SWR1: In Baden-Württemberg konnte die AfD bei den jüngeren Wählern ihr Ergebnis fast verdreifachen auf 16 Prozent. Wie sieht es für die AfD bei Jungwählern in Rheinland-Pfalz aus?
Rüdiger Maas: Knapp 18 Prozent haben wir ermitteln können. Die AfD liegt gleichauf mit der CDU.
SWR1: Großer Verlierer bei Wählern unter 30 wird wohl die SPD sein. Was machen denn AfD und CDU anders als die anderen Parteien?
Maas: Die AfD ist vor allem auf TikTok. Immer wieder, wenn wir junge Menschen fragen, sagen sie, dass die Reels ziemlich nah an den Themen sind, die sie brauchen. Sie sagen: "Ich werde direkt angesprochen, ich finde die gut, die sind für mich wählbar".
Seitdem die jungen Menschen politisch denken können, ist die AfD mehr oder weniger etabliert. Die kommt in den Talkshows vor, die ist im Bundestag. Sie haben da nicht diese Berührungsängste, wie die ältere Generation. Deswegen wirkt die für sie viel nahbarer.
Jungwähler bewerten Parteien anders als ältere Wähler
SWR1: Kann man denn sagen, dass die Jugendlichen rechts regiert werden wollen? Für die gibt es keine Brandmauer, die würden die beiden Parteien gerne zusammen sehen.
Maas: Ich glaube nicht einmal, dass die so weit denken. Die haben das mit der Brandmauer gar nicht so verinnerlicht. Sie selbst schätzen sich nicht als rechts ein, sondern eher in der Mitte. Sie sehen die AfD nicht als rechtsextrem an. Sie sagen: "Die AfD bedient meine Themen, die mich umtreiben, und ich bin ja nicht rechtsextrem, deswegen ist die Partei eben auch nicht rechtsaußen".
Interessanterweise haben wir auch viele Menschen mit Migrationshintergrund gefragt. Die sagen: "Ich glaube schon, dass die meisten jetzt AfD wählen, aber das betrifft mich selbst gar nicht so. Wenn, müssen Leute remigrieren, mit denen ich nichts zu tun habe." Auch da sehen wir eine komplett andere Logik wie die, die ältere Menschen haben.
Extreme profitieren durch Social Media
SWR1: In den sozialen Medien ist die AfD nicht allein unterwegs. Reicht das nicht, was die anderen Parteien dort machen?
Maas: Die Linke und die AfD wirken einfach besser auf Social Media. Erstens müssen sie nie belegen, was sie da von sich geben, weil sie nicht in der Regierungsverantwortung sind.
Zweitens wirken Extreme intensiver auf Social Media. Egal, ob ich es gut oder schlecht finde. In irgendeiner Form reagiere ich stärker darauf, als auf einen ausgewogenen Content.
Wir sehen, dass zum Beispiel die SPD unglaublich viele Videos und Accounts auf TikTok und Instagram hat. Der Algorithmus bedient das aber weniger gut. Das sind mehrere Dinge: die User, der Algorithmus und dann noch die Interaktion, die stattfindet, wenn mich ein Video besonders triggert.
Die sagten, es entscheidet am Schluss TikTok oder der Wahl-O-Mat. (...) Das ist tatsächlich deren Lebensrealität und deren Informationsquelle Nummer 1.
SWR1: Bedeutet also TikTok und Instagram haben einen großen Einfluss, welche Partei die Jüngeren wählen?
Maas: Ja, einen erstaunlich großen. Wir hatten auch junge Menschen befragt, die noch nicht wissen, wen sie wählen. Die sagten, dass am Schluss TikTok oder der Wahl-O-Mat entscheidet. (...) Das ist tatsächlich deren Lebensrealität und deren Informationsquelle Nummer 1.
Das wirkt auf uns Ältere immer so reduzierend. Auf der anderen Seite muss man fairerweise sagen: Wenn jemand es schafft, in 20 Sekunden eine Botschaft zu vermitteln, die den anderen irgendwie begeistert, ist das auch eine Fähigkeit.
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Junge Männer und Frauen haben unterschiedliche Ängste
SWR1: Welche Aspekte spielen denn sonst noch eine Rolle?
Maas: Viele Jüngere haben sehr viele Ängste. Wir konnten feststellen: Je größer die Ängste sind, desto stärker ist der Anteil derer, die AfD oder Linke wählen. Die Ängste sind unterschiedlich gelagert.
Die, die die Linke wählen, sind meistens weiblich, in der Stadtmitte und haben Angst vor einem Rechtsruck oder noch mehr Frauenfeindlichkeit.
Die AfD wählen, sind eher die jungen Männer auf dem Land, die Angst vor finanziellen Abstieg haben. Ängste, dass es schlechter und schlimmer wird. (...) Wir attribuieren das dann auf Migration. "Die sind verantwortlich dafür, dass es mir schlechter geht oder dass es weniger gibt".
Auf die Nachfrage, ob es ihnen denn gerade schlecht geht, kam immer heraus, dass sie finanziell eigentlich gut gesättigt sind. Sie haben Angst, dass das nicht mehr so haltbar ist. Es ist tatsächlich eine Mischung aus Bequemlichkeit, Ängsten und einer Fehlzuschreibung.
Mehr Präsenz durch Social Media
SWR1: Das Ergebnis, dass jüngere Männer rechts, jüngere Frauen eher links wählen, beruht also auf Gefühlen, die gar nicht Realität sind?
Maas: Wenn Sie so wollen, kann man das so herunterbrechen. Die Angst vor dem Rechtsruck nehmen Frauen schon intensiver wahr, auch auf Social Media. Wir sehen, dass Themen wie Femizide oder Frauenfeindlichkeit auch sehr stark und sehr schnell viral gehen auf YouTube. Das wird dann in diesen Feeds auch immer wieder realisiert.
Da wird die Linke adressiert. Die Linke wird nicht aus wirtschaftlichen Gründen gewählt, sondern wegen dieses Themas. Die steht für Feminismus, die steht für eine Stärkung der Frauenrechte. Das sind die Themen, die junge Frauen zum Beispiel in die Parteien interpretieren.
Rüdiger Maas - Sichtweise auf Parteien verändert sich
Wir haben da keine Frustwähler, sondern, wenn man so möchte, Hoffnungswähler.
SWR1: Vor ein paar Jahren ging es bei der jüngeren Generation mehr ums Klima. Viele haben mit den Grünen sympathisiert. Jetzt sprechen wir viel von den Rändern, AfD und Linke. Verschiebt sich da etwas?
Maas: Die Jüngeren sehen die Grünen teilweise als extrem. Da hat sich ganz viel verschoben. Die sagen: "Das ist eine Partei, die mir ganz viele Dinge verbieten möchte. Das mit der Umwelt funktioniert so nicht." Und so weiter. Da wird ganz viel Negatives hineininterpretiert, was an vielen Punkten überhaupt nicht logisch ist.
Da verschiebt sich sehr viel in der Sicht der Jüngeren. Wir sehen, dass es oft Interaktionseffekte gibt, dass dann die Älteren auch Dinge der Jüngeren wieder übernehmen. Das bleibt dann nie bei den Jüngeren.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wahrscheinlichkeit bei den Jüngeren hoch ist, bei der nächsten Wahl wieder die gleiche Partei zu wählen. Wir haben da keine Frustwähler, sondern, wenn man so möchte, Hoffnungswähler. Die denken, dass diese Partei es für sie besser machen wird als die anderen Parteien. Es geht nicht darum, irgendeiner Partei eins auszuwischen, sondern es fühlen sich tatsächlich einige gut aufgehoben.