Von Erwin Piscator zu Milo Rau und Rimini-Protokoll
Erwin Piscator habe gewollt, dass Theater mehr ist als eine „Guckkastenbühne“, sagt Michael Lahr von Leïtis im Gespräch mit SWR Kultur. Das politische Theater von Piscator habe große Nachahmer gefunden, so der Vorsitzende der Erwin Piscator Award Society. So seien die Inszenierungen von Milo Rau ein hervorragendes Beispiel von politischem, engagiertem Theater.
Das gelte ebenso für die Gruppe „Rimini-Protokoll“ oder das „Zentrum für politische Schönheit“ und deren Aktionen, etwa die Aufstellung der Walter-Lübcke-Figur vor der CDU-Parteizentrale. Piscator habe gewollt, dass Theater Menschen überall anspreche, wo sie existierten.
Kämpfer für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen
Piscator hat sich seinen Ruf vor allem während der Weimarer Republik und in der Nachkriegszeit erworben. Er gilt als entschiedener Kämpfer für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Wie so viele andere Künstler seiner Generation sei er aus dem Ersten Weltkrieg als Traumatisierter zurückgekehrt. Michael Lahr von Leïtis: „Dagegen wollte er angehen und hat dann das entwickelt, was wir heute als politisches Theater bezeichnen.“
Eine lange Fluchtgeschichte führte Piscator vor und während der NS-Zeit von der Sowjetunion nach Paris, schließlich in die USA. Kritisch beäugt wurde er nach seiner Rückkehr in Ost- und Westdeutschland: „Künstler in der DDR, Friedrich Wolf beispielsweise, verdächtigten ihn, nicht mehr Kommunist genug zu sein“, so Michael Lahr von Leïtis. „In der Bundesrepublik wurde er kritisch beäugt, weil er eine Zeit lang auch in der Sowjetunion war und man dachte, das ist ein linker Vogel.“
Peter Weiss und Rolf Hochhuth an der Berliner Volksbühne
Während seiner letzten Lebensjahre leitete er als Intendant die Freie Volksbühne in West-Berlin. Zentrales Anliegen seiner Arbeit war dabei die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Rolf Hochhuths für unspielbar gehaltenes Stück „Der Stellvertreter“ kürzte er auf zweieinhalb Stunden zusammen und brachte es Anfang 1963 gegen erhebliche Widerstände auf die Bühne. Als Regierender Bürgermeister ordnete Willy Brandt damals Polizeischutz für das Theater an.
Über die Motivation von Erwin Piscator sagt Michael Lahr von Leïtis: „Es gibt ein wunderbares Zitat von ihm, als er die Schlüssel dann endlich für die freie Volksbühne 1962 entgegennahm unter Willy Brandt als regierendem Bürgermeister in Berlin. Da sagt er: Verherrlichen wir den Menschen, flößen wir ihm das Heiligste aller Gefühle ein, Ehrfurcht des Menschen vor dem Menschen.“
Politisches Theater nach Erwin Piscator
„Aufklärung radikal gescheitert“ Regisseur Milo Rau verarbeitet Pelicot-Fall in 7-Stunden-Lesung
Mindestens 82 Männer vergewaltigten jahrelang die betäubte Gisèle Pelicot. Der Schweizer Regisseur Milo Rau zeigt im Rahmen der Wiener Festwochen die Lesung „Der Prozess Pelicot“.
Philipp Ruch | Aktionskünstler | So provoziert der Künstler mit seinen Aktionen | SWR1 Leute
Philipp Ruch ist Aktionskünstler – und er ist gegen Rechtsextremismus. Mit der Kombination aus beidem ist er bereits das ein oder andere Mal medial aufgefallen. Zum Beispiel als er vor dem Haus von AfD-Mann Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal nachbaute. Oder als er einen Deepfake erstellte mit der Satireinitiative "Zentrum für politische Schönheit": Darin ist Bundeskanzler Scholz zu sehen, wie er ankündigt, ein AfD-Verbot zu beantragen. Dieses manipulierte Video durfte daraufhin nicht weiterverbreitet werden.
Aktuell hat Philipp Ruch in seinem Buch "Es ist 5 vor 1933" Chats und Mails gesammelt, die die Verfassungsfeindlichkeit der AfD deutlich machen sollen.
Der Aktionskünstler geht mit seinen provokanten Aktionen bewusst bis an die Grenzen des juristisch möglichen. Denn Philipp Ruch ist der Meinung, dass Kunst da aufhört, wo Gewalt beginnt!
Neue Aktion vom Zentrum für Politische Schönheit Kunstaktion vor CDU-Zentrale: Wie das Lübcke-Memorial die Debatte um die Brandmauer neu entfacht
Das Zentrum für Politische Schönheit stellt ein Walter-Lübcke-Memorial vor der CDU-Zentrale auf – und löst damit eine Debatte über Erinnerung, Verantwortung und politische Abgrenzung aus.
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