Lada Lončar: Täterin oder Opfer – oder beides?
Gleich der erste Satz lässt keinen Zweifel: Lada hat ihren Ehemann getötet. So beginnt der Roman „Sicheres Haus“ der kroatischen Autorin Marina Vujčić. Kein Krimi, kein Rätsel um die Täterschaft.
Und doch entfaltet sich eine Geschichte voller Leerstellen: Warum kam es zu dieser Tat? Wie funktioniert ein System aus Gewalt und Scham? Und wer ist hier eigentlich das Opfer?
Ins Deutsche übersetzt wurde der Roman von Mascha Dabić. Im Gespräch im SWR Kultur lesenswert Magazin erklärt sie, wie raffiniert dieser Text konstruiert ist und warum sein Titel so paradox klingt.
Ein Monolog in Briefform
Lada sitzt im Frauengefängnis. Dort beginnt sie, ihre Geschichte aufzuschreiben. In Briefen, an sich selbst. In der Du-Form. Sie rekonstruiert die Vergangenheit, tastet sich voran durch Erinnerung und Rechtfertigung.
„Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn da draußen eine Frau wäre, die ihre Geschichte erzählen würde“, sagt Mascha Dabić. So entsteht eine beklemmende Nähe: ein Monolog, der zugleich Selbstanklage und Selbstrettung ist.
Marina Vujčić beschreibt, wie Ladas Beziehung mit einem Universitätsprofessor als Liebesgeschichte beginnt, doch rasch kippt. Der Ehemann erscheint zunächst wie ein Märchenprinz. Sie gleitet in eine „eheliche Hölle“ ab. Gewalt wird zum Alltag.
lesenswert Magazin Neue Bücher von Helene Bukowski, Son Lewandowski, Anja Gmeinwieser, Marina Vujčić und Clara Leinemann
Zum Internationalen Frauentag am 8. März widmen wir das SWR Kultur lesenswert Magazin Romanen und Autorinnen, die gegen strukturelle Gewalt und Machtmissbrauch anschreiben.
Das System häusliche Gewalt
Ladas Mann isoliert sie systematisch: von der Schwester Nina, den Eltern, der Freundin Magda. Jedes Telefonat wird als Affront gewertet und bestraft.
Die Schwester glaubt irgendwann, Lada wolle keinen Kontakt mehr. Tatsächlich darf sie keinen haben.
Als Lada schließlich versucht, sich zu trennen, verweigern die Eltern ihre Unterstützung. Eine Scheidung wäre eine Schande. Sie solle „in diesem Konstrukt verbleiben“, Ehestreitigkeiten seien schließlich normal.
Nur die Freundin Magda zeigt Solidarität, nimmt sie auf , doch Lada kehrt zurück zum Ehemann. Sie ist schwanger.
Mit der Tochter wird sie endgültig erpressbar: emotional, juristisch und finanziell. Der Roman zeigt ein komplexes Geflecht aus Abhängigkeit, Scham und gesellschaftlichem Druck.
Das Gefängnis ist sicherer als das Zuhause
Der Titel des Romans „Sicheres Haus“ wirkt wie ein bitterer Widerspruch. Denn Sicherheit findet Lada ausgerechnet im Gefängnis. Dort herrscht zwar Unfreiheit, Kontrolle, aber keine Willkür.
Das Zuhause hingegen war jahrelang ein Ort der Bedrohung. Marina Vujčić schildert diese Enge mit großer Präzision. Die klaustrophobische Atmosphäre des Gefängnisses spiegelt die emotionale Gefangenschaft der Ehe.
„Es ist die Geschichte eines verhinderten Femizids“
Ladas Fall ist kein Femizid, weil sie selbst tötet. In Notwehr.
Sie hätte den Status des Opfers nur bekommen, wenn sie tot gewesen wäre
„Sie hätte den Status des Opfers nur bekommen, wenn sie tot gewesen wäre“, meint Dabić. Der Roman kehrt damit gewohnte Perspektiven um. Er erzählt von einem verhinderten Femizid. Hätte Lada sich nicht gewehrt, wäre sie womöglich eine weitere getötete Ehefrau gewesen, eine Schlagzeile in der „schwarzen Chronik“.
Marina Vujčić hat für das Buch recherchiert, unter anderem im Frauengefängnis. Sie untersucht auch, wie Medien Täter- und Opferbilder konstruieren.
Mehr zu dem Thema
Gedichte und ihre Geschichte Lyrik über einen Femizid - Alina Weber
Die junge Autorin Alina Weber, die aus dem Westerwald stammt, interessiert sich für soziale Prozesse und gesellschaftliche Probleme. Das Thema Gewalt in Beziehungen hat sie zu ihrem Langgedicht „Lola“ inspiriert. Darin geht es um eine junge Frau, die von ihrem Partner ermordet wird. Für ihren Gedichtzyklus ist Alina Weber in Landau mit den Martha-Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet worden.