Buchkritik

Der neue Schriftstellerroman von Michael Kleeberg: „Achilles in Taormina“

Michael Kleeberg begleitet einen von Hemingway besessenen Forscher bei seinen Recherchen. Diese zeigen einen Mann voller Widersprüche jenseits gängiger Mythen und Klischees

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Von Autor/in Holger Heimann

Michael Kleeberg hat Hemingway – wie so viele – als junger Mann für sich entdeckt. Zum Interesse für die Literatur sei rasch die Faszination für die Biografie des legendenumwobenen Schriftstellers gekommen, sagt Kleeberg: 

„Bei Hemingway geht das eine ja nie ohne das andere. Genauso sehr, wie mich als 17-18-Jähriger die Geschichten interessiert haben, hat mich eben auch diese Expertise vom guten Leben interessiert: Reisen machen, gut trinken, gut essen.“ 

Besessen von Hemingway 

Das Interesse am Schreiben Hemingways habe jedoch bald nachgelassen, andere Autoren seien für ihn wichtiger geworden. Dