Eine Frau, deren Mann sich plötzlich getrennt hat, ein Anrufer, der eine Krebsdiagnose erhalten hat, ein Jugendlicher, der von Menschen in seinem Umfeld gemobbt wird. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie stecken in einer individuellen Krise und wissen nicht mehr weiter. Hilfe suchten sie bei der Telefonseelsorge Trier.
Stephanie Schneider leitet die Beratungsstelle seit drei Jahren. Mit drei Festangestellten und 70 ehrenamtlichen Mitarbeitern sorgt sie dafür, dass Menschen, die in einer schwierigen Lebenssituation stecken Unterstützung bekommen.
Beratung per Telefon, Mail oder persönlich
In sechs Schichten pro Tag sind zwei Telefone bei der Trierer Telefonseelsorge rund um die Uhr besetzt. Dort kann sich jeder, der Gesprächsbedarf hat, kostenfrei und anonym melden. Auch eine persönliche oder E-Mail-Beratung ist möglich.
2025 haben wir hier etwa 10.000 Gespräche geführt und mehr als 1.000 E-Mail-Kontakte gehabt.
Das Angebot wird stark nachgefragt, schildert Stephanie Schneider. "2025 haben wir hier etwa 10.000 Gespräche geführt und mehr als 1.000 E-Mail-Kontakte gehabt". Ähnliche Zahlen verzeichnen die anderen mehr als 100 Telefonseelsorge-Stellen in Deutschland.
An Feiertagen besonders nachgefragt Wut und Trauer: Warum Menschen bei der Telefonseelsorge Hilfe suchen
Ein scheinbar frohes Fest und gleichzeitig die eigenen Ängste - zu Weihnachten prallen für viele Menschen zwei Welten aufeinander. Bedeutet: Hochbetrieb für die Telefonseelsorge.
Immer mehr Menschen stecken in Krisen
Zahlen, bei denen deutlich wird, wie viele Menschen eine derartige Beratung benötigen. Wer denkt, dass die Telefone vor allem im Winter und in den dunklen, kühlen Monaten heiß laufen, irrt. Denn viele Anrufe würden vor allem im Frühjahr oder in den Sommermonaten kommen, sagt Stephanie Schneider.
Insgesamt scheint es, als ob immer mehr Menschen im Alltag stark belastet seien oder in Krisen steckten. Das wundert die Expertin nicht: "Viele Menschen erleben ein Scheitern, weil sie mit bestimmten Anforderungen und Lebensbedingungen nur schwierig umgehen können. Weil mehr Flexibilität gefragt ist, weil die sozialen Netze und Familienbeziehungen wegfallen, weil alles insgesamt brüchiger wird."
Einsamkeit ist ein großes Thema
Das ist nicht nur ein individueller Eindruck, sondern wird auch sichtbar: Zum Beispiel bei den langen Wartelisten für Psychotherapeuten oder Plätze in entsprechenden Tages- und Fachkliniken. Doch bei einem Großteil der Anrufer der Telefonseelsorge geht es gar nicht um tiefgreifende psychologische Erkrankungen. Die Menschen, die dort Hilfe suchen, brauchen vielmehr einen Gesprächspartner, jemand der ihnen zuhört und in einer ihnen vermeintlich aussichtslosen Situation eine Perspektive aufzeigt.
Die Zahl der Anrufer, die Hilfe suchen, weil sie einsam sind und sonst niemanden haben, dem sie sich anvertrauen steigt, sagt Stephanie Schneider. Und das betreffe nicht nur Senioren, sondern auch zunehmend Jugendliche und junge Erwachsene. Sätze wie "Ich habe niemanden, mit dem ich heute gesprochen habe" oder "Es ist niemand da, der irgendwie Zeit hat, mit mir zu sprechen", seien deshalb keine Seltenheit.
Anruf bei Telefonseelsorge kann helfen
Doch auch Probleme in familiären Beziehungen, existenzielle Ängste, körperliche Beschwerden oder auch Depressionen sind immer wieder Themen, die in den Anrufen angesprochen werden. Auch wenn es für viele ein großer Schritt ist, persönliche Probleme an Außenstehende heranzutragen, ein Anruf bei der Telefonseelsorge kann helfen, sagt Stephanie Schneider.
