Wie steht es um Wikipedia? Fünf Fragen, die für die Zukunft des Online-Lexikons entscheidend sind:
Ist Wikipedia noch vertrauenswürdig?
Wer schreibt künftig Wikipedia?
Wie gefährlich ist KI für Wikipedia?
Ist Wikipedia vor Unterwanderung sicher?
Besteht Wikipedia gegen Trump und Musk?
Ist Wikipedia noch vertrauenswürdig?
Bei seiner Gründung 2001 galt Wikipedia als fragwürdige Informationsquelle. Das sei heute anders, meint der Innsbrucker Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch im Gespräch mit SWR Kultur. Während große Social-Plattformen heute in Desinformation, Propaganda und Fake News untergingen, sei Wikipedia vergleichsweise „eine Insel des vertrauenswürdigen Wissens“.
Probleme gibt es dennoch. Schätzungsweise 20 Prozent der Artikel gelten als veraltet, weitere 20 Prozent als inhaltlich fragwürdig. Auch deshalb werden neue Artikel mittlerweile von erfahrenen Wikipedianern abgenommen. Neue Autorinnen und Autoren müssen sich erst Vertrauen erwerben. Das allerdings vergrößert die Hemmschwelle, bei dem Online-Lexikon mitzuarbeiten.
Wer schreibt künftig Wikipedia?
Wikipedia war und ist vor allem ein Männerding, entstanden im Silicon Valley. „Wenn ein solcher Überhang erstmal da ist“, sagt Leonhard Dobusch, „entsteht auch eine Kultur, die nicht so frauenfreundlich ist, als wenn es schon von vornherein diverser und bunter zugegangen wäre.“
Das Ergebnis: Die meisten der 120.000 Autoren der englischen Wikipedia sind männlich und älter als 35. Themen wie Science Fiction, Sport und Videogames sind überrepräsentiert. Die kalifornische Wikimedia Foundation versucht das zu ändert, fördert „Fairness“ im Umgang sowie „Sicherheit und Inklusion“ jährlich mit Millionenbeträgen.
Die Ergebnisse bleiben bislang überschaubar. Leonhard Dobusch: „Seit über zehn Jahren stagniert die Zahl der Autorinnen und Autoren.“ Allerdings sei das ein allgemeines gesellschaftliches Problem. Wikipedia gehe es damit nicht anders als der Feuerwehr oder dem Roten Kreuz.
Wie gefährlich ist KI für Wikipedia?
Auch in Wikipedia tauchen jetzt Artikel auf, an denen eine KI mitgeschrieben hat. In der deutschsprachigen Ausgabe sind es etwa zwei Prozent der monatlich neu publizierten Artikel, in der englischsprachigen laut einer Studie sogar fünf Prozent.
Das Problem: KI-Bots erfinden nachrichtliche Quellen und schaffen falsche Zusammenhänge. International bekannt wurde ein Artikel zum Thema Informatik, in dem aus einer Studie über Käfer zitiert wurde. In der englischsprachigen Wikipedia dürfen Admins deshalb KI-erzeugte Artikel seit August 2025 löschen. In Deutschland werden ähnliche Lösungen diskutiert.
Leonhard Dobusch sieht darin eine besondere Ironie: „Wenn KI-Chatbots gerade mal nicht Fakten erfinden oder halluzinieren, dann meistens deshalb, weil sie auf Wikipedia-Wissen zugreifen.“ Leider werde das immer weniger Menschen bewusst. Sie würden auf Wikipedia selbst nämlich nicht mehr zugreifen, sondern nur auf Inhalte, die von Bots bereits aufbereitet wurden.
Ist Wikipedia vor Unterwanderung sicher?
Immer wieder versuchen Extremisten, das Online-Lexikon zu unterwandern, als Autoren falsche Inhalte zu erzeugen. Besonders bekannt wurde die rechtsextremistische Gruppe „Rosa-Liebknecht-Sockenpuppenzoo“. 2011 versuchte sie die deutschsprachige Wikipedia im eigenen Interesse umzuschreiben. Die Community des Netzwerks konnte den Angriff jedoch abwehren.
„Das Gegengift der Wikipedia war immer schon radikale Transparenz“, erklärt Leonhard Dobusch. „Jede Änderung, die an irgendeinem Artikel vorgenommen wird, wird aufgezeichnet und nachvollziehbar gemacht.“ Manipulationsversuche würden dadurch zwar nicht unmöglich, könnten aber aufgedeckt und korrigiert werden. Bislang scheint diese Immunabwehr zu funktionieren, dank tausenden Admins und Helfern.
Besteht Wikipedia gegen Trump und Musk?
Tech-Milliardär Elon Musk und die US-Regierung von Donald Trump verfolgen ein simpleres Ziel. Wikipedia nicht unterwandern, sondern unglaubwürdig machen. „Stop donating to Wokepedia“, forderte Musk Ende 2024. Wikipedia sei unterwandert von Linksextremisten. Musk versucht sein eigenes Online-Lexikon „Grokipedia“ aufzubauen.
Ein von Donald Trump ernannter Staatsanwalt beschuldigte Wikipedia im Frühjahr 2025, Propaganda zu verbreiten. Das Lager von Donald Trump stößt sich daran, dass Wikipedia rechtspopulistische Nachrichtenangebote als unglaubwürdige Quellen einstuft. Ähnliche Beurteilungen gibt es dabei auch für eine Reihe linksliberaler Publikationen in den USA.
Gefährlich sind die Attacken, weil auch Autorinnen und Autoren des Online-Lexikons ins Visier geraten. Die Trump-nahe Heritage-Foundation versucht mit Hilfe von Textanalysen und gehackten Nutzerdaten, Autoren zu ermitteln und an den Pranger zu stellen. Für Wikipedia zu schreiben, droht in den USA zu einem persönlichen Risiko zu werden.
Hoffen auf eine Zeit nach Donald Trump
In der deutschsprachigen Wikipedia gelten solche Kulturkämpfe bislang als weniger ausgeprägt. Auch die erste Regierungszeit von Donald Trump habe man überstanden. Vielleicht stehen die Chancen gar nicht so schlecht, dass Wikipedia auch die Attacken der Gegenwart überlebt.