Weihnachtliche Buchgeschenke für alle

Lesen statt Geschenke-Panik: Die Literaturredaktion empfiehlt

Unsere Weihnachtsbuchtipps: von Berit Glanz und Mona Awad über Boccaccios Klassiker bis zu Booker-Preisträger David Szalay – kluge, funkelnde Lektüre für alle.

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Von Autor/in Literaturredaktion

Bücher für jede Art von Leser

Alle Jahre wieder kommt die Frage auf: Was verschenke ich bloß? Unsere SWR-Kultur-Literaturredaktion liefert die eleganteste aller Antworten: Bücher natürlich!

Wir haben für wirklich alle etwas dabei: für Sie selbst, denn Selbstfürsorge ist wichtig; für Lieblingsmenschen; für jene, deren Regale bereits unter bibliophiler Last ächzen; für unersättliche Vielleser und Vielleserinnen; für Kinder und Jugendliche mit Abenteuerhunger – und sogar für die entfernte Cousine, die sonst nur auf TikTok scrollt.

Kurz: ein prall gefüllter Sack voller Geschichten, die garantiert nicht unter dem Baum verstauben.

Frank Hertweck: „Für die, die jeden Klassiker im Regal haben

Mein Weihnachtstipp hat einen düsteren Hintergrund. In ihm wird von einer Pandemie erzählt, davon dass eine Seuche über eine Welt hereinbricht, die man nicht versteht. Plötzlich ist sie da, sie rafft die Menschen hinweg ohne Ansehen der Klassen.

Es trifft die Reichen und die Armen, die Leichenberge türmen sich, die Verwaltungen versuchen, einen Überblick zu bewahren, aber sie scheitern. Dann werden die Sitten lose, der Anstand verschwindet, man brüllt, schreit, glaubt an nichts mehr, oder gleich an irgendwelche Scharlatane.

Es geht um die Pest im Jahr 1348. Und es geht um Florenz. Erzählt wird dieses düstere und tragische Zeit- und Sittengemälde von Giovanni Boccaccio, denn es ist der Auftakt seines berühmten Novellenzyklus „Decameron“.

Eine Gruppe von zehn jungen Menschen, sieben Frauen, drei Männer, flüchten darin aus der sterbenden Stadt aufs Land, wo sie sich hundert Geschichten vom Leben in den italienischen Städten erzählen. Sie sind vergnüglich, aber auch derb-anzüglich; mal pädagogisch orientiert, mal einfach pointiert-parodistisch.

Ein wunderbarer Kranz von Novellen, aber so hat man sie erst später benannt. Sie sind eine Feier der Literatur selbst, denn genau sie, die Dichtung, die Fiktion, ermöglicht das Durchspielen menschlicher Verhaltensweisen, ohne dass sie gleich wirklich werden müssten.

Im Manesse Verlag, der uns immer wieder mit prächtigen Klassikerausgaben beglückt, ist jetzt eine neue Übersetzung des „Decameron“ erschienen. Übersetzt hat das Meisterwerk Luis Ruby und kommentiert hat es der Verleger Horst Lauinger selbst zusammen mit dem Übersetzer. Ein wirkliches Geschenk für uns und für jeden Leser, für jede Leserin! Ein Muss für den Gabentisch!

Theresa Hübner: „Für Kinder und Junggebliebene

Hier kommt ein Weihnachtsgeschenktipp für alle, die neugierig auf die wahren Helden der Weltgeschichte sind! Im Kindersachbuch „Legendäre Tiere“ von Diego Rodriguez-Robredo habe auch ich noch eine Menge gelernt. Man begibt sich auf eine Zeitreise, aber nicht entlang der üblichen großen Schlachten, Kaiser oder Könige – sondern zu den Tieren der Weltgeschichte.

Leider muss man ja sagen, wurden Tiere schon immer als Kriegswaffe eingesetzt, als exotisches Geschenk übergeben oder zur Belustigung als Haustier gehalten. Von manch anderen tierischen Berühmtheiten haben Sie bestimmt schon gehört: vom weißen Wal Moby Dick oder der Kosmonautenhündin Laika zum Beispiel.

Aber auch eine mumifizierte Gazelle, oder Surus, den Lieblingselefanten von General Hannibal, lernt man in diesem Buch kennen. OderJenny, den Orang-Utan, dessen Intelligenz selbst Charles Darwin verblüffte.  

