Es ist eine Überraschung, die eigentlich keine sein sollte: Mit dem britischen Schauspieler Jonathan Bailey ist zum ersten Mal ein schwuler Mann zum „Sexiest Man Alive“ gekürt worden, wie das amerikanische Magazin „People“ am 4. November 2025 bekanntgab.
Seit 40 Jahren wird der Titel alljährlich vergeben, erstmals 1985 an Schauspieler Mel Gibson. Stars wie Sean Connery, Harrison Ford, David Beckham oder Idris Elba wurden seither für ihre Sexyness geehrt, Richard Gere, Brad Pitt, Johnny Depp und George Clooney erhielten den Titel sogar jeweils zweimal. Jonathan Bailey folgt nun auf US-Schauspieler und Regisseur John Krasinski.
„Es ist eine riesige Ehre. Ich bin unglaublich geschmeichelt. Und es ist vollkommen absurd“, kommentierte Jonathan Bailey seine eigene Auszeichnung. Er freue sich vor allem, die Nachricht nun mit Freunden und Familie teilen zu dürfen.
Das sind die Sexiest Men Alive seit 2005:
Aufgewachsen in der Londoner Theaterszene
Seine Karriere begann Bailey in den 1990er-Jahren in der Londoner Theaterszene: als Kinderdarsteller in Produktionen der Royal Shakespeare Company und im Musical-Klassiker „Les Misérables“. Die Londoner Kritiker überzeugte Bailey unter anderem als Cassio in Shakespeares „Othello“ am National Theatre (2013) oder im Zwei-Personen-Stück „The Last Five Years“ (2016).
2019 wurde er für seine Darstellung im Musical „Company“ von Stephen Sondheim mit dem Laurence Olivier Award ausgezeichnet, der wichtigsten Auszeichnung der Londoner Theaterszene. Bailey spielte Jamie, eine ursprünglich weibliche Rolle, der kurz vor der Hochzeit mit seinem Verlobten kalte Füße bekommt.
Daneben war Bailey auch immer wieder im britischen Fernsehen zu sehen: als Leonardo da Vinci in der Jugendserie „Leonardo“, als sexbesessener Immobilienmakler Sam in „Crashing“, der ersten Serie von und mit „Fleabag“-Erfinderin Phoebe Waller-Bridge sowie in Nebenrollen, unter anderem in den Erfolgsserien „Broadchurch“ und „Doctor Who“.
Internationaler Durchbruch mit „Bridgerton“
Dem internationalen Publikum wurde Bailey im Jahr 2020 bekannt durch seine Rolle als Anthony Bridgerton, das Oberhaupt der gleichnamigen Adelsfamilie in der Netflix-Serie „Bridgerton“. In der zweiten Staffel der Regency-Romanze verfolgten die Fans, wie Baileys Antony in bester „Der Widerspenstigen Zähmung“-Manier das Herz der zunächst abweisenden Kate, gespielt von Simone Ashley, erobert.
Seither ist der Brite sehr gefragt: In der vielgelobten Miniserie „Fellow Travelers“ zeichneten er und Matt Bomer den Lebensweg zweier schwuler Männer vom „Lavander Scare“ der McCarthy-Ära bis zur Aids-Krise der 1980er-Jahre nach.
Zuletzt feierte Bailey seine ersten großen Erfolge im Kino: Als Prinz Fiyero spielt und singt er neben Cynthia Erivo und Ariana Grande in der Musical-Verfilmung „Wicked“, deren zweiter Teil am 19. November in die Kinos kommt. Darüber hinaus war er neben Scarlett Johansson und Mahershala Ali die Hauptrolle im aktuellen Teil der „Jurassic World“-Reihe zu sehen.
Hollywoods offen schwuler Herzensbrecher
Seine Homosexualität machte Jonathan Bailey 2018 öffentlich, zwei Jahre vor dem großen Durchbruch mit „Bridgerton“. Was noch vor wenigen Jahren als sicheres Todesurteil für die Rollenchancen als Leading Man in Hollywood bedeutet hätte, scheint heute zumindest für Bailey kein Thema mehr zu sein.
Journalist*innen heben in Artikeln über den Schauspieler immer wieder neben Jonathan Baileys schauspielerischer Leistung auch das Charisma und den Charme des bescheiden wirkenden Briten in seinen Interviewterminen hervor.
Baileys freudige Verspieltheit wird dabei zum vermarktbaren Gut, etwa wenn in den sozialen Medien der Soundtrack von „Jurassic World“ damit promotet wird, dass Bailey selbst ein Klarinettensolo für das Leitmotiv seiner Figur eingespielt hat.
Das „Time Magazine“ urteilte bereits 2022, Bailey definiere die Figur des „Hollywood-Frauenschwarms“ neu. Die Tatsache, dass er als queerer Schauspieler von einem internationalen Publikum als Protagonist in (Hetero-)Liebesfilmen akzeptiert werde, zeige, wie sich die Gesellschaft weiterbewegt habe, kommentierte Bailey im Gespräch mit dem Magazin.
Steht Jonathan Bailey für ein neues Zeitalter in Hollywood?
Die Tatsache, dass Jonathan Bailey nun auch zum „Sexiest Man Alive“ gekürt wurde, beweist, dass die einstige eiserne Regel Hollywoods nicht mehr zwingend gilt: Die Homosexualität eines Schauspielers bedeutet heute nicht mehr, dass ihm bestimmte Rollen und Angebote verwehrt bleiben müssen.
Baileys Aufstieg kommt zu einer Zeit, in der queere Geschichten in Hollywood zunehmend den Weg aus der Nische finden: 2023 machten etwa die Schmachtereien zwischen dem First Son der USA und dem Enkel des britischen Monarchen den Film „Royal Blue“ zur erfolgreichsten romantischen Komödie des Jahres.
Gleichzeitig debattiert Hollywood hitzig, ob queere Rollen nur von queeren Schauspieler*innen gespielt werden sollten, da die Rollenangebote ansonsten doch oft spärlich ausfallen. Die verliebten Jungs in „Royal Blue“ wurden schließlich auch von zwei heterosexuellen Darstellern gemimt.
Jonathan Bailey ist in dieser Diskussion das glückliche Gegenbeispiel. Zwar kann sein Positivbeispiel im Alleingang kein über hundert Jahre verkrustetes Besetzungssystem hinwegfegen, aber Hoffnung macht es dennoch.