Deutscher Buchpreis 2026

„Ein fatales Signal“ – Debatte um Maha El Hissy als Jurorin des Deutschen Buchpreises

Die Berufung von Maha El Hissy in die Jury des Deutschen Buchpreises sorgt für Protest. Jüdische Organisationen werfen ihr israelfeindliche und antisemitische Positionen vor.

Teilen

Stand

Von Autor/in Christoph Schröder

Die Jury des Deutschen Buchpreises hat eine besondere Konstruktion: Sie wird jeweils nur für ein Jahr gewählt und nach der Vergabe des Preises neu besetzt. Im April dieses Jahres berief die Buchpreis-Akademie die in Berlin lebende Literaturwissenschaftlerin Maha El Hissy in die Jury. Nun sorgen Vorwürfe jüdischer Organisationen und Akteure für heftige Kritik an der Personalie.

Kritik an Maha El Hissy

Den Anfang machte der Publizist Daniel Neumann, Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland. In einem Beitrag in der Jüdischen Allgemeinen griff Neumann eine Essayreihe mit dem Titel „Literature of Unsettlement“ auf, die El Hissy im vergangenen Jahr in der Zeitschrift Berlin Review veröffentlicht hat.

Neumann wirft El Hissy vor, die Gräueltaten der Hamas vollständig zu verschweigen und den Konflikt ideologisch zu verzerren. Im Zentrum seiner Kritik steht ihre Darstellung des im März 2025 bei einem israelischen Luftangriff getöteten Hossam Shabat.

Die sieben Jurymitglieder des Deutschen Buchpreises 2026
Die Jury des Deutschen Buchpreises 2026 (v.l.n.r.): Adam Soboczynski, Stefanie Kreuzer, Theresa Donner, Emily Grunert, Cornelia Geißler, Maha El Hissy und Jan Ehlert. Pressestelle Anne-Mette Noack

Nach Erkenntnissen der israelischen Streitkräfte soll Shabat als Scharfschütze im Dienst der Hamas tätig gewesen sein. Diesen Vorwurf beziehungsweise diese Einordnung erwähnt El Hissy laut Neumann in ihrer Darstellung nicht. Neumann schreibt:

„Stattdessen wird uns jene klassische postkoloniale Rollenverteilung serviert, die inzwischen weite Teile des progressiven Kulturbetriebs beherrscht: Hier die Kolonisatoren, dort die Kolonisierten. Hier Unterdrücker, dort Unterdrückte. Hier Israel, dort »Palästina«. Es ist postkoloniale Ideologie in literarischer Form. Antizionismus (ergo Antisemitismus) im Gewand kultureller Sensibilität.“

Antisemitismusvorwurf gegen Buchpreis-Jury

Kurz darauf schaltete sich auch Uwe Becker, der Antisemitismusbeauftragte des Landes Hessen, ein. Er schrieb:

„Während der israelbezogene Antisemitismus inzwischen zur bestimmenden Form des Judenhasses in Deutschland geworden ist, berief die Akademie Deutscher Buchpreis im April 2026 eine Multiplikatorin israelfeindlicher Stereotype in die Jury einer der renommiertesten Auszeichnungen für deutschsprachige Literatur.“

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der den Deutschen Buchpreis ausrichtet, reagierte auf die Vorwürfe mit einer kurzen Erklärung. Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, sagte:

„Maha El Hissy wurde aufgrund ihrer fachlichen Expertise in der Literaturwissenschaft und ihrer Erfahrung als Mitglied mehrerer Preisjurys für die Jury ausgewählt. Sie erfüllt die Anforderungen an diese Rolle in vollem Umfang.“

Weitere jüdische Organisationen kritisieren die Berufung

Mittlerweile haben sich weitere jüdische Organisationen und Akteure zu Wort gemeldet. Benjamin Graumann, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, einer der größten jüdischen Gemeinden Deutschlands, sagte:

„Erneut zeigt sich, dass Judenhass in großen Teilen der Kulturszene mit einer beängstigenden Ignoranz begegnet wird. Während jüdisches Leben in Deutschland massiv bedroht wird und gefährdet ist, sendet die Uneinsichtigkeit des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ein fatales Signal aus, welches weit über Frankfurt hinauswirkt.“

Die Proteste gegen die Besetzung der Jury wachsen damit weiter. Auch Charlotte Knobloch, Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München, hat sich inzwischen zu Wort gemeldet. Sie wirft Maha El Hissy vor, den Hass gegen jüdische Menschen in Deutschland weiter anzufachen.

Streit um politische Positionen in der Literatur

Daniel Neumann stellt in seinem Beitrag schließlich eine provokative Frage. Er vergleicht die Berufung El Hissys mit der möglichen Berufung eines Rechtsextremen in die Jury des Deutschen Buchpreises und nennt als Beispiel den Publizisten Götz Kubitschek:

„Was würde wohl passieren, wenn man einen intellektuell versierten Rechtsextremen in die Jury berufen hätte? Götz Kubitschek etwa. Der kollektive Aufschrei von Literatur- und Kulturbetrieb wäre ohrenbetäubend. Zu Recht! Warum aber bleibt es bei den bösartigen und geschichtsrevisionistischen Äußerungen von Maha El Hissy still?“

Damit richtet sich die Debatte inzwischen nicht mehr allein gegen einzelne Passagen aus El Hissys Essayreihe. Sie berührt auch grundsätzlich die Frage, welche politischen Positionen im Literaturbetrieb und bei einer der wichtigsten Auszeichnungen für deutschsprachige Literatur eine Rolle spielen dürfen.

lesenswert Magazin Auf der Suche nach den Lücken in der Hundeheimat

Neue Bücher von Shida Bazyar, Don Pablo Mulemba, Valeria Gordeev und Emma Cline - und „Frankenstein“ als wunderschöner Comic

lesenswert Magazin SWR Kultur

Frankfurt am Main

Deutscher Buchpreis 2026 Eine passable Shortlist – mit einer Fehlentscheidung

Aus einer schwachen Longlist hat die Jury des Deutschen Buchpreises eine überzeugende Auswahl gemacht. Doch eine Entscheidung bleibt schwer verständlich, findet Christoph Schröder.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Fünf Autorinnen, ein Autor Shortlist für den Deutschen Buchpreis: Diese Liste überrascht

Fünf Autorinnen, ein Autor – und einige Favoriten fehlen: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2026 hält Überraschungen bereit.

SWR Kultur am Mittag SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Christoph Schröder
Onlinefassung
Helen Roth