Gespräch

Oper „Dialogues des Carmélites“: Female Empowerment an der Staatsoper Stuttgart

Francis Poulencs Oper „Dialogues des Carmélites“ hat gerade Konjunktur. Im Frühjahr gab es mehrere Aufführungen in Deutschland, jetzt folgt die Staatsoper Stuttgart mit einer Neuinszenierung.

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Stand

Terror der Revolution und gesellschaftliche Umbrüche

Die Konjunktur der Oper hat sicher etwas mit unseren krisengeschüttelten Zeiten zu tun. In Poulencs „Dialogues des Carmélites“ stehen die Krisen des französischen Revolutionsterrors und der gesellschaftspolitischen Umbrüche auf dem Programm, gespiegelt in der Geschichte eines Nonnenklosters. Ein Stück über Angst und über den Mut der Solidarität.

Am Anfang sind wahrlich alle gleich. In ihrer Inszenierung von Francis Poulencs „Dialogues des Carmélites“ an der Staatsoper Stuttgart lässt Ewelina Marciniak vor dem Beginn der Musik Männer und Frauen auftreten, alle schwarz-weiß uniformiert, alle mit kurzem Haarschnitt. Eine fällt aus der Reihe, zu Boden, schert aus dem Stand und wird der Bühne verwiesen.

Konsequenzen der Revolution

Dann erst stimmt das Orchester ein. Dirigent Cornelius Meister tritt auf und wird von der uniformierten Masse auf der Bühne mit Applaus begrüßt. Gleich sind sie wohl alle, vielleicht auch brüderlich, weil sie auch die Frauen zu ihresgleichen gemacht haben, aber frei und schwesterlich wohl kaum.

Simone Schneider (Madame Lidoine, Rachael Wilson (Blanche de la Force), Claudia Muschio (Soeur Constance), Helene Schneiderman (Mère Jeanne), Catriona Smith (Soeur Mathilde), Staatsopernchor Stuttgart
Das Karmeliterinnenkloster wird an der Staatsoper Stuttgart zur Frauenkommune. Pressestelle Foto: Matthias Baus

Da sind die gutgemeinten Ideale der französischen Revolution in die bösartige Praxis der patriarchalen und kapitalen Gleichschaltung umgekippt. In dem von Mirek Kaczmarek mit goldenen und silbernen Wänden ausgestatteten Raum beginnt dann das Drama um Blanche, die sich von ihrer Familie zu den Karmeliterinnen verabschiedet.

Evelyn Herlitzius' grandioser Gesang geht durch Mark und Bein

Dieses Kloster ist eine Frauenkommune oder eine Sekte des „Female empowerment“. Das größte Zeichen individueller, weiblicher Freiheit ist das lange Haar in schillernden Farben, immer wieder mit deutlicher Haltung von vorne nach hinten geworfen.

In dieser Frauenkommune geht es aber auch streng zu. Regeln sind einzuhalten und Mère Marie, vehement eindringlich gesungen und verkörpert von Diana Haller, ist eine rot gewandete Kommissarin eines Feminismus, der sich nur durch radikale Willensgestaltung durchzusetzen in der Lage zu sein scheint.

Rachael Wilson (Blanche de la Force), Evelyn Herlitzius (Madame de Croissy)
Die Priorin erleidet in Poulencs letzter Oper einen qualvollen Tod. Pressestelle Foto: Matthias Baus

Mère Marie strebt denn auch eindeutig danach, Macht zu übernehmen von der sterbenskranken Priorin. Madame de Croissy ist eine von Evelyn Herlitzius mehrfach verkörperte Paraderolle, und ihr erschütternder Todeskampf eine darstellerische wie sängerische Tour de Force, die bei dieser grandiosen Sängerdarstellerin durch Mark und Bein geht.

Der Gang zur Guillotine

Die Gegenkräfte dieser weiblichen Freiheitsbewegung, deren Spiritualität der Meditation in an Gemälde von Mark Rothko angelehnten rot schimmernden Sogräumen stattfindet, sind die uniformierten Gleichmacher des Anfangs, die später auch in Kostümen der französischen Revolutionäre auftreten und dieser Frauenanarchie den Garaus machen.

