Ab in die literarische Hängematte
Zwischen den Jahren wird alles ein wenig leiser. Der Kalender scheint kurz still zu stehen – und auch das Lesen folgt anderen Regeln. Jetzt heißt es: Ab in die literarische Hängematte! Bücher sollen gut tun, dürfen aber nicht banal sein. Denn Seichtes passt hier nicht.
Vier Romane, die entschleunigen, ohne beliebig zu werden – ideal für die stillen Tage zwischen den Jahren.
Es ist die Zeit für Texte, die mit Ruhe arbeiten, mit Atmosphäre und genauer Beobachtung. Ein aktueller Roman, der dieses Gefühl perfekt einfängt, ist „Vaim“, der neue Roman von Jon Fosse.
- „Vaim“ von Jon Fosse
- „Buch der Gesichter“ von Marko Dinić
- „Lied der Weite“ von Kent Haruf
- „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells
Ein Text wie eine langsame Bewegung
Im Zentrum steht der wortkarge Fischer Jatgeir, der im fiktiven Ort Vaim an der norwegischen Küste lebt. Eines Tages trifft er Eline wieder – eine Frau, die er früher heimlich geliebt hat. Sie begleitet ihn auf eine Bootsfahrt, ausgerechnet auf dem Segelboot, das ihren Namen trägt.
Jon Fosses neuer Roman "Vaim": Ein einziger atemloser Satz
„Jetzt steht Eline auf der Eline.“ Solche Sätze sind typisch für Fosses leisen Humor. Mit jeder Seite geht es tiefer ins Bewusstsein der männlichen Protagonisten, doch es ist Eline, die die Geschichte vorantreibt.
Fosse schreibt ohne Punkt, in einem rhythmischen Sprachfluss, der den Text wie eine langsame Bewegung trägt.
Konzentration statt Cliffhanger
Auch Marko Dinićs „Buch der Gesichter“ verlangt Zeit und Aufmerksamkeit. Der Roman spielt an einem einzigen Sommertag des Jahres 1942 in Belgrad. Es ist der Tag, an dem Serbien von der SS offiziell für „judenfrei“ erklärt wird. In acht Kapiteln wird dieser Tag immer wieder neu erzählt, wie in einer literarischen Collage aus Erinnerungen, Momenten und Perspektiven.
Die Hauptfigur Isak, der „letzte Jude Belgrads“, ist nur eine von vielen Stimmen. Hinzu kommen ein junger Partisan, ein anarchistisches Paar und sogar eine Hündin.
Trotz des historischen Schreckens ist dies kein Roman der großen dramatischen Handlung. Traum und Realität fließen ineinander, entscheidend sind die Details, die Nuancen. Gerade deshalb passt das Buch in diese langsame Jahreszeit: Wer sich nicht hetzen lässt, entdeckt neue Perspektiven auf die Verfolgung der serbischen Juden.
Ein amerikanischer Klassiker voller Wärme
Die Romane des 2014 verstorbenen US-amerikanischen Autors Kent Haruf spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt. In „Lied der Weite“ findet ein schwangeres junges Mädchen Unterschlupf bei zwei älteren Farmerbrüdern.
Erst wissen sie nicht, wie sie miteinander umgehen sollen, doch dann nähern sie sich an. Gewalt kommt vor, doch sie wird nicht ausgestellt.
Harufs große Stärke liegt in der unaufgeregten Darstellung von Güte und Herzensklugheit. Eine so gute Lektüre, dass dieser Roman längst als moderner Klassiker gelten darf.
Ein Roman, der tröstet, ohne zu vertrösten
Ähnlich warm ist der Ton in „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells. Drei Geschwister verlieren früh ihre Eltern und gehen ganz unterschiedlich damit um. Sie driften auseinander und finden doch wieder zusammen.
Der Roman erzählt davon, wie Verlust und Trauma verarbeitet werden können. Wells schreibt über Sehnsucht, Liebe und Seelenverwandtschaft, ohne je kitschig zu werden. Gerade in der stillen Zeit zwischen den Jahren entfaltet diese Wärme ihre volle Wirkung.