Wir alle haben Entwicklungskrisen, wir alle kennen Schmerz. Schmerz gehört zum Leben dazu, wird aber viel ausgeblendet.
"Wir alle haben Entwicklungskrisen, wir alle kennen Schmerz. Schmerz gehört zum Leben dazu, wird aber viel ausgeblendet. Wenn man aber mit seiner Traurigkeit nirgendwo ankommt, keine Freunde hat, mit denen man sprechen kann oder die einen in den Arm nehmen oder sich eventuell auch niemanden zeigen will, dann kann man bei uns anrufen."
Telefonseelsorge - Ein offenes Ohr für Jeden
Denn alle, die bei der Telefonseelsorge Hilfe suchen, können sich einer Sache sicher sein: Ihnen wird zugehört. In den Gesprächen gehe es für die Mitarbeiter nicht primär darum, gute Ratschläge zu verteilen oder Lösungen für jedes Problem zu finden, sagt Stephanie Schneider. Stattdessen stehe im Mittelpunkt ein offenes Ohr zu bieten, damit sich die Anrufenden mitteilen können.
"Es geht darum, wirklich da zu sein, aufmerksam zu sein und dem anderen zu signalisieren, ich habe keine Angst davor, auch deinen Schmerz jetzt zu sehen." Die Mitarbeiter versuchten dabei stets das zu hören, was zwischen den Zeilen gesagt wird, anstatt direkt zu trösten oder gar das Problem zu bagatellisieren.
Ich glaube aber auch, dass Zuhören wirklich auch etwas sehr Kompetentes ist. Viele Menschen haben keine Idee, was wirklich gutes Zuhören ist.
Zuhören als Kernkompetenz
Ziel sei es im besten Fall gemeinsam herauszufinden, was der Anrufende braucht, um wieder Hoffnung zu schöpfen und zu erkennen, dass es irgendwie weiter geht. "Ich glaube aber auch, dass Zuhören wirklich auch etwas sehr Kompetentes ist. Viele Menschen haben keine Idee, was wirklich gutes Zuhören ist und das ist etwas, was man bei der Telefonseelsorge lernen kann", sagt die Expertin.
Die Dauer der Gespräche variiert, je nach Problematik und Anrufer. Das Telefonat kann mal 10 oder 20 Minuten, aber genauso gut auch bis zu einer Stunde dauern. Die meisten Anrufe kämen in den Morgen- und Abendstunden. Um möglichst vielen Menschen helfen zu können, bildet die Telefonseelsorge jedes Jahr neue Ehrenamtliche aus.
Neue Ehrenamtliche werden dringend gesucht
Der Kurs dafür dauert ein Jahr. Einmal pro Woche werden die Teilnehmer dabei sowohl in theoretischen Grundlagen als auch in der Praxisarbeit geschult. Wer sich für das Ehrenamt interessiert, sollte zunächst einmal Zeit mitbringen. Zum einen für die Ausbildung und zum anderen für die vierstündigen Schichten am Telefon.
Auf persönlicher Ebene sollten Menschen, die bei der Telefonseelsorge arbeiten wollen, die Bereitschaft haben, sich auf andere Perspektiven einzulassen und auch schwierige Gespräche aushalten und meistern können, erklärt Stephanie Schneider.
Zu Fremden eine Verbindung aufbauen
Das, was man dafür zurückbekommt, sei enorm. Denn das Gefühl für andere da zu sein, jemandem helfen zu können, eine Verbindung zu einem Fremden aufzubauen sei sinnstiftend und erfüllend. Auch für die Leiterin der Telefonseelsorge, die selbst immer noch am Telefon sitzt: "Das sind so kleine Momente, wo noch mal anders Begegnung möglich ist, und wo ich einfach merke, dass Beziehung und Verbindung aufbauen etwas ist, was trägt und was auch heilt."