Zum Tode verurteilt, werden den Schwestern die Haare geschoren. Am Ende sind sie alle gleich geworden und erleiden den gleichen Tod. Sechzehnmal rauscht in der Schlussszene das Fallbeil im Zuspiel herunter, die Frauen gehen durch einen Gang, an dessen Ende sie von oben mit roter Farbe besprüht werden, bevor sie sich der Reihe nach an die Rampe legen.

Staatsopernchor Stuttgart, Rachael Wilson (Blanche de la Force)
Der Tod der Frauen ist eine eindringliche Szene. Pressestelle Foto: Matthias Baus

Das ist ein vehementes Bild, mit dem das gegenwärtige Gerede um die nach wie vor dominierende Ungleichheit und Unfreiheit des anderen Geschlechts in eine tragische wie wütende Szene anhand von Poulencs Opernvorlage umformuliert wird. Es ist von großer szenischer Eindringlichkeit.

Fehlende Angst vor der Angst

Allerdings bleibt da auch etwas auf der Strecke. Poulencs Thema und das seiner Librettisten Getrud von Le Fort und George Bernanos, die Angst vor der Angst als eine existenzielle Grundbedingung jenseits von Geschlecht und Historie, tritt in den Hintergrund. Wiewohl auch die religiöse Spiritualität dieser streckenweise katholisch-lateinischen Liturgiemusik in Reibung gerät mit dem agnostischen Regieansatz.

Die Priorin erleidet einen fürchterlichen Tod, obwohl sie so gottergeben gelebt hat. Diese Fallhöhe wird nivelliert, wenn das Sterben als reine Qual dargestellt wird, ohne die Frage zu stellen, warum eine höhere Berufung es nicht friedvoller gestattet.

Eine Figur wie Mère Marie, die am Ende dem Revolutionsterror entflieht und nicht das von ihr verlangte Martyrium erleidet, wird dabei zu einer politisch zwiespältigen Figur einer linksradikalen Politgeschichte und weniger zu der allzu menschlich-verständlichen Schwäche des Überleben wollens. Das gehört aber auch zur allzu verständlichen Angst vor der Angst.

Musikalisch einwandfrei

Dabei holt Cornelius Meister am Pult des Staatsorchesters alle betörenden Klangfarben der choralhaften Bläserführung in den liturgischen Szenen hervor, das ungemein homogene Ensemble der Nonnen singt so schön, dass man sofort zum Katholizismus übertreten will.

Andererseits ist Rachael Wilson eine so markant leidenschaftliche Blanche, die ihre Angstpsychose zu ihrer Stärke macht. Claudia Muschios glasklarer, glockenheller Sopran macht aus der nur scheinbar kindlich-naiven Soeur Constance die reine Lebensfreude, die den visionär geträumten, mit Blanche gemeinsam erlittenen Tod zum erotischen Lustgewinn werden lässt.

Madame Lidoine ist bei der stimmgewaltigen Simone Scheider eine nachfolgende Priorin, die die Pflicht der solidarischen Verantwortung mit ihren Schwestern mit entsprechender stimmlicher Würde erfüllt. Cameron Becker gibt mit tenoraler Schärfe den erotisch von Blanche affizierten Bruder, der sich mit inzestuösem Begehren in die Höhe schraubt. Die durchgängig fabelhaften Ensembleleistungen werden am Ende von einem enthusiastisch jubelnden Publikum gefeiert.

Große Oper von gegenwärtiger Eindringlichkeit in Stuttgart

Das Staatsorchester ist so nuanciert präzise, dass die Dialoge nicht nur auf der Szene gewechselt werden, sondern zwischen Bühne und Graben perfekt ausbalanciert sind. Die dynamische Spannweite setzt Cornelius Meister in musikdramatischer Größe an.

Für eine lyrisch-französische Oper kann das auch manchmal etwas zu viel sein. Mit dem vehementen szenischen Engagement geht das allerdings Hand in Hand. Poulencs „Dialogues des Carmélites“ sind in Stuttgart große Oper von gegenwärtiger Eindringlichkeit.

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