Im Studentenwohnheim gibt es einen Papagei, der „Friede sei mit dir“ kreischt, wenn jemand vorübergeht. Für die Studentin, eine der beiden Hauptfiguren in Adania Shiblis neuem Roman, ist das schwer zu ertragen.
Denn sie lebt in einem besetzten Land, dessen Bevölkerung schikaniert, enteignet, überwacht und inhaftiert wird.
Auch wenn dieses Land so wenig wie die Städte, Checkpoints und Figuren beim Namen genannt wird – es handelt sich natürlich um Palästina, das Westjordanland, das im Roman gleichsam zum universellen Ort der Unmenschlichkeit und Entrechtung wird.
„Täuschung“ spielt um 1990, in der Zeit der Ersten Intifada, auf die die israelischen Sicherheitskräfte mit zunehmender Repression reagieren.
Die zweite Hauptfigur, ein junger Mann, der mit der Studentin gemeinsam zur Schule gegangen ist, bekommt das zu spüren. Für das Sprühen von Parolen wird er mit vier Jahren Haft bestraft.
Später schlägt er sich mit Jobs unter widrigen Bedingungen durch, bis er schließlich ein karges Auskommen als Olivenholzschnitzer findet.
In ständiger Begleitung des Zwitscherers
Bisweilen kippt der Text vom Realistischen ins Surreale. Da ist zum Beispiel von einem „Zwitscherer“ die Rede, der dem jungen Mann auf Schritt und Tritt folgt. Angesichts des ornithologischen Tons der Beschreibung denkt man zunächst tatsächlich an einen Vogel.
Diese Zwitscherer zeigen eine feste Verbundenheit mit den Menschen und deren Ansammlungen; sie bewahren ihre Behausungen im Gedächtnis und vergessen nicht, wo sie im Verlauf des Jahres Nahrung finden.
Bis man versteht, dass mit den „Zwitscherern“ Mitarbeiter des Geheimdiensts gemeint sind. Diese Bildlichkeit verdankt sich womöglich verschwörungstheoretischen Spekulationen darüber, ob der israelische Geheimdienst Vögel mit Überwachungssendern ausstatte.
Literarisch steigert sich dadurch die Atmosphäre der Bedrohung. Wenn in jedem Vogel ein Verfolger steckt, wird die Überwachung schier unentrinnbar.
Im Land der traurigen Orangen
Immer wieder werden doppeldeutige Natur-Bilder zu Allegorien der palästinensischen Situation im – wie es heißt – „Land der traurigen Orange“, etwa die Unruhe von Vögeln in der Gefangenschaft während der Zeit des Vogelzugs.
Von Brecht stammt der berühmte Vers „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.“ Bei Shibli müsste man ihn umkehren: „Was sind das für Verbrechen, die uns die ganze Zeit über Bäume sprechen lassen.“
Je detaillierter in diesem Roman die Feigen-, Mandel- und Olivenbäume oder Kapernsträucher geschildert werden, desto bedrückender wirkt das Unrecht:
„Manche dieser Pflanzen wachsen auch an verlassenen Orten und setzen dort das Leben fort – in Dörfern oder Vierteln, aus denen die Bewohner vertrieben oder deportiert wurden… Manche tauchen womöglich hinter den Fenstern oder an den leeren Türen jener verlassenen Gebäude auf.“
Dass in diesem Roman so viel von der Botanik Palästinas die Rede ist, von der Landschaft und vom Wetter – das ist auch Bild und Zeugnis für das Beheimatetsein in einem Land, das man zu verlieren droht.
Hebräisch mit Akzent
Zentral ist auch die Thematik der Sprache. Die Studentin hat Probleme, mit ihrem unzulänglichen Schulhebräisch den Vorlesungen zu folgen.
Sie fühlt sich verloren in der Universität und verunsichert wegen ihres Akzents; es ist ihr peinlich, wenn sie Worte oder einen Witz nicht richtig versteht. Immer wieder flieht sie vor dem hebräischen Stimmengewirr panisch in die Tiefgarage der Universität.
Der junge Mann dagegen kann perfekt Hebräisch, weil er in vier Jahren Haft reichlich Sprechpraxis mit Muttersprachlern hatte – dem Gefängnispersonal. Das ist die Voraussetzung für eine der schmerzlichsten Episoden des Romans.
Nachdem er eine Weile im Falafel-Imbiss seiner Mutter geholfen hat, nimmt er einen Job als Strandreiniger an. Eines Abends, als er nach der Arbeit am Meer sitzt, gesellt sich eine junge Frau zu ihm. Sie findet Gefallen an ihm, die romantische Kulisse tut das Übrige, und bei Sonnenaufgang sind sie ein Liebespaar im ersten Stadium.
Stereotype Figuren
„Sie lächelt und bemerkt, er sei ein hübscher junger Mann, worauf er erwidert, sie sei sein Licht in der Wildnis. Plötzlich bekennt er, sein wirklicher Name sei nicht Oz. Er nennt den richtigen. Ein arabischer Name, kein Zweifel. Außerdem arbeite er als Reinigungsarbeiter am Strand.“
Ihr Blick bleibt auf die Wellen geheftet. Nach einigen Augenblicken steht sie auf, sein Hemd gleitet von ihrem Körper auf den Sand. Sie geht.“
Solche mal deutlichen, mal fast unmerklichen Gesten der Ablehnung sind ein Leitmotiv des Romans.
Ein wiederkehrendes Problem der palästinensischen Literatur ist die Verengung auf die eigenen politisch-historischen Narrative und Sprachregelungen. Von den Gründen für die harten Kontrollen und Razzien – etwa den zahlreichen Bus-Attentaten – ist meist ebenso wenig die Rede wie von historischen Fehlern der arabischen Seite.
Eine stereotype Figur ist der brutale israelische Besatzungssoldat; palästinensische Terroristen dagegen kommen nicht vor.
Freundlichkeit nützt nichts
Vor diesem Hintergrund erscheint Shiblis Roman jedoch vergleichsweise differenziert, indem er zunächst erstaunlich freundliche und solidarische israelische Figuren zeichnet.
Dazu gehört ein Psychiater, für den die Studentin nebenbei arbeitet: Sie putzt die Wohnung einer seiner Patientinnen, die am Messie-Syndrom leidet.
Auch diese Israelin ist sehr dankbar für die Arbeit der Studentin, sie bietet ihr schließlich sogar an, ihre Seminararbeiten auf dem Computer abzuschreiben und dabei ihr Hebräisch zu korrigieren.
Mehr noch: Diese Frau erzählt davon, dass sie für eine Organisation arbeitet, die sich um Versöhnung bemüht und gemeinsame Projekte von Israelis und Palästinensern finanziert.
Friede und Unterdrückung
Die Studentin zuckt dazu nur mit den Mundwinkeln. Aber die Erzählerin bricht die Fiktion an dieser Stelle auf und schreibt, was ihre Figur hier entgegnen sollte:
Sie müsste zum Beispiel sagen: Friede wird nicht durch materielle Hilfe, also durch die Verbesserung der Lebensbedingungen im Rahmen der Unterdrückung erreicht, sondern nur durch das Ende der Unterdrückung.
„Oder sie könnte sagen: Die Unterschiede in den Lebensbedingungen zwischen Palästinensern und Israelis rühren daher, dass eine Seite unter Kolonial- und Besatzungsbedingungen lebt, eine andere dagegen diese Bedingungen schafft und aufrechterhält.“
Gemeinsame Kulturprojekte seien unter diesen Bedingungen nichts als „Phantasterei“. Schließlich kommt der Moment, in dem auch diese Frau – wegen der vielen Attentate – die Palästinenser als „Terroristen“ bezeichnet.
Palästinensische Narrative
Dass Adania Shibli von dieser moralischen Verurteilung wenig hält und die Bezeichnung „Terrorist“ für sie wohl nur Sprache der Besatzer und ihrer Sympathisanten ist, zeigt sich, wenn sie den Papagei im Studentenwohnheim am Ende „Friede sei mit dir, Palästinenser Terroristen“ schreien lässt.
Ihr Roman ist zum Glück subtiler als die an manchen Stellen durchscheinende Propaganda. Die Lähmung des Lebens und das Unrecht in den besetzten Gebieten, die vielen Demütigungen und enttäuschten Hoffnungen – davon hat man selten so eindringlich gelesen wie in diesem Roman.
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