Der Autor liefert dazu viel Hintergrundwissen zu jedem „legendären Tier“. Auf 48 reich illustrierten Seiten nimmt uns Autor Diego Rodríguez Robredo mit auf diese oft vergessenen Pfade der Weltgeschichte — spannend aufbereitet, lehrreich, und für Kinder ab etwa acht Jahren geeignet.

Christoph Schröder: „Für alle, die sich gerne irritieren lassen

Ein Buch verschenken, das Verwirrung stiftet? Ich jedenfalls war verwirrt von David Szalays Roman „Was nicht gesagt werden kann“, der soeben mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Dieses Buch und sein Protagonist haben mir meine Sicherheiten genommen.

Soll ich mit diesem István, so heißt Szalays Antiheld, Mitleid haben? Soll ich ihn verachten? Es steckt eine Menge Drama in diesem Roman: István wächst in einer Plattenbausiedlung in Ungarn auf. Er wandert für drei Jahre in den Jugendknast. Er heuert als Soldat an und kämpft im Irak. Er geht nach London, erlebt dort erst einen Auf- und dann wieder einen Abstieg.

Und was sagt er selbst dazu? „OK.“ Das sagt er ständig. Das Besondere ist Szalays Tonfall, den der Schriftsteller Henning Ahrens treffend ins Deutsche transportiert hat.

Eine scheinbar unbewegte Sprache, die von einem leicht formbaren Mann ohne Eigenschaften erzählt. Von einer modernen Gruselgestalt, definiert von Körperlichkeit, geprägt von Gewalt. Und manchmal blitzt dann doch noch etwas anderes auf – eine Ahnung von der Dramatik eines globalisierten Schicksals.

Eeva Aichner: „Ein Buch für Mehrsprachige

Den Roman „Eva schläft“ empfehle ich nicht etwa, weil ich mit der Titelfigur namensverwandt bin. Und auch nicht, weil ich aus Südtirol komme. Dabei ist es das zentrale Ereignis, dass der Roman in Südtirol spielt. Die Autorin Francesca Melandri erzählt die Geschichte einer deutschsprachigen Provinz, die als Spielball der Geschichte 1918 italienisch wurde.

Warum ich den Roman wirklich empfehle? Weil Melandri es schafft, höchste historische Komplexität in zwei Erzählsträngen lebendig werden zu lassen.

Die vierzigjährige Eva reist aus der nördlichsten italienischen Provinz in die südlichste. Dort liegt Vito im Sterben, er war die große Liebe ihrer Mutter, Gerda, deren Lebensgeschichte, eng verwoben mit jener Südtirols, im anderen Strang erzählt wird.

Gerda wird in den italienischen Faschismus hineingeboren, der Südtirolern ihre Sprache und Kultur verbot. Wie sich das auf die Normalität der Bevölkerung ausgewirkt hat, figuriert Melandri vor allem in zwei starken Frauen, Mutter und Tochter.

Dabei dröselt sie nicht nur historische Traumata auf, sondern entzaubert auch Idyllen: Mit der Köchin Gerda blicken wir hinter die kulinarischen Kulissen in Hotelküchen und wie nebenbei werden damit auch die politischen Hintergründe des Autonomiekampfes enggeführt.

Das alles ist erzählerisch so klug und packend konstruiert, dass man den Roman gar nicht mehr aus der Hand legen will. Pflichtlektüre für alle Südtirol-Fans, ach was, für alle, die lebendige Geschichte lieben!

Katharina Borchardt: „Für Binge-Reader, das dickste Buch“

Bald ist Weihnachten. Und dann die Zeit zwischen den Jahren. Zeit für dicke Bücher! Ich empfehle daher das vielleicht dickste Buch des Jahres: „Das Lied von Storch und Dromedar“ von der Groninger Autorin Anjet Daanje. 976 dichtbedruckte Seiten – genau das Richtige für entspanntes Binge-Reading über die Feiertage!

Der Roman erzählt vom Nachleben einer gewissen Eliza May Drayden. Sie ist der englischen Autorin Emily Brontë nachgebildet. In elf Großkapiteln erzählt Daanje von Menschen, die in irgendeiner Beziehung zu Eliza stehen.

Außerdem enthält der Roman Briefauszüge und Biographiefragmente zu den fiktiven Draydens. Ein postmodernes Mosaik im Gewand eines üppigen historischen Romans. Wer war Eliza May Drayden wirklich?

Anjet Daanje hebelt in diesem Mammutwerk mal eben die Zeit aus, zerlegt die Prinzipien von Chronologie und Kausalität und wendet Quantenphysik auf Erzähllogik an. Ein Roman wie eine Treppenzeichnung von MC Escher (der übrigens aus Leeuwarden stammt, nicht weit von Groningen). Wie bei Escher kippt auch bei Daanje oft die Perspektive.

Dieses Erzählabenteuer sollte man unbedingt miterleben. Dafür aber braucht man ganz profan: Zeit. Ein paar Wochen bestimmt. Zumal man den Roman am Ende gleich nochmal von vorne lesen will! Warum nicht an den Feiertagen damit beginnen?

Elisabeth Bold: „Für alle, die sich gerne an der Nase herumführen lassen

Ein Lesetipp für alle, die gern auf falsche Fährten gelockt werden: „Bunny“ von Mona Awad. Ein Roman, der ein echter BookTok-Hit wurde, also besonders unter Leserinnen und Lesern auf der Plattform TikTok empfohlen und diskutiert wird. Und ich kann verstehen, warum: Dieses Buch wirkt wie ein düsterer Sog.

Außenseiterin Samantha wird zu den geheimnisvollen Treffen ihrer Kommilitoninnen, den selbsternannten „Bunnys“, eingeladen. Was wie der harmlose Beginn einer Freundschaft wirkt, entpuppt sich als Reihe zunehmend kurioser Zusammenkünfte.

Die jungen Frauen experimentieren nämlich mit Hasen und Magie und erschaffen aus den Tieren die vermeintlich perfekten männlichen Begleiter. Dass diese Versuchskaninchen einige Probleme verursachen, überrascht wenig; vor allem aber gerät Samanthas Leben aus den Fugen.

Wer düstere Atmosphären, magischen Realismus und rätselhafte Ereignisse liebt, kommt hier voll auf seine Kosten. Und ganz aktuell: Die Fortsetzung des Romans erscheint im Januar in deutscher Übersetzung. Ein guter Moment also, in diese merkwürdige Welt einzutauchen.

Nina Wolf: „Für Reiselustige und Daheimgebliebene

Manche Lektüren eignen sich hervorragend dafür, sich wegzuträumen. Weit weg dissoziieren, den Weihnachtstrubel ruhen, und Geschenke und Familienchaos mal sich selbst überlassen. Träumen, weit weg, ja – nach Island vielleicht? Dafür empfehle ich Berit Glanzs Roman „Unter weitem Himmel“.

Berit Glanz verknüpft in „Unter weitem Himmel“ die Vergangenheit und Gegenwart Islands kunstvoll miteinander. 118 Jahre liegen zwischen zwei Erzählebenen, deren Verbindung sich nach und nach entfaltet. Ein bretonischer Fischer und eine isländische Krankenschwester begegnen sich im rauen Island Anfang des 20. Jahrhunderts.

Auf der anderen Seite, im Jetzt, begleiten wir die Genetikerin Maris. Ihre Arbeit führt sie auf einen Bauernhof in den Ostfjorden, wo sie Adam begegnet. Maris ist außerdem auf der Suche nach ihrem leiblichen Vater.

Berit Glanz stammt aus Kiel und lebt in Reykjavík. Die Autorin behandelt Fragen der Herkunft, der Zugehörigkeit, der Heimatsuche in ihrem genau recherchierten Roman. Die Lektüre lädt dank der Naturbeschreibungen der isländischen Landschaft zum Träumen ein.

Glanz zeigt auch – in beinahe Actionfilm-haften Szenen – die Unbarmherzigkeit der Natur, wenn die Fischer in die ruppige See stechen. Und sie wird auch poetisch: Wenn der Eishai, unberührt von den Gewalten der Welt, weise durch die Geschichte streift…

Dieses Buch ist ein wunderbares Geschenk für alle, die sich in Geschichten verlieren möchten, und für Reiselustige, die Daheim geblieben sind.

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