Diese Zeitreise ist ein Schock. Im Sommer 1976 sind die junge schwarze Schriftstellerin Dana und ihr weißer Ehemann Kevin gerade in die Nähe von Los Angeles umgezogen. Völlig überraschend wird der 26-jährigen Dana schwindelig, das Zimmer, in dem sie sich befindet, scheint sich aufzulösen, und auch ihr Mann gerät aus dem Sichtfeld.
Plötzlich findet Dana sich im Jahr 1815 wieder. Und zwar in der Nähe einer Südstaaten-Plantage, wo sie Rufus, den Sohn der weißen Plantagenbesitzer, vor dem Ertrinken rettet.
Eine Schwarze Frau in Jeans und Bluse statt im üblichen langen Kleid – das erregt Misstrauen bei Rufus' Eltern und den Schwarzen Sklaven. Danas Hautfarbe weist sie den Küchen- und Feldsklavinnen zu.
Eigene Existenz muss gesichert werden
Da der weiße Rufus einer von Danas frühen Vorfahren ist, befreit sie den zunehmend dominanter auftretenden jungen Mann aus wiederkehrenden Notsituationen, um die Generationenfolge ihrer Familie zu sichern.
Ob und wie die Protagonistin letztlich in die USA der 1970er Jahre zurückkehrt, bleibt lange offen.
„Ich fühlte mich, als wäre ich dabei, meinen Platz […] in meinem eigenen Zeitalter zu verlieren. Das Zeitalter von Rufus war eine Wirklichkeit, die klarer und stärker war. Die Arbeit war härter, die Gerüche und Geschmacksempfindungen intensiver, die Gefahr größer, der Schmerz schlimmer.“
Das Zeitalter von Rufus verlangte mir Dinge ab, die mir noch nie abverlangt worden waren, und es konnte mich ganz einfach das Leben kosten, wenn ich diesen Anforderungen nicht genügte.
Traumata wird erneut durchlebt
Auf der Plantage muss Dana miterleben, wie Schwarze Sklaven und Sklavinnen dem jähzornigen weißen Hausherrn, seiner launischen Frau und später auch Rufus völlig ausgeliefert sind. Bald schon wird sie Zeugin, wie ein Mitglied eines weißen Suchtrupps einen Schwarzen Runaway-Sklaven auspeitscht:
„[…] dann schlug er dem Schwarzen Mann quer über den Rücken. Der Körper des Mannes krümmte sich vor Schmerz, aber der einzige Laut, den er von sich gab, war ein Keuchen. […] Ich konnte regelrecht seinen Schweiß riechen, jeden zerklüfteten Atemzug hören, jeden Aufschrei, das von der Peitsche verursachte Aufreißen der Haut. […]“
„Bitte, Master“, flehte der Mann. „Um Gottes willen, Master, bitte …“
Dana kann nicht eingreifen, ohne sich selbst zu gefährden. Eigentlich eine emanzipierte Frau der 1970er Jahre, muss sie das Trauma ihrer Vorfahren noch einmal durchleben.
Rassimus auch in persönlichen Beziehungen ein großes Thema
Der durch Schwindelanfälle ausgelöste Zeitsprung, der Dana und zeitweise auch ihren Ehemann Kevin in die Vergangenheit befördert, ist der schwächste Teil der Romankonstruktion, weil er sich nicht direkt aus der Handlung heraus entwickelt.
Durch Kevins Zeitreise wird zusätzlich eine weiße, männliche Perspektive auf das System der Sklavenhaltung eingeführt.
„Dies könnte ein tolles Zeitalter sein“, sagte Kevin eines Tages. „Ich denke immer wieder, was für eine tolle Erfahrung es wäre, hierzubleiben – in den Westen zu gehen und zu sehen, wie das Land aufgebaut wird, zu sehen, wie viel an der Mythologie des alten Westens tatsächlich dran ist.“
„Der Westen“, sagte ich verbittert. „Dort machen sie das, was sie hier mit den Schwarzen machen, mit den American Indians!“
Er sah mich auf eine seltsame Art und Weise an. Das tat er in letzter Zeit oft.
Durch die unterschiedlichen Erfahrungen in der Gesellschaft der Sklavenhalter entfremdet sich das Ehepaar voneinander. Rassismus wirkt sich auf unsere persönlichen Beziehungen und auf gesellschaftliche Verhältnisse aus.
Starke Figuren und komplexe Dynamiken
Von den zahlreichen „slave narratives“, den Autobiografien ehemaliger Sklaven, unterscheidet sich der Roman, weil die junge Dana ihre Geschichte aus zwei parallelen Perspektiven erzählt: Sie schildert ihre Erlebnisse als Zeitzeugin im 19. Jahrhundert und bewertet sie gleichzeitig mit dem Wissen einer US-Bürgerin aus dem 20. Jahrhundert.
Die Figurenzeichnung vermeidet klischeehafte Typisierungen. Die Schwarzen Bediensteten sind Persönlichkeiten, die den engen Raum für Widerstand individuell unterschiedlich nutzen.
Das Beziehungsgeflecht, in dem Dana sich zwischen wechselnden Aufsehern, Rufus und dem Schwarzen Hauspersonal positionieren muss, ist komplex und dynamisch. Es kann lebensgefährlich sein, die Interessen und Reaktionen der Weißen falsch einzuschätzen.
Englischsprachiges Original ist empfehlenswert
Die Dialoge haben im englischsprachigen Original unterschiedliche Sprachebenen. Octavia Butler ließ die Schwarzen Sklaven afroamerikanisches Englisch sprechen, das auf die fehlenden Bildungsmöglichkeiten für Schwarze hinweist.
Die deutsche Übersetzung allerdings unterscheidet nicht zwischen den verschiedenen Sprachebenen, wodurch ein wichtiges stilistisches Element verloren geht.
Die Schriftstellerin Octavia Butler gilt als Vertreterin des Afrofuturismus, der Elemente von Science Fiction, historischen Romanen und magischem Realismus verbindet. Bis heute steht Butlers Roman auf dem Lehrplan amerikanischer Schulen und Universitäten.
Besonders jungen Schwarzen Leser*innen wird die oft verschwiegene eigene Geschichte dramaturgisch überzeugend mit einer Schwarzen Protagonistin als Identifikationsfigur vermittelt.
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Teil der „banned books“ in den USA
Angesichts von Geschichtsklitterung sowie sexistischer und rassistischer Tendenzen in den USA unter Trump ist Butlers 1979 erstmals veröffentlichter Roman heute von bedrückender Aktualität, auch weil er historische Aufklärung leistet.
Von den um sich greifenden „book bans“ ist allerdings auch Butler betroffen: 2017 wurde „Verbunden“ als Graphic-Novel-Adaption zum preisgekrönten Bestseller. Diese Ausgabe ist in einzelnen US-Staaten inzwischen aber verboten.
Aussortiert und gebannt – immer mehr Bücher stehen auf der „schwarzen Liste“
Daher wird das Buch von regierungskritischen Initiativen in den USA jetzt besonders empfohlen und dieser ausdrücklichen Empfehlung kann man sich für deutsche Leser*innen nur anschließen.
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Am 2. August wäre James Baldwin 100 Jahre alt geworden. Warum seine Texte heute aktueller denn je sind, zeigt ein Blick auf das Leben und Werk des Schriftstellers und Aktivisten.