Mein innerer Schwarzwald – einmal ins rumänische Banat und zurück
Es ist eine kaum bekannte Geschichte: Ende des 18. Jahrhunderts wagten Salpetersieder und Freibauern im Hotzenwald, der damals zum Habsburgerreich gehörte, den Aufstand gegen die Obrigkeit. Zur Strafe wurden einige Rädelsführer hingerichtet – andere mit ihren Familien verbannt.
Zusammengepfercht wie Vieh wurden sie auf flachen Einwegbooten, genannt Ulmer Schachteln, die Donau hinabgeschickt, in ein Gebiet, das damals als unwirtliches, sumpfiges Niemandsland galt. „Salpetern“ wurde zum Synonym für rebellisches Verhalten und die Salpeterer zusammen mit anderen deutschprachigen Siedlergruppen zu den sogenannten Banater Schwaben.
Autorin Sigrid Katharina Eismann ist selbst in Temeswar (rumänisch: Timișoara) im Banat als Banater Schwäbin aufgewachsen. Als sie erfährt, dass die Wurzeln ihrer Familie auf die Salpeterer zurückgehen sollen, macht sie sich im Hotzenwald auf die Suche.
In Ihrem Roman „Mein innerer Schwarzwald“ verknüpft sie die Geschichte der Aufständischen mit ihrer eigenen Jugend. Eine Collage von Episoden, die von der Sehnsucht nach Freiheit erzählen, von Heimat, Familie und Entwurzelung.
Der große Bruch: Weltkrieg und Vertreibung
Denn nach Jahren des Aufbaus in der neuen Heimat blieb die Geschichte der Salpeterer-Nachfahren und Donauschwaben bewegt. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg ist sie von Leid geprägt. Mit dem Frontwechsel Rumäniens am 23. August 1944 begann für die deutsche Minderheit, zu der auch die Banater Schwaben gehörten, eine Zeit der existenziellen Angst.
Zehntausende flohen vor der Roten Armee nach Westen. Wer blieb, wurde oft kollektiv für die Taten des NS-Regimes haftbar gemacht. Im Januar 1945 folgten Deportationen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion. 1951 wurden zudem Tausende Banater Schwaben in die wasserlose Bărăgan-Steppe innerhalb Rumäniens verschleppt.
Donauschwäbisches Zentralmuseum in Ulm erinnert an Schicksale "Stalins Sklaven": Was verschleppte Donauschwaben in sowjetischen Lagern erlebt haben
Im Januar 1945 werden rund 90.000 Donauschwäbinnen und -schwaben zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. Das DZM Ulm zeigt eine Ausstellung mit beispielhaften Biografien.
Überleben in der Ceaușescu-Diktatur
Sigrid Katharina Eismann selbst erinnert sich an eine Jugend in den 1970er- und 1980er-Jahren im Schatten der Diktatur Nicolae Ceauşescus, der Rumänien von 1965 bis 1989 beherrschte. Ein Leben geprägt von einem tiefen Zwiespalt und dauerndem Hoffen auf eine Ausreise nach Deutschland.
Während das Regime die Freiheit der Rumäniendeutschen faktisch an die Bundesrepublik Deutschland verkaufte – ein Freikauf gegen Devisen –, hofften viele Familien auf die Ausreise. Auch die von Sigrid Katharina Eismann. Sie beschreibt diesen Zustand als eine Mischung aus Mut und Verzweiflung. In einem Akt des Widerstands schrieb sie sogar einen Brief an den Diktator selbst:
„Es ist ja eine verrückte Idee, den Protestbrief einem Diktator zu übergeben“, erinnert sich Sigrid Katharina Eismann. „Das macht man nicht unter normalen Umständen, aber es zeigt auch die verzweifelte Lage, dass Mut und Verzweiflung zusammen ein kreatives Paar sind und besser als jede Lethargie.“ 1981, mit 16 Jahren, emigrierte sie schließlich mit ihrer Familie nach Deutschland.
Europäische Kulturhauptstadt 2023 Die Stadt Timişoara – Das europäische Herz Rumäniens
Die Region Banat und Timişoara waren ungarisch, osmanisch, österreichisch, rumänisch. Jede dieser Herrschafts-Phasen hat Spuren hinterlassen. Die Stadt ist multiethnisch und multikulturell.
Historisches Erbe
Heute lebt die überwiegende Mehrheit der Banater Schwaben in Deutschland. Doch wer die historische Region Banat besucht, merkt schnell: Das Erbe der deutschen Siedler ist nach wie vor präsent – allen voran in Temeswar. Die Stadt gilt als multikulturelles Vorzeigemodell, war 2023 europäische Kulturhauptstadt.
Hier gibt es bis heute angesehene deutsche Schulen wie das Nikolaus-Lenau-Lyzeum, ein eigenes Deutsches Staatstheater und soziale Einrichtungen wie deutschsprachige Altersheime. Gepflegt werden die Traditionen zum Beispiel bei den jährlichen Heimattagen der Banater Schwaben.
Brauchtumspflege und Jugend
Auch in Deutschland wird das kulturelle Erbe der Banater Schwaben von Landsmannschaften und Vereinen weiter gepflegt. Die traditionelle Kirchweih, gefeiert in prachtvollen Trachten mit Blasmusik ist das vielleicht wichtigste und auffälligste Fest.
Jugendliche bringen sich in Tanzgruppen ein, organisieren Fahrten zu den Heimattagen in Temeswar oder Brauchtumsseminare, um die Geschichte ihrer Großeltern und Urgroßeltern zu dokumentieren.
Und ein Stück weit trägt auch Sigrid Katharina Eismanns Buch „Mein innerer Schwarzwald“ dazu bei, die Geschichte der Banater Schwaben und der rebellischen Salpeterer weiter präsent zu halten.