Den Ausweg nach Moskau gibt es nicht. Bühnenbildner Rufus Didwiszus hat für Péter Eötvös‘ Oper „Drei Schwestern“ nach dem gleichnamigen Drama von Anton Tschechow auf der Bühne der Felsenreitschule eine Trümmerlandschaft errichtet. Die aus dem Tunnel hervorstrebenden Eisenbahnschienen sind in der Mitte in einem gewaltigen Abbruch auseinandergerissen. Ein Bombeneinschlag, eine Naturkatstrophe, es bleibt offen, was diese gewaltige Verwerfung verursacht hat.
Zugleich ein gewaltiges Bild für die Verwüstung des Lebens der drei in der Isolation gefangenen Schwestern. Und konsequent gedacht von Regisseur Evgeny Titov. Denn Eötvös beginnt seine Oper mit dem Epilog, dem abschließenden Abgesang auf das Glück.
Es bleibt die Hoffnung, das menschliche Leid könne doch ein Ende nehmen. Der Rest: das lange Lied in drei Sequenzen, wie es zu diesem durch nichts zu begründenden Zustands dauernden Leids gekommen ist.
Männer, die mit Frauenstimme singen
Es ist kein spezifisches Schicksal von Frauen, denn in dieser Oper singen nur Männer, aber auch mit Frauenstimmen. Drei Countertenöre verkörpern die Schwestern Irina, Mascha und Olga, hinzu kommt noch Natascha, die Frau ihres Bruders Andrej. Bei der Uraufführung 1998 war so etwas noch eine echte Besetzungsherausforderung.
Die Blüte der Counterkultur in den letzten Jahren beschert den Salzburger Festspielen nun ein wahres Stimmwunder: Da ist der Sopranist Dennis Orellana als Irina, der nicht mit Kopfstimme singt, sondern dank ausgefallenem Stimmbruch mit weiblicher Stimme im Männerkörper. Eine Traumbesetzung für die zärtliche Zerbrechlichkeit der Irina.
Aryeh Nussbaum Cohen ist herber als älteste Schwester Olga. Der ungemein klangschöne Cameron Shahbazi ideal als die emotional in ihrer Liebe zum unerreichbaren Offizier Werschinin sich verzehrende Mascha. Dann ist da noch die sado-masochistische Hysterie der Natasha von Kangmin Justin Kim.
Kostüme knüpfen Beziehungen zum japanischen Theater
In den exzentrischen Kostümen von Emma Ryott wird jene Spur sichtbar, die Eötvös zum japanischen Noh-Theater gelegt hat, wo ebenfalls Frauenrollen von Männern verkörpert werden. Kim agiert wie ein japanischer Dämon, gespenstisch durch den Raum springend, der sich einen Liebhaber zulegt und zugleich den Gatten Andrej eifersüchtig verfolgt.
Das führt zur ungeheuerlichsten Szene des Abends: In seiner unglücklichen Ehe ist Andrej fett geworden. Mit einem Leidensausbruch entkleidet er sich und streift das ganze Fettpolsterkostüm ab. Der großartige Jacques Imbrailo singt splitterfasernackt, als sehne er sich nach einem anderen Körper.
Die Condition humaine, die menschliche Grundbedingung, ist das Leiden. Des Geschlechts bedarf es dafür nicht. Tschechows niederschmetternde Erkenntnis ist mit derartiger Vokaldisposition jene Klangwirklichkeit geworden, die für eine Vertonung überhaupt machbar ist.
Anbetungswürdiges Doppelorchester unter Maxime Pascal und Alphonse Cremin
Die Hoffnung liegt in der sinnlichen Klangsprache. Selbst auf ihrer geräuschhaften Ebene übt sie verführerischen Sog aus. Es ist wahrlich kein Abend der guten Laune. Aber das Traurige kann das Beglückende sein.
Es bedarf neben den hier rundweg exzellenten Sängerleistungen eines sich der Klangsprache von Eötvös bedingungslos hingebendem Doppelorchester im Graben und hinter der Bühne. Es bringt all die den Sängern zugeordneten Instrumente zum geschlechtsfreien Singen.
Das zum Orchester erweiterte, anbetungswürdige Klangforum Wien unter der perfekten Koordination der Dirigenten Maxime Pascal und Alphonse Cremin wird zu Recht frenetisch bejubelt. Die luxuriöse Salzburger Festspielaufführung ist aber auch der Triumph von Peter Eötvös‘ universellem Meisterwerk.
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