„Ein Solitär unter den Büchern“

Buch des Jahres der SWR Bestenliste: „Der Gärtner und der Tod“ von Georgi Gospodinov

Für die dreißigköpfige Jury steht fest: Georgi Gospodinov hat mit „Der Gärtner und der Tod“ das Buch des Jahres der SWR Bestenliste 2025 geschrieben, ein „elegant übersetzter Solitär“ über Tod und Trauer.

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Stand

Von Autor/in Carsten Otte

Auf dem alljährlichen Treffen der Literaturkritikerinnen und Literaturkritiker, das im Literaturhaus Stuttgart stattfand, hat die Jury der SWR Bestenliste den Roman „Der Gärtner und der Tod“ des 1969 im bulgarischen Jambol geborenen Schriftstellers Georgi Gospodinov zum Buch des Jahres der SWR Bestenliste 2025 gewählt.

Die Auszeichnung ist undotiert und wird nach einem mehrstufigen Verfahren von den 30 Mitgliedern der Bestenliste-Jury entschieden.

Vor der Jury-Sitzung haben die Kritiker und Kritikerinnen eine Longlist mit zehn Titeln gewählt, auf der neben dem ausgezeichneten Roman von Georgi Gospodinov Werke von Dorothee Elmiger, Annett Gröschner, Wolf Haas, Urszula Honek, Anja Kampmann, Jonas Lüscher, Katerina Poladjan, Thomas Pynchon, Natascha Wodin und Christine Wunnicke standen.

Voraussetzung für die Wahl auf die Longlist war der Platz auf einer Bestenliste im laufenden Jahr.

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„Ein Solitär“– Die Jurybegründung

Die Jury der SWR Bestenliste begründete ihre Entscheidung nicht nur mit der thematischen Bedeutung des Romanstoffs, sondern auch mit der literarischen Qualität des Werks:

Der Gärtner und der Tod ist ein Solitär unter den Büchern über Tod, Abschied und Trauer. In diesem Roman über seinen Vater, der begeistert gärtnern und erzählen konnte, spiegelt der große europäische Erzähler Georgi Gospodinov die Geschichte Bulgariens vor und nach 1989.

Die ersten Sätze des Buchs lauten: Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten. Die Einstiegsworte enthalten, Samenkörnern gleich, das große Thema des Romans, das kreisende Werden und Vergehen jeden Lebens.

So ist Der Gärtner und der Tod, von Alexander Sitzmann aus dem Bulgarischen elegant übersetzt, kein Buch über den Tod, sondern eins über die Sehnsucht nach dem Leben, das vergeht.

Es weitet das Persönliche ins Anthropologische und das sinnlich Konkrete ins überhistorisch Gültige. Dafür wird Der Gärtner und der Tod als Buch des Jahres der SWR-Bestenliste 2025 ausgezeichnet.“

Platz 5 (37 Punkte) Georgi Gospodinov: Der Gärtner und der Tod

„Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten.“ Gospodinov erzählt vom Sterben des Vaters, vom Verfall. Und reflektiert zugleich die Möglichkeiten, darüber zu schreiben. Ein zartes Erinnerungsbuch über einen ungewöhnlichen Mann.

Wirklichkeit und Fiktion

Im Zentrum des Romans steht der Vater des Autors: Aufgewachsen im bulgarischen Ostblock, aufs berufliche Abstellgleis geraten und an Krebs erkrankt, verbringt er seine Zeit im Garten und mit den Geschichten seines Lebens. Hingebungsvoll scheint er seine letzte Lebenskraft in den Garten einarbeiten zu wollen, bis er selbst vom Gärtner zum Garten wird.

Der Sohn verarbeitet seinen Tod durch die Erinnerung an seine Anekdoten, die auch die Geschichte Bulgariens um 1989 reflektieren und damit zu einer überpersönlichen Hommage werden.

Georgi Gospodinov erklärt über sein autobiographisches und zugleich weit über das Persönliche hinaus gehende Schreiben:

„Jede Geschichte, die einmal durch die Sprache gegangen ist, sich in Worte gekleidet hat, gehört uns nicht mehr, selbst wenn wir sie persönlich erlebt haben. Sie ist bereits genauso Teil der Wirklichkeit wie der Fiktion.“

Die Übersetzung von Alexander Sitzmann fängt die melancholische Heiterkeit des Textes auf kongeniale Weise ein:

„Mein Vater erzählte, er erzählte, und seine Stimme wurde langsam schwächer, und am Ende, als das letzte Wort verklungen war, begann er, nur noch mit den Händen zu beschreiben … So werde ich ihn erzählen lassen, weil ich will, dass es in seinem Roman hell ist, und weil es genau so war. Frag den Arzt, wenn ihr mir nicht glaubt, in seinem Aschenbecher findet sich immer noch ein wenig Blütenstaub eines Kirschbaums und am Saum seines Kittels ein Tropfen Blut.“

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In mehr als zwanzig Sprachen übersetzt

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Georgi Gospodinov gewann 2023 den International Booker Prize mit seinem Roman "Zeitzuflucht"
Georgi Gospodinov gewann 2023 den International Booker Prize mit seinem Roman "Zeitzuflucht"

Der Autor wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, darunter zweimal mit dem bulgarischen Buchpreis und 2023 mit dem International Booker Prize für seinen Roman „Zeitzuflucht“.

Der Roman „Der Gärtner und der Tod“ ist Gospodinovs persönlichstes Prosawerk. Mit dem „Buch des Jahres der SWR Bestenliste 2025“ wird die literarische Kunst eines herausragenden europäischen Erzählers gewürdigt.

Letztes Jahr gewann Ronya Othmann den Titel mit ihrem Roman „Vierundsiebzig“.

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Carsten Otte