seit Jahren kleingeredet."

Die Eltern würden mit dem Problem allein gelassen. Denn sie könnten einerseits kaum kontrollieren, was ihre Kinder zu sehen bekommen. Und andererseits sei es für sie schwer Grenzen zu setzen - in einer Welt, in der alle ein Smartphone nutzen.

Die Trierer Bildungswissenschaftlerin Sabine Klomfass spricht sich für ein Verbot von Social Media bis 14 Jahren aus.
Die Trierer Bildungswissenschaftlerin Sabine Klomfaß spricht sich für ein Verbot von Social Media bis 14 Jahren aus.

Das Argument der Kinder: "Wenn mein Freund das nutzt, warum darf ich das dann nicht auch?" Ein Verbot könne Eltern hier entlasten, sagt Klomfaß: Denn dann gäbe es ja für alle die gleichen Regeln, auf die man sich berufen könnte.

Konflikte durch Social Media und Chatgruppen

An der Realschule Plus in Traben-Trarbach gibt es bereits Regeln. Die Schülerinnen und Schüler dürfen zwar Handys mitnehmen. Sie sollen aber ausgeschaltet im Schulranzen bleiben. Sie auf dem Pausenhof oder im Klassenzimmer zu nutzen, um zum Beispiel Videos zu drehen, ist verboten.

Johannes Treitz ist Schulsozialarbeiter an der Realschule Plus in Traben-Trarbach.
Johannes Treitz ist Schulsozialarbeiter an der Realschule Plus in Traben-Trarbach. Er muss auch Konflikte zwischen Schülern lösen, die durch soziale Medien entstehen.

Das Problem sei, dass diese Regeln enden, wenn die Schulglocke läutet, meint Schulsozialarbeiter Johannes Treitz: "Wir müssen hier öfter mal Konflikte lösen, die außerhalb der Schule in Chatgruppen entstehen." Außerdem setze die Realschule Plus eigentlich schon zu spät an, sagt Treitz: "Die allermeisten Kinder haben schon ein Smartphone, bevor sie zu uns kommen. Wir laufen der Entwicklung also hinterher." Auf Gefahren hinweisen und Umgangsregeln vermitteln - das müsse schon früher passieren, in den Grundschulen.

Social Media: Schüler wollen bei Verbot mitreden

Wenn das Social-Media-Verbot kommt, dürfe das nicht bedeuten, dass Präventionsarbeit dann eingestellt wird, findet Treitz. Die Kinder und Jugendlichen müssten ja trotzdem lernen, die Geräte zu bedienen und Social Media zu verstehen. Doch wie soll das klappen, wenn sie die Plattformen nicht mehr nutzen dürfen?

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An der Realschule Plus in Traben-Trarbach gehen die Meinungen auseinander. Dass über das Thema gesprochen wird, finden alle hier gut. Was sich die Schülerinnen und Schüler allerdings wünschen: Sie würden gerne gefragt werden, bevor die Politik eine so weitreichende Entscheidung über ihr Leben trifft.

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Impuls SWR Kultur

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Christian Altmayer
Foto von Christian Altmayer, Redakteur bei SWR Aktuell im Studio Trier

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