„Und täglich grüßt das Murmeltier“
Wir haben nicht den 2. Februar wie in dem sprichwörtlich gewordenen Filmklassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“, sondern den 17. Juni 1986. Diesem Tag setzt sich Vidar Åkeby, Mitte 40, von Beruf Lehrer, wohnhaft in Stockholm, im Jahr 2023 immer wieder aus.
Stell dir vor, du findest mit fünfundvierzig plötzlich die Telefonnummer, die zu einem Haus gehört, in dem du als Kind deine Sommerferien verbracht hast. Es gibt dieses Haus nicht mehr, deine Eltern sind krank oder bereits gestorben.
„Du bist allein. Und du sitzt da mit dieser Telefonnummer und hast plötzlich so ein Gefühl. Du rufst an, und da passiert etwas völlig Verrücktes. Es tutet, obwohl die Nummer nicht mehr vergeben ist, und jemand nimmt ab, ein Kind, und weißt du auch, wer?“
Es ist er selbst. Der 8-jährige Vidar. Und damit nimmt Alex Schulmans Roman „Jetzt beginnt das Leben“ surreale Züge an. 37 Jahre liegen zwischen den beiden Telefonhörern, zwischen ein und derselben Person.
Anrufe, Schieflagen und die Gegenwart
Nach einigen Anrufen, die, je nach Uhrzeit, von ihm selbst, seinem Vater, der Mutter, selten auch seiner Schwester, angenommen werden, wird klar, dass am anderen Ende des Hörers stets derselbe Tag ist:
Der 17. Juni 1986. Vidar ruft in seiner Kindheit an, und je häufiger er anruft, je mehr Fragen er sich stellt, desto deutlicher gerät dieser vermeintlich friedliche Sommertag am anderen Ende der Leitung in eine Schieflage.
Das betrifft auch die Gegenwart, denn es läuft ein Verfahren gegen diesen telefonierenden Vidar; er wird der Körperverletzung an einem Schüler beschuldigt. So kommt der Roman in Form eines zweifachen Verhörs daher, das die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zunehmend verschwimmen lässt.
Während sich die Schlingen der Gegenwart um den suspendierten Lehrer zuziehen, nähert sich Vidar in immer enger werdenden Kreisen der Quintessenz des 17. Juni. In diesem Tag liegt etwas im Verborgenen, was unbedingt ans Licht will.
Die Ausweglosigkeit eines tonnenschweren Tages
Aber die Vergangenheit verschließt und entzieht sich seinem Zugriff, was eine manchmal nur schwer erträgliche Ausweglosigkeit hervorruft:
„Ein Klicken, und die Verbindung war unterbrochen, der Junge verließ die Bühne, verschwand aus dem 17. Juni 1986, betrat das Funkloch.“ So verschwindet die Kindheit von Vidar.
„Die letzte Spur von ihm: dieses Geräusch des Stuhls, als er aufstand, das Schnarren auf dem Holzboden, dann war er weg, und wie immer lebte sein Bild noch eine Weile in mir fort, so wie der Faden einer Glühbirne noch einen kurzen Moment glimmt, nachdem man sie ausgemacht hat, und ich sah ihn in der Küche, sah zu, wie er Mamas Weg zum Haus hinauf verfolgte.“
Da war er, der kleine Junge, der sich an einem tonnenschweren Tag abschleppte.
Aufarbeitung, Trauma und Verdächtige
Das dringliche, ja fast manische Bedürfnis, diesen Tag zu rekonstruieren, ist ein Versuch, diesen Jungen und das, was ihm widerfahren ist, ähnlich einem Verdächtigen, zu orten, um Auskunft über den erwachsenen Vidar zu erhalten.
Und damit sind wir mittendrin im Schulman‘schen Stoff, der immer wieder die Kindheit und die aus ihr hervorgehenden Traumata fokussiert.
So ist auch die Erkenntnis in „Jetzt beginnt das Leben“, dass die Mutter, die auch in diesem Roman die zentrale Figur ist, überall und zugleich nirgends war, eine Feststellung, an der sich Schulmans Figuren fortwährend abarbeiten.
Beharrliche Vergangenheitsbefragung
Was diesen Roman auszeichnet, ist die Verbindung einer beharrlichen Vergangenheitsbefragung mit der Spannung eines Kriminalromans. Streckenweise erinnert „Jetzt beginnt das Leben“ in seiner Komposition an Paul Austers New York Trilogie, in der ein Detektiv den Auftrag erhält, sich selbst zu beschatten.
Am Ende steht die Frage, ob das Ereignis, auf das der Roman unaufhörlich und mit zunehmender Geschwindigkeit zusteuert, tatsächlich von der erwarteten Wucht und Größe ist – oder ob die Wahrnehmung Vidars der Eigenlogik der Kindheit geschuldet ist, in der selbst kleine Erschütterungen existenzielle Ausmaße annehmen.
Gekonnt hält Schulman diese Frage in der Schwebe – auch darum ist sein Roman eine spannende Lektüre.
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