Früh vor Putin gewarnt

Eine gute Wahl - Kommentar von Frank Hertweck

Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel ist Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2025. Eine gute Entscheidung, findet SWR Literatur-Redakteur Frank Hertweck. Schlögels Kritik an Russland seit der Annexion der Krim sei auch radikale Selbstkritik eines Intellektuellen gewesen.

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Zweifellos eine gute Wahl. Zweifellos eine geistesgegenwärtige Wahl. Mit Karl Schlögel traut sich die Jury nach der Historikerin und Journalistin Anne Applebaum und dem ukrainischen Dichter Serhiy Shadan, der an der Front gegen die russischen Truppen kämpft, zum dritten Mal ein Zeichen zu setzen, dass auch ein Friedenspreis an einen Intellektuellen gehen kann, der vehement die militärische Unterstützung der Ukraine im Abwehrkampf gegen den Aggressor Rußland fordert.

Gegen die Vorwürfe, dass hier mit dem Friedenspreis mentale Aufrüstung ausgezeichnet werde, zeigt sich die Jury zurecht resistent. 

Kampf mit den Mitteln der Geschichtsschreibung

Karl Schlögel selbst kämpft mit den Mitteln der Geschichtsschreibung, so gegen Putins ideologisches Narrativ, das Kiew als historische Keimzelle des russischen Reichs und die Ukraine darum als dessen Teil behauptet. „Ukrainische Lektionen“ hat er sein Buch „Entscheidung in Kiew“ im Untertitel genannt, das er schon 2015 veröffentlicht hat und 2025 aktueller denn je ist. 

Und die Lektionen gelten sowohl den gutgläubigen russlandfreundlichen Intellektuellen, die immer noch nicht die aggressiven, imperialen Visionen des Kremls verstanden haben, als auch sich selbst als ein Historiker, der vielleicht auch zu gutgläubig war.

Ein Zeitgenosse im radikalen Sinne

Damit ist schon einiges über den Historiker Karl Schlögel gesagt. Er ist im radikalen Sinne Zeitgenosse, das heißt empfänglich für die Strömungen und Konflikte der Zeit, aber eben auch bereit, blinde Flecken einzugestehen. „Die Annexion der Krim und der unerklärte Krieg in der Ostukraine haben mir die Augen geöffnet. Es war für mich der Moment, wo ich noch einmal neu nachdenken musste.“, sagte er in einem Interview mit dem Spiegel.  Das hat er in großen Geschichtswerken getan.

Dabei ist der subjektive Zugang ein Markenzeichen des Historikers Karl Schlögel, was aber nicht Willkür bedeutet, sondern erfahrungsgesättigt. Schlögel ist ein Historiker der Nähe. Damit hängt der Versuch zusammen, Geschichte von den Orten, den Dingen, dem scheinbar Selbstverständlichen her zu schreiben. 

Kleine Geschichten, die sich zu einer großen Erzählung fügen

„Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt“ versammelt den Alltag und die Routinen einer kommunistischen Diktatur, wir lernen etwas über die Toiletten in Moskau, die Haute Couture, die Müllbeseitigung, die beschränkten Wohnküchen mit der entsprechenden Esskultur, und die opulenten Metrostationen, aber ohne uns im Klein-Klein zu verlieren. Schlögel erzählt kleine Geschichten, die sich dem Lesenden jedoch zu einer großen zusammenhängenden Erzählung fügen.

In „Terror und Traum. Moskau 1937“ beschreibt er die explosive Ungleichzeitigkeit zwischen Gewalt und Utopie in einer Stadt, die mit den brutalen Säuberungen gerade unter den Anhängern der sowjetischen Revolution einen paranoiden Exzess erlebt und Schauplatz eines entfesselten Versuchs wird, einen Ort neuen Typs zu schaffen mit gigantischer Architektur und Aufmarschgebieten für Masseninszenierungen.

Zuletzt der überraschende Versuch, Amerika zu verstehen

Am Ende ist Karl Schlögel als Forscher ein Reisender. Und man darf vermuten, dass seinen Büchern immer auch Begegnungen vorausliegen. Nicht anders in seinem letzten, dem überraschenden Versuch, ein ganz anderes Land zu verstehen, das wir ebenfalls lange genug mit einer vielleicht schon blinden Brille angeschaut haben, um es noch verstehen zu können, nämlich Amerika. 

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Philine Sauvageot
Interview mit
Frank Hertweck