Zwei unheilvolle Basstöne von John Williams – daa-dam… daa-dam… – kündigen den Räuber an, dazu Unterwasserkamerafahrten aus der Perspektive des Hais. Die Fantasie des Publikums übernahm den Rest.
Regisseur Steven Spielberg schuf damit eine kollektive Urangst vor einem Tier, das aus den Tiefen kommt, um uns zu holen, als fresswütiges Monster mit seelenlosen Augen.
„Sehen Sie sich diesen Film an, bevor Sie schwimmen gehen!“
Die Folge: Der Hai wurde zur Projektionsfläche. Für alles, was wir fürchten, aber nicht benennen können. Die Natur. Die Tiefe. Die Kontrolle, die wir verlieren, wenn wir baden gehen. „Der weiße Hai” legte die Angst vor dem Fremden ins Wasser. Und ließ sie dort nicht mehr verschwinden. „Sehen Sie sich diesen Film an, bevor Sie schwimmen gehen!“, lautete damals die provokante Werbung zu Steven Spielbergs Film.
Die Reaktionen waren heftig, der Tourismus an Badeorten brach ein, die Strände blieben leer. Gleichzeitig erhielten Polizei und Küstenwache plötzlich massenhaft Anrufe von Bürgern, die irgendwo eine Flosse im Wasser gesehen haben wollten. Die Mischung aus Faszination und Furcht, die „Der weiße Hai“ auslöste, wurde zu einem popkulturellen Zeitgeist-Moment. Es entstand die Galeophobie, die Hai-Angst.
Von Meeresbewohnern zu Monstern
Dabei hat der Film mit der Realität wenig zu tun, denn Haiangriffe auf Menschen sind extrem selten. Vor Spielbergs Meisterwerk galten Haie als faszinierende, meist harmlose Meeresbewohner, danach als tödliche Menschenjäger. Der australische Wissenschaftler Christopher Neff belegte, dass die negative Wahrnehmung von Haien seit 1975 deutlich gestiegen ist.
Es entstanden Haifangturniere und Trophäenjagden, die erheblichen Schaden anrichteten. Seit den frühen 1970er-Jahren ist die weltweite Population von ozeanischen Haien und Rochen um 71 Prozent zurückgegangen – eine Folge von Überfischung, wie eine im Fachjournal Nature veröffentlichte globale Studie aus 2021 zeigte. Die Wissenschaft spricht heute vom „Jaws-Effekt“. Der Originaltitel des Films lautet „Jaws”, auf Deutsch: das Maul.
Schuldgefühle auf dem Regiestuhl
Spielbergs Meisterwerk hinterließ nicht nur im Kino bleibende Spuren, sondern auch in der realen Welt – mit zwiespältigen Folgen. Der weiße Hai ist heute weltweit bedroht. Er steht auf der Roten Liste der IUCN. Dass seine Bedrohung zum Teil auf einen Hollywoodfilm zurückgeht, ist eine bittere Ironie der Kulturgeschichte. Und zugleich ein Beleg dafür, welche Macht Geschichten über Bilder entfalten können.
Sowohl Spielberg als auch Autor der Buchvorlage Peter Benchley waren über diese Entwicklung schockiert. Spielberg gestand kürzlich in einem BBC-Interview seine „aufrichtige Reue“ darüber, wie er damit Haien schadete. Benchley wechselte sogar die Seiten: Er wurde zum engagierten Meeresschützer und bekannte selbstkritisch, wenn er das Buch heute schreibe, wäre der Hai das Opfer.
Der Hai als Marke
Unterdessen wuchs „Der weiße Hai” zum Kultklassiker heran. 50 Jahre nach seinem Debüt wird das Jubiläum weltweit gefeiert: Auf Martha’s Vineyard, dem Original-Drehort, gibt es Konzerte und „Jaws“-Kostümfeste, wie die Washington Post berichtet.
Zudem begründete „Der weiße Hai” ein ganzes Hai-Horror-Subgenres. Zahlreiche Filme versuchten, auf der Erfolgswelle des räuberischen Meerestieres mitzuschwimmen wie etwa „Orca – Der Killerwal“ (1977) oder „Piranha“ (1978) von Joe Dante.
Mit der Zeit wandelte sich der Hai-Horror auch in Richtung Trash. Ein kurioser Höhepunkt ist neben „Ghost Shark“, „Roboshark“ oder „Sharkenstein“ sicherlich die „Sharknado“-Reihe (ab 2013), die einen wirbelsturmartigen Mix aus Haien und Katastrophenfilm liefert.
Ironischerweise ist das virale Kinderlied „Baby Shark“ mit 16 Milliarden Aufrufen bei YouTube mittlerweile eines der meistgesehenen aller Zeiten – kein einziger echter Hai hat vermutlich jemals solch ein Trauma verursacht.
Vom Monster zurück zum Meeresbewohner
Glücklicherweise hat in den letzten Jahren ein Umdenken eingesetzt. Filme wie „Findet Nemo“ (2016) oder Serien wie „Sharks“ (Disney+) stellen weiße Haie sympathischer oder zumindest differenzierter dar – was hilft, Vorurteile zu verringern. Zudem werde heute Haie vermehrt durch Abkommen wie CITES durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen, geschützt.
In den USA gibt es auch mittlerweile gesonderte Schutzgebiete. Meeresbiologen und Medien klären über die wahren, scheuen Verhaltensweisen der Haie auf. Sobald wir lernen, Haie zu verstehen, verlieren sie ihren Schreckensstatus – und „Der weiße Hai“ bleibt, was er sein sollte: ein fiktives Meisterwerk der Kinogeschichte, nicht mehr und nicht weniger.