Schicksal dreier russlanddeutscher Frauen

Alisha Gamischs Roman „Parasiti“

Vertreibung und Unterdrückung wirken über Generationen nach. Das zeigt Alisha Gamisch in ihrem Roman „Parasiti“ anhand der Geschichte dreier russlanddeutscher Frauen.

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Von Autor/in 2. Kristine Harthauer

Wie versteinert steht Großmutter Lydia in ihrem Wohnzimmer im bayerischen Fürstenfeldbruck. In der Hand hält sie eine winzige rosa Plastikfigur: die Nachbildung eines Fötus. Ihre Enkelin Rina und ihre Nichte Valli können machen, was sie wollen, die Großmutter rührt sich nicht mehr und schweigt.

Den Plastik-Fötus hatten radikale Abtreibungsgegner in die Briefkästen der Reihenhaussiedlung geworfen.

Am besten man kümmert sich um seine Privatangelegenheiten, so gut es geht, nimmt die Dinge selbst in die Hand, ohne irgendwelche Behörden auf sich aufmerksam zu machen, und überlässt den Rest dem Lauf der Zeit.

Schweigen zwischen den Generationen

Das ist die Haltung, mit der Lydia und ihre russlanddeutsche Familie hofften, durch den Alltag in der Sowjetunion zu kommen. Eine Haltung, die sie nach Jahren der Flucht und Vertreibung auch in Deutschland bewahrt haben.

Es ist ein großer historischer Bogen, den die Autorin Alisha Gamish in ihrem Debütroman „Parasiti“ schlägt.

Er handelt von der Geschichte dreier Frauen zwischen den 1960er Jahren in Nowosibirsk bis ins Jahr 2021 in Fürstenfeldbruck, wo Großmutter, Tante und Enkelin inzwischen leben. Großmutter Lydia und Tante Valli ermöglichte es die Ost-Politik Willy Brandts in den 1970er Jahren nach Deutschland zu kommen.

Der Plastikfötus und das plötzliche Schweigen ihrer Großmutter werfen bei Rina Fragen nach der Vergangenheit auf. Fragen, mit denen sie ihre Tante Valli konfrontiert. Damit bricht sie allerdings einen Familien-Grundsatz: das Schweigen, vor allem über weibliche Schicksale in dieser Familie:

„Sie sprechen gerne über Äußeres, darüber was die oder der trägt, wen der oder die geheiratet hat, […] wer Zucker und wer Brustkrebs bekommen hat. […] Dabei sind sie nicht immer einer Meinung, aber das muss auch nicht sein.“

Sie wissen, dass es ihnen am besten geht, wenn sie einander manche Fragen nicht stellen.

Zwangsarbeit und Deportation

Schicht um Schicht enthüllt die Erzählerin in Rückblenden, worüber die Frauen eigentlich schweigen. Besonders den Schmerz der drei spart die einfühlsame Erzählstimme nicht aus.

Mal sind wir in der Gegenwart nah dran bei der Studentin Rina, die sich ihrer Großmutter und Tante so eng verbunden fühlt, als würden Seile die drei Frauen umschlingen – geborgen und eingeengt zugleich.

Dann sind wir wieder bei Tante Valli: Für sie fühlt sich das Erzählen befreiend an. Aber sie verschweigt auch ganz bewusst Episoden aus der Vergangenheit, für die sie sich schämt.

Besonders plastisch sind die Rückblenden in das Leben der Großmutter Lydia. Hautnah erfahren wir von den Ängsten und Unsicherheiten einer Frau, die in den 1960er Jahren in Novosibirsk lebt – und das nicht freiwillig. Hier landete sie, nachdem sie als Russlanddeutsche während des Zweiten Weltkriegs mehrfach deportiert worden war.

In Sibirien lebt Lydia in eisiger Kälte, ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Vorhänge teilen die Holzbaracke in Schlafbereiche - für Lydia, ihren trinkenden Ehemann Sashka, die kleine Tochter und ihre Nichte Valli und für den ständig nörgelnden Schwiegervater. Dem muss Lydia auch noch ihren gesamten Lohn abtreten.

„Dafür darf sie mit dem Sashka im Zimmer schlafen, durch das der alte Gustav immer spaziert, in seiner weißen Unterhose, aus der sein Sack raushängt, vor dem sich Lydia furchtbar ekelt.“

Und immer reißt er das Fenster auf, weil man die Heizung im Winter nicht abstellen kann. Lydia sagt nichts, aber sie schließt das Fenster, wenn der Schwiegervater nicht hinsieht.

Bloß kein „Parasit“ sein

Nichts sagen, keine Widerworte geben, sondern sich irgendwie durchschlagen, das hat Lydia dieses Leben gelehrt. Lydia muss funktionieren, ob als Näherin in einer Fabrik oder als Mutter.

Der Titel „Parasiti“, russisch für „Parasiten“, steht auch für die Angst, in der repressiven Sowjetgesellschaft als Nichtsnutz zu gelten. So wie Lydias Ehemann, der als trinkender arbeitsloser Musiker unter das sogenannte „Parasitengesetz“ fällt, das Faulenzerei tatsächlich unter Strafe stellte.

Doch Alisha Gamisch verhandelt in ihrem Roman neben Zwangsarbeit und Deportation ein weiteres Feld der Unterdrückung: die sexuelle. Lydia wird nie aufgeklärt. Verhütungsmittel wie Kondome sind in der Sowjetunion teuer und rar. Abtreibungen hingegen sind legal und kostenlos und werden so zum einzigen Mittel der Familienplanung.

Harmlos sind diese Eingriffe nie. Wie verzweifelt die Lage für ungewollt Schwangere in der Sowjetunion der 1960er Jahre ist, davon erzählt Alisha Gamisch in einem nüchternen, fast dokumentarischen Stil. Er entspricht der routinierten Härte, die in den Krankenhäusern vorherrscht.

„Sie bereitet sich auf die vorwurfsvollen Blicke der Schwestern vor. […] Sie kennt den Kittel, das Umziehen, das „Schnell, schnell, beeilt euch, wir haben hier nicht ewig Zeit!“, das Barfuß-Staksen in den Behandlungsraum […]. Das Eisen, das sie brauchen, um das Knäuel rauszuholen.“

Abtreibungen als einzige „Verhütungsmethode“

Lydia muss abtreiben, wieder mal. Mit ihrem Mann kann sie nicht darüber sprechen, nur versuchen, ihn nachts auf Abstand zu halten.

Ihre Sprachlosigkeit in Bezug auf alles Körperliche hat sie weitervererbt: Auch Lydias Enkelin Rina hat Schwierigkeiten, selbstbestimmt ihre Sexualität zu leben. Sie hat von den Frauen ihrer Familie gelernt, wie man die Auseinandersetzung mit einem Mann vermeidet und ihm trotzdem das Gefühl gibt, er bekäme, was er will.

Aufpassen, wie man spricht, über was man spricht und mit wem - diese Erfahrung aus der Sowjetunion tragen die Frauen in Alisha Gamischs Roman bis in ihre Gegenwart in Deutschland.

„Pajdjom?“

So zeigt Alisha Gamisch Folgen von Vertreibung und Unterdrückung auf, die noch Jahrzehnte später bis in die persönlichsten Lebensbereiche fortwirken. Und wenn man etwas nicht weiter besprechen will, heißt es „I vsjo!“ - Und Schluss!

Russlanddeutsche Ausdrücke macht Gamisch zum wesentlichen Bestandteil der Sprache ihrer Figuren. Ein „kleines russlanddeutsches Inventar“ hinten im Buch hilft bei der Übersetzung.

Und das Buch endet mit einer Frage auf Russisch: „Pajdjom?“ - Gehen wir, fragt Valli ihre Nichte Rina, als sie die noch immer schweigende Großmutter Lydia aus dem Krankenhaus abholen. Eine Frage, aber auch eine Aufforderung: loszugehen, das Gespräch zu beginnen und das Schweigen gemeinsam aufzubrechen.

Alisha Gamisch verknüpft in „Parasiti“ die Perspektiven und Schicksale dreier Frauen-Generationen und nähert sie sich einem gewaltigen historischen Thema – aber auf eine persönliche und einfühlsame Weise, die beeindruckend ist für ein Romandebüt.

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2. Kristine Harthauer