Vor 60 Jahren starb der Theatermacher

Erwin Piscator – Warum der Pionier des politischen Theaters heute wieder so aktuell ist

Das politische Theater von Erwin Piscator sei wieder hochaktuell, sagt Michael Lahr von Leïtis von der Erwin Piscator Award Society. Gruppen wie das „Rimini-Protokoll“ oder das „Zentrum für Politische Schönheit“ zeigten, dass Theater Menschen überall ansprechen kann.

Teilen

Stand

Von Erwin Piscator zu Milo Rau und Rimini-Protokoll

Erwin Piscator habe gewollt, dass Theater mehr ist als eine „Guckkastenbühne“, sagt Michael Lahr von Leïtis im Gespräch mit SWR Kultur. Das politische Theater von Piscator habe große Nachahmer gefunden, so der Vorsitzende der Erwin Piscator Award Society. So seien die Inszenierungen von Milo Rau ein hervorragendes Beispiel von politischem, engagiertem Theater.

Theatermacher Erwin Piscator mit dem Schriftsteller Peter Weiss 1965 an der Berliner Volksbühne
Die NS-Vergangenheit aufarbeiten: 1965 zeigte Erwin Piscator an der Berliner Volksbühne „Die Ermittlung“ von Peter Weiss über den ersten Auschwitz-Prozess.

Das gelte ebenso für die Gruppe „Rimini-Protokoll“ oder das „Zentrum für politische Schönheit“ und deren Aktionen, etwa die Aufstellung der Walter-Lübcke-Figur vor der CDU-Parteizentrale. Piscator habe gewollt, dass Theater Menschen überall anspreche, wo sie existierten.

Kämpfer für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen

Piscator hat sich seinen Ruf vor allem während der Weimarer Republik und in der Nachkriegszeit erworben. Er gilt als entschiedener Kämpfer für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Wie so viele andere Künstler seiner Generation sei er aus dem Ersten Weltkrieg als Traumatisierter zurückgekehrt. Michael Lahr von Leïtis: „Dagegen wollte er angehen und hat dann das entwickelt, was wir heute als politisches Theater bezeichnen.“

Erwin Piscator 1931 mit Schauspieler Herbert Ihering und dem Schriftsteller Friedrich Wolf in Moskau
Ein „linker Vogel“ oder „nicht Kommunist genug“? Erwin Piscator 1931 mit Schauspieler Herbert Ihering und dem Schriftsteller Friedrich Wolf in Moskau.

Eine lange Fluchtgeschichte führte Piscator vor und während der NS-Zeit von der Sowjetunion nach Paris, schließlich in die USA. Kritisch beäugt wurde er nach seiner Rückkehr in Ost- und Westdeutschland: „Künstler in der DDR, Friedrich Wolf beispielsweise, verdächtigten ihn, nicht mehr Kommunist genug zu sein“, so Michael Lahr von Leïtis. „In der Bundesrepublik wurde er kritisch beäugt, weil er eine Zeit lang auch in der Sowjetunion war und man dachte, das ist ein linker Vogel.“

Peter Weiss und Rolf Hochhuth an der Berliner Volksbühne

Während seiner letzten Lebensjahre leitete er als Intendant die Freie Volksbühne in West-Berlin. Zentrales Anliegen seiner Arbeit war dabei die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Rolf Hochhuths für unspielbar gehaltenes Stück „Der Stellvertreter“ kürzte er auf zweieinhalb Stunden zusammen und brachte es Anfang 1963 gegen erhebliche Widerstände auf die Bühne. Als Regierender Bürgermeister ordnete Willy Brandt damals Polizeischutz für das Theater an.

Erwin Piscator (2.v.r.) mit dem Schriftsteller Rolf Hochhuth (Mitte) während einer Diskussion zu Hochhuths berühmtem Stück „Der Stellvertreter“ 1963 im Berliner Studentenhaus
Erwin Piscator (2.v.r.) mit dem Schriftsteller Rolf Hochhuth (Mitte) während einer Diskussion zu Hochhuths berühmtem Stück „Der Stellvertreter“ 1963 im Berliner Studentenhaus

Über die Motivation von Erwin Piscator sagt Michael Lahr von Leïtis: „Es gibt ein wunderbares Zitat von ihm, als er die Schlüssel dann endlich für die freie Volksbühne 1962 entgegennahm unter Willy Brandt als regierendem Bürgermeister in Berlin. Da sagt er: Verherrlichen wir den Menschen, flößen wir ihm das Heiligste aller Gefühle ein, Ehrfurcht des Menschen vor dem Menschen.“

„Aufklärung radikal gescheitert“ Regisseur Milo Rau verarbeitet Pelicot-Fall in 7-Stunden-Lesung

Mindestens 82 Männer vergewaltigten jahrelang die betäubte Gisèle Pelicot. Der Schweizer Regisseur Milo Rau zeigt im Rahmen der Wiener Festwochen die Lesung „Der Prozess Pelicot“.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Berlin

Neue Aktion vom Zentrum für Politische Schönheit Kunstaktion vor CDU-Zentrale: Wie das Lübcke-Memorial die Debatte um die Brandmauer neu entfacht

Das Zentrum für Politische Schönheit stellt ein Walter-Lübcke-Memorial vor der CDU-Zentrale auf – und löst damit eine Debatte über Erinnerung, Verantwortung und politische Abgrenzung aus.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur