Pelicot, Giuffre, Kinski und Co.

Survival Memoirs: Schreiben über sexuellen Missbrauch

Nicht nur Gisèle Pelicot – viele Opfer sexueller Gewalt haben ihre Erfahrungen in Büchern verarbeitet. Das ist mutig und eine Möglichkeit, die Deutungshoheit zurückzugewinnen. Das Genre hat allerdings auch seine Fallstricke. 

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Von Autor/in Tobias Stosiek

Durch „die Leidenschaft, die ich erregte, ohne sie zu teilen“, sei sie „unmenschlich entwürdigt“ worden – mit diesen Worten eröffnet Gräfin Faustine ihrem Verehrer, dem Grafen Mengen, etwas, was der gar nicht hören will. Ihr mittlerweile verstorbener Mann habe sein „furchtbares Recht“ an ihr ausgeübt, erzählt sie ihm. Mit anderen Worten: Er hat sie vergewaltigt.

Ida Hahn-Hahn schreibt schon 1841 über sexuelle Gewalt

Das ist „nur“ eine Geschichte, allerdings eine ziemlich bemerkenswerte. Gräfin Faustine ist nämlich eine Romanheldin („Gräfin Faustine“) aus dem Jahr 1841. Ihre Erfinderin, die gleichfalls adelige Gräfin Ida Hahn-Hahn, wurde durch sie zu der Bestsellerautorin des Biedermeiers. Und, zumindest verklausuliert, zur Zeugin einer Vergewaltigung in der Ehe. Der Roman wurde schon damals vielfach autobiografisch gelesen. Zu offensichtlich waren die Parallelen zwischen der Autorin und ihrer Hauptfigur.

Hymne an das Leben, Pelicot
„Eine Hymne an das Leben“: Ende Februar liest Gisèle Pelicot aus ihrem Memoir in Hamburg und München. Picture Alliance

Tatsächlich könne man hier von einer der ersten autobiografischen Thematisierungen von sexueller Gewalt sprechen, meint auch Cornelia Pierstorff – und das gut 150 Jahre bevor sich der deutsche Rechtsstaat dazu durchringen konnte, das, was Faustine als „unmenschliche Entwürdigung“ beschreibt, auch als Straftat anzuerkennen.

Pierstorff lehrt und forscht als Literaturwissenschaftler*in an der Uni Zürich. Schwerpunktmäßig beschäftigt sie sich aktuell mit der Darstellung von sexueller Gewalt in der deutschsprachigen Literatur. Vor allem seit #MeToo hat sich die Aufmerksamkeit für solche Texte verändert, sagt sie.

Von „Speak Outs“ zu „Survival Memoirs“

Ob in Romanform oder als Memoir – Literatur, die sexuelle Gewalt thematisiert, wird deutlich stärker wahrgenommen als davor. Den Ausdruck „MeToo-Literatur“ hält Pierstorff trotzdem für irreführend. Zum einen ignoriert er, wie unterschiedlich die Texte sind, die sich so labeln lassen. Außerdem verdeckt er, dass die Geschichte dieses Genres sehr viel weiter zurückreicht als bis ins Jahr 2017.

Faustine ist da ein gutes Beispiel. Allerdings sei die geschilderte Vergewaltigung hier „nicht der Hauptfokus der Geschichte“, so Pierstorff. Autobiografische Darstellungen wie jene von Gisèle Pelicot („Eine Hymne an das Leben“, 2026) oder dem Epstein-Opfer Virginia Giuffre („Nobody’s Girl“, 2025) würde sie eher dem Genre des Survival Memoir zuordnen, das das traumatische Ereignis und seine Überwindung in den Mittelpunkt der Erzählung stellt.

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Pierstorff sieht solche Berichte in der Tradition sogenannter „Speak Outs“, eine aktivistische Praxis, die sich im Fahrwasser der zweiten Frauenbewegung in den Sechziger- und Siebzigerjahren etabliert hat. Auf lokal organisierten, öffentlichen Veranstaltungen trafen sich damals Frauen, um ihre Erfahrungen miteinander zu teilen. Das konnte ein sexueller Übergriff oder Missbrauch sein, aber genauso gut eine Abtreibung.

Epistemisches Unrecht: Wer wird gehört

Stigmata zu durchbrechen, das sei zuerst und vor allem das Ziel dieser öffentlichen Aussprachen gewesen, erklärt Cornelia Pierstorff. „Und aus dieser Praktik heraus wurden dann auch zunehmend autobiografische Texte geschrieben, die veröffentlicht wurden, und parallel dazu auch immer mehr Romane, die Vergewaltigung zum Thema gemacht haben.“

Virginia Giuffre
In ihrem Memoir „Nobody's Girl“ berichtete sie von dem Missbrauch, den ihr mutmaßlich Jeffrey Epstein und Prince Andrew zugefügt haben. Noch vor Veröffentlichung des Buchs im April 2025 beging sie Selbstmord. Picture Alliance

Nur sind diese Texte heutzutage kaum bekannt. Sie erschienen nicht in etablierten Verlagen und erreichten also auch kein großes Publikum. Jenseits aktivistischer Kreise erregten sie kaum Aufmerksamkeit.

Man könnte hier an die Philosophin Miranda Fricker denken und ihre Rede von Epistemischem Unrecht (‚epistemic injustice‘). Fricker versteht darunter eine Art von Diskriminierung, die es Betroffenen kaum möglich macht, eigene Erfahrungen mitzuteilen. Ja, manchmal sei es sogar für die Betroffenen schwierig, diese Erfahrungen selbst anzuerkennen.

Prominente Frauen machen das „Survival Memoir“ populär

Und nicht ganz zufällig macht Fricker das, was sie meint, am Beispiel der sexuellen Belästigung fest: In einer Kultur, die keinen Begriff davon hat, dass bestimmte Bemerkungen oder Berührungen übergriffig sind, ist es auch nicht möglich, sie anzuprangern. Wo der öffentliche Resonanzraum fehlt, bleiben Opfer unsichtbar.

Das habe sich erst dann wirklich geändert, als Frauen ihre Stimme erhoben hätten, die von sich aus schon Sichtbarkeit mitgebracht hätten, betont Cornelia Pierstorff.

Pola Kisnki
Pola Kisnki im Jahr 2013 bei Reinhold Beckmann: In ihrem Memoir „Kindermund“ thematisierte sie den sexuelle Missbrauch durch ihren Vater Klaus Kinski. Picture Alliance

Sehr prominent ist das Beispiel von Waris Dirie, die schon ein bekanntes Model war, als sie in „Wüstenblume“ (1998) von ihrer Genitalverstümmelung erzählte. Ein ganz anders gelagerter, aber ebenfalls prominenter Fall ist Pola Kinskis Essay „Kindermund“ (2012), in dem sie vom Missbrauch durch ihren Vater, den Schauspieler Klaus Kinski, berichtet.

Literaturgenre mit emanzipatorischem Impetus

Wie schon die „Speak Outs“ der Siebziger treten diese Bücher mit dem emphatischen Anspruch auf, mit dem Schweigen zu brechen. „Es ist tatsächlich so, dass diese Texte nicht von der Vorstellung von Emanzipation zu trennen sind“, erklärt Pierstorff. Schon das Schreiben selbst werde als „Akt des Widerstands“ verstanden. Indem sie ihre Geschichte erzählten, würden die Autorinnen außerdem „die Deutungshoheit über das Erlebte reklamieren“.

Allerdings hat auch diese Deutungshoheit ihre Grenzen. Solche „Survival Memoirs“ werden meistens auf eine ganz bestimmte Art und Weise rezipiert, nämlich als Skandal- oder Enthüllungsbücher. Und daraus folgten wiederum bestimmte mediale Erwartungen sowie Stereotype, die das Genre immer wieder reproduziere, beobachtet Pierstorff.

Auch „Survival Memoirs“ arbeiten mit Stereotypen

„Die Frauen werden sehr stark als Heldinnen inszeniert“, sagt sie. „Diese Texte tendieren dazu, ein Ideal der Resilienz zu formulieren, also eine fast schon übermenschliche Stärke von den Betroffenen einzufordern. Und im übertragenen Sinn dann eigentlich auch von den Betroffenen im Allgemeinen.“ Zwischen Ermutigung und Überforderung liegt also manchmal ein schmaler Grat.

Pelicot
Kann ein „Survival Memoir“ andere Betroffene überfordern? Leserin mit einem französischen Exemplar des Pelicot-Buchs. Picture Alliance

Und das ist nicht das einzige Problem, das Cornelia Pierstorff mit Survival Memoirs verbindet. „Die Affekte mit denen solche Veröffentlichungen kalkulieren, sind auf der einen Seite das Grauen über die Tat und auf der anderen Seite die Bewunderung für die Stärke und den Mut der Betroffenen“, sagt sie. „Und beides schafft eine Art von Distanz. Es verhindert, dass man als Leserin das Gefühl hat, diese Gewalt hat mit einem selbst zu tun.“

Der Fall Pelicot: Normalität statt Überhöhung

Solche Veröffentlichungen seien deshalb immer ein „zweischneidiges Schwert“, betont Pierstorff. Einerseits sind sie nötig, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Gleichzeitig tendieren sie durch ihren starken Fokus auf den Einzelfall dazu, von der gesellschaftlichen Dimension sexueller Gewalt abzulenken.

Wie sich die Wahrnehmung im Fall Pelicot entwickelt, bleibt abzuwarten. Eine Überfigur ist sie für viele schon jetzt. Der „Spiegel“ nannte sie eine „Heldin für Frauen weltweit“. Genauso oft wird allerdings betont, wie normal das Leben gewesen sei, das Gisèle Pelicot geführt habe – und die ``Normalität´´ ihrer Vergewaltiger ist fast schon sprichwörtlich. Das klingt schrecklich, verhindert aber im besten Fall genau jene Überhöhung, von der Cornelia Pierstorff spricht.

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Tobias Stosiek