Hippies am Genfer See
Die erhabenen Alpen waren an allem schuld; oder nein, das gewaltige Gewitter, das am 16. Juni 1816 über der Schweiz tobte; oder nein, ein Vulkan im fernen Indonesien: der Tambora.
Sein Ausbruch im Jahr zuvor schleuderte eine riesige Aschenwolke in den Himmel, die die Sonne verdunkelte. Jetzt zeigten sich die Auswirkungen in Europa, es blieb kalt, die Tage waren grau und es regnete fast ununterbrochen.
Auch am Genfer See. Das hatte sich die illustre Reisegruppe aus England ganz anders vorgestellt. Zu ihr gehörte Lord Byron, einer der Stars der europäischen Literaturszene, von Goethe geschätzt. Dann Percy Shelley, der kommende Dichter – und seine zukünftige Frau Mary Godwin, die später zu Mary Shelley werden sollte.
Allen gemeinsam: Sie waren jung, sehr jung. Mary war gerade mal 18 Jahre, aber sogar schon Mutter. Percy war 23 und Lord Byron, das schöne Genie, immerhin 28 Jahre. Stilecht lebte Byron mit seiner Entourage in der Villa Diodati am See, und nicht weit entfernt wohnten, jedoch deutlich weniger luxuriös, die Shelleys.
Die Drei verband eine hippieske Lebensweise, die für den libertären Aristokraten Lord Byron vielleicht selbstverständlich war – von den Shelleys hingegen mit viel Familienärger hart erkämpft worden war. Und das, obwohl Mary ja die Tochter von Mary Wollstonecraft war, einer bekennenden Frauenrechtlerin.
Ein Schreibwettbewerb aus Langeweile
Weil das Wetter sich nicht ändern wollte, las man sich aus Büchern vor. Und wie es die Geschichte will, auch deutsche Gespenstergeschichten, die den Engländern, gleichsam die Erfinder der „Gothic Novel“, etwas fade und uninspiriert vorkamen.
Was blieb diesen Geistesgrößen also anderes zu tun, als selber bessere zu schreiben? Nur, die Sonne zeigte sich dann doch, die Welt erstrahlte, so dass die Dichter schnell den Reiz an der düsteren Sache verloren und lieber segeln gingen.
Aber Mary Shelley blieb dran. Sie hatte eine zündende Idee, eine Eingebung:
Ich sah – mit geschlossenen Augen, aber scharfem geistigen Blick – den bleichen Schüler unheiliger Künste neben dem Ding knien, das er zusammengesetzt hatte. Ich sah das bösartige Phantom eines hingestreckten Mannes und dann, wie er durch das Werk einer mächtigen Maschine Lebenszeichen von sich gab und sich mit schwerfälligen, halblebendigen Bewegungen rührte…
Ein Monster wurde geboren – und mit ihm zugleich eine Legende: der Mythos von Frankenstein. Die schlaue Shelley wusste sofort um die epochale Bedeutung. Der Untertitel lautet, gar nicht bescheiden: der moderne Prometheus.
Sie behielt Recht: Frankenstein ist aus unserem kulturellen Gedächtnis nicht mehr wegzudenken. Und wenn wir wissen wollen, wie das Geschöpf ausschaut, denken wir unweigerlich an das ikonographische Monster Boris Karloff.
Die Vernunft gebiert Monster
Aber was Mary Shelleys Roman von trivialen Gespenstergeschichten unterscheidet, die Vernunft und Wahnsinn säuberlich zu trennen wissen, ist, dass sie die Naturwissenschaft selbst zum Ursprung des Irrationalen macht, weil sie den imperialen Kern der wissenschaftlichen Welteroberung erkennt.
Der spanische Maler Goya hatte knapp zwanzig Jahre zuvor einen berühmten Stich veröffentlicht mit dem legendären Titel: Der Schlaf der Vernunft gebiert Monster.
Mary Shelly würde antworten: Die wache Vernunft gebiert Monster. Damit setzt sich der Schöpfermensch an die Stelle von Gott. Aber das interessiert die Dichterin gar nicht, es geht ihr nicht um religiöse Hybris oder dergleichen, im Hause Shelley war man Atheist.
Der große Bruch zwischen dem Schöpfer Viktor Frankenstein und seinem Geschöpf tritt ohne Verzögerung ein, nämlich im Augenblick der elektrifizierten Beseelung des aus Leichenstücken zusammengesetzten Riesenbabys. Viktor blickt ihm in die Augen und sieht nur Hässlichkeit.
Nun aber, da mein Werk vollbracht war, verblasste der schöne Traum, und Abscheu und atemloses Grauen erfüllten mein Herz. Unfähig, den Anblick des Wesens zu ertragen, floh ich aus dem Labor.
Fragen von Gut und Böse
Das Monster widerspricht ganz einfach dem romantischen Schönheitskult. Und wie sich Schönheit und Hässlichkeit in Fragen von Gut und Böse verwandeln, davon erzählt dieses Buch. Das Motto, das Mary Shelley ihrer Geistergeschichte voranstellt, zitiert einen anderen Großen der englischen Literatur, nämlich John Milton.
Hab ich’s von dir, mein Schöpfer, denn erbeten, / Dass du aus Lehm zum Menschen mich geformt? / Dass du mich aus der Dunkelheit hervorzuziehen kamst, / hab ich dich drum ersucht?
Was will uns Mary Shelley damit sagen? Dass wir als Menschen nicht auf der Seite des Schöpfers Viktor Frankenstein stehen, sondern auf der Seite des hässlichen Monsters.