Buchkritik

„Anton und Alma“ – Der neue Roman von Dana Vowinckel

Dana Vowinckel erzählt in ihrem zweiten Roman die herzzerreißende Geschichte von Anton und Alma – eine Liebe, die an den fatalen Verhältnissen unserer Zeit zerbricht.

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Von Autor/in Kristine Harthauer

Es gibt literarische Figuren, von denen weiß man schnell: Sie werden einen nicht loslassen. „Anton und Alma“ sind zwei solche literarischen Figuren. Nachdem man sie über 500 Seiten lang begleitet hat, geht es einem ein wenig wie Anton selbst:

Alma war für Anton wie ein Wort, das man nie gekannt hatte und das einem, nachdem man es gelernt hatte, auf einmal überall begegnet.

Es könnte eine Liebesgeschichte sein

Alma und Anton, Anton und Alma - Auf den ersten Blick erzählt Dana Vowinckel die bittersüße Geschichte von zwei jungen Menschen, die sich verlieben, zusammenziehen, das Studium beenden, die nächsten Schritte planen.

Also, eine Liebesgeschichte, eine Romanze vielleicht? Es könnte eine sein, wäre da nicht die sogenannte Gegenwart.

„Die Gegenwart war immer eine Tragödie. Nur mit Abstand konnte man das, was einmal Gegenwart gewesen war, anders betrachten, konnte man den Humor darin sehen, eine kleine Komödie schreiben, oder es erzählen als Überwindung des Bösen, eine Romanze, hin zum bestmöglichen Ende der Geschichte, oder doch als Satire. Aber die Tragödie war schon jetzt.“

Die deutsche Schriftstellerin Dana Vowinckel ist in Berlin geboren und aufgewachsen.
Die deutsche Schriftstellerin Dana Vowinckel ist in Berlin geboren und aufgewachsen. IMAGO / Funke Foto Services

Die Gegenwart als Antagonistin

Unsere überfordernde Gegenwart ist die Antagonistin in diesem Roman. Weil sie in die Biografien dieser beiden Liebenden wirkt: Anton kommt aus einer großbürgerlichen, jüdischen Akademikerfamilie.

Am Fußknöchel trägt er einen Davidstern - das Relikt eines betrunkenen nächtlichen Abstechers in ein Tattoostudio in Tel Aviv. Ein ironischer Gag unter zwei Freunden. Doch was sagt dieser Davidstern über Anton, über seine Identität als Jude zwischen Deutschland, Amerika oder Israel?

„Es gab keine normalen Juden, weil es keine normale Geschichte gab. Weil jeder Jude auf der Welt eine eigene, spezifische Beziehung zur Schoa hatte. Man konnte der Tatsache der Vernichtung nicht entkommen. Auch er nicht. Auch er hatte eine Beziehung zum Grauen, zum Schlimmstmöglichen.“

Durch Anton bekommt Alma zum ersten Mal Einblick in eine jüdische Lebenswelt, wobei seine Familie nicht besonders religiös ist. So wird an Chanukka auch mal eine Platte nicht-koschere Austern verspeist. Eine Premiere für Alma, die zögert:

„‚Alma ist die Koscherste von uns allen‘, sagte Orna. ‚Du musst sie nicht essen, Alma.‘ Alma nickte, kippte sich die Auster in den Mund, rannte zum Waschbecken, spuckte den Glibber aus, sie sah Anton entgeistert an, sagte, ‚Das esst ihr doch nur, weil es verboten ist.‘“

Anton liebte sie wie nie zuvor in diesem Moment, sah sie ganz kurz wie einen fremden Menschen, nicht wie die ihm mittlerweile so vertraute Alma.

Die Gleichzeitigkeit des Lebens einfangen

In Szenen wie dieser zeigt Dana Vowinckel ihr herausragendes Talent, die Gleichzeitigkeit des Lebens in Literatur einzufangen. Liebe und Witz stecken hier drin, ebenso wie ein kleiner dramaturgischer Vorausgriff:

Alma wird tatsächlich wenige Jahre später koscherer als Anton leben. Sie, die in schwierigen Familienverhältnissen großgeworden ist, findet in der jüdischen Gemeinde Berlins einen Ort, der ihr Halt gibt.

„Alles linderte den Schmerz: das Gebet, der Halt, die Gemeinschaft. Sie lernte dazu. Nach den Gottesdiensten am Samstag blieb sie für Shiurim, in denen es um jüdische Fragen ging, die immer auch Fragen der Gegenwart waren, sie wurde dort geschätzt für ihre Beiträge. Sie wusste, mit welchem Argwohn Deutsche wie sie betrachtet wurden. Sie verstand ihn, zumindest glaubte sie das.“

Religion und Familienvergangenheit

Alma ist keine der Philosemiten, über die Anton so gern spottet. Deutsche, die aus einem Schuldgefühl heraus konvertieren, um am Ende die besseren Juden zu sein. Sie setzt sich mit ihrer Familiengeschichte kritisch auseinander: Alma Bormann ist eine Ururnichte Martin Bormanns - Hitlers Trauzeuge und Privatsekretär.

Der Jude und die Nazi-Nachkommin - der Grat ist schmal, hier nicht in Klischees abzurutschen. Dana Vowinckel balanciert gekonnt auf diesem Grat, indem sie ihre Figuren hadern lässt, ihnen Zeit gibt, die Dinge auszuloten, keine schnellen und vor allem keine einfachen Antworten gibt.

Sie zeigt, dass eine solche Liebesgeschichte wie die von Anton und Alma niemals unberührt bleiben wird, von den fatalen Verhältnissen unserer Zeit.

Und so schafft es dieser großartige Roman, der sich über mehrere Jahre bis in unsere unmittelbare Gegenwart zieht, auch schon Fragen unserer jüngsten Vergangenheit zu verhandeln: Die Corona-Pandemie, Russlands Invasion der Ukraine. Den 7. Oktober.

Die Verhältnisse unserer Zeit torpedieren die Liebe

Er sah Bilder, die er nie wieder vergessen würde. Er öffnete Twitter und hörte nicht mehr auf, die Bilder zu sehen, sah sie nicht an, konsumierte sie nicht, sah sie einfach wie Albträume, gefangen in ihnen.

Der Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023. Obwohl tausende Kilometer entfernt, ist Antons Leben danach ein ganz anderes.

Das hässliche Gesicht des Antisemitismus, westliche Studierende, die plötzlich in allen Israelis Kindermörder sehen, auf der anderen Seite Antons Vater, der den Krieg in Gaza rechtfertigt und für den kein Palästinenser dort unschuldig ist - Anton versucht sich in diesem Strudel zu behaupten.

Doch wie bei den großen tragischen Liebesgeschichten wird das nicht gelingen. Anton und Alma - fast wie Romeo und Julia oder Tristan und Isolde - es gibt diese herzergreifenden Liebesgeschichten, die an den bitteren Zeitläuften zerbrechen müssen, die einfach keine Liebe mehr kennen.

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Autor/in
Kristine Harthauer
Kristine Harthauer, SWR Kultur Autorin und Moderatorin