Sie schweben so schön
Es sieht so leicht aus, sie schweben so schön, die elfengleichen Kunstturnerinnen an Barren, auf dem Boden oder dem Schwebebalken.
Aber leicht ist hier gar nichts – hinter den Flic Flacs, den Salti und Schrauben steckt jahrelanger Drill. Der beginnt im Kindesalter:
„Wir sind acht, wir sind zwölf, wir sind sechzehn Jahre alt und noch sind wir leicht und klein, ohne verzichten zu müssen. Es ist 1976, 1980, 2016, die Zeit immer Vier, unser Alter Olympiajahre."
Wir sind ein Mädchen, das umgezogen in der Halle steht, umhergezogen durch das Training läuft, umerzogen in den Wettkampf springt.
Ein Kind wird perfektioniert
Son Lewandowskis Debüt „Die Routinen“ beginnt 2023 in Antalya bei den Turn-Europameisterschaften. Die 16-jährige Isy stürzt am Stufenbarren, jetzt liegt sie schwer verletzt im Koma.
An ihrem Bett wacht Amik, ebenfalls Leistungsturnerin, die beiden sind Freundinnen, haben sich im Sportinternat ein Zimmer geteilt. Amik ist deutlich älter als Isy, hat es nicht mehr in den Kader geschafft. Nun denkt sie über ihre Turnkarriere nach.
Amiks Stimme, ihre Gedanken und Erinnerungen führen durch den Roman. Sie beschreibt, wie sie als Kind mit dem Turnen beginnt, doch schnell das Spielerische und die kindliche Freude an der Bewegung verliert.
Stattdessen geht es bald nur noch um den Erfolg beim nächsten Wettkampf – egal was der Körper sagt:
„Wie oft ich auf den Schwebebalken stürzen konnte, ohne dass ich brach. Ich war ein Kind, das manchmal hinfiel. Aber keine Sorge, es gab kein Körperteil, das ich nicht unerwartet noch einmal wenden konnte. In meinem Körper war noch Platz, Potential, die Knochen noch weich, die Muskeln noch hart. Man konnte mich ziehen und drängen."
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Zum Internationalen Frauentag am 8. März widmen wir das SWR Kultur lesenswert Magazin Romanen und Autorinnen, die gegen strukturelle Gewalt und Machtmissbrauch anschreiben.
Der Trainer ist Meister des Psychoterrors
Ausdauer, sagte er tonlos, sah mich nicht an und winkte das nächste Mädchen heran.
Deshalb fürchtet sich Amik auch vor der Pubertät, ihr Körper soll kindlich bleiben. Im Hinterkopf lauert immer die Angst, ausgetauscht zu werden, gegen die nächste Hoffnungsträgerin. Ihrem übergriffigen Trainer Wolf, einem Meister des Psychoterrors, ist sie geradezu hörig.
„Obwohl ich an diesem Abend nichts aß, wog ich am nächsten Morgen wieder ein paar Gramm mehr. Ich schaute auf die Ziffern, dann zu Wolf, dann auf den Kugelschreiber in seiner Hand.
Er vermerkte mein Gewicht in der nächsten Spalte und unterstrich es. So, wie er jedes Gewicht, das einen neuen Höchststand erreichte, mit einem schnellen Strich markierte. Ausdauer, sagte er tonlos, sah mich nicht an und winkte das nächste Mädchen heran."
Zu grausam, um wahr zu sein?
Ungeschönt beschreibt Son Lewandowski die harte Realität hinter der glitzernden Fassade der Turnwelt. Die jungen Mädchen werden gedrillt und gedemütigt, sie leiden unter Essstörungen, Inkontinenz und Zyklusstörungen.
Keine Kinder, sondern Maschinen, bestimmt für die große Show, in der Hoffnung auf eine Medaille. Zu grausam, um wahr zu sein?
Mehr als ein Sportroman
Bei den olympischen Spielen in Montreal 1976 erreichte die damals 14-jährige Nadia Comăneci als erste Turnerin die Bestnote 10,0 am Stufenbarren. Auch ihre Karriere ist eine Geschichte der Ausbeutung.
Zwischen Amiks Ich-Perspektive schiebt Son Lewandowski immer wieder Passagen eines kollektiven Wirs, das von Turnerinnen seit den 1960er-Jahren erzählt – von Nadia Comăneci bis heute.
Wir sind Kinder, werden Kinder bleiben, und wenn wir uns wehren, holen sie ein neues Kind, das so lange Kind bleiben muss, wie es kann. Was sollen wir tun, außer zu turnen? Wir haben den Protest nie gelernt, denn so waghalsig unsere Körper auch aufgezogen werden, so zurückhaltend wächst der Rest.
Gefangen im Drill des Leistungssports
Diese Haltung hat Geschichte: Warum sie nie lächle, fragte ein Reporter die junge Nadia Comăneci bei Olympia in Montreal. Ihr Trainer Béla Karoly antwortet für sie:
„Because she is always thinking about her routines“, weil sie immer an ihre Übungen, ihre Routinen denke – der Satz gibt dem Buch den Titel. Die Turnerinnen sind so gefangen im täglichen Drill des Leistungssports, dass sie unfähig sind aufzubegehren, Fragen zu stellen oder Schmerz zu spüren.
Ein System, das den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch durch den Mediziner Larry Nasser erst möglich macht.
Gut recherchiert und erschütternd
Die gut recherchierten Passagen über den jahrzehntelangen Missbrauch im Leistungsturnen sind erschütternd und fesselnd – leider fällt die Geschichte von Amik und Isy dagegen deutlich ab, die spärliche Handlung trägt nicht durch den Roman. Amiks Turnwelt ist düster und traurig, aber auf Dauer eintönig.
Es gibt kein Außen, keine Eltern, keine Schule, keine Abwechslung.
Wahrscheinlich ist genau das von der Autorin gewollt, um die Isolation, in der sich die Mädchen befinden, zu zeigen- aber der literarische Effekt ist zwiespältig:
Was als radikale Verdichtung gedacht ist, wird über weite Strecken zur Monotonie, die das beklemmende System zwar spürbar macht, den Roman jedoch erzählerisch ausbremst.
Es fehlen die Höhepunkte
Trotzdem: Son Lewandowski findet in ihrem Debüt einen bemerkenswert poetischen Stil. Sie schreibt sehr lyrisch, alles schwebt, wie ja auch die Turnerinnen über Boden und Balken schweben, doch in jeder Kür wird auch mal Tempo gemacht, gibt es Höhepunkte und Überraschungen – und die fehlen hier völlig.
Am Ende wirkt „Die Routinen“ selbst fast wie eine Übung am Schwebebalken: kontrolliert, konzentriert, makellos in der Form. Aber ohne den Moment des Risikos, der einen Atem anhalten lässt.
Son Lewandowski zeigt eindringlich das unermessliche Leid, das hinter den Karrieren vieler Turnerinnen steckt. Doch wie bei einer zu sauber geturnten Kür, fehlt ihrem Roman manchmal genau das, was große Literatur ausmacht: der überraschende Sprung ins Offene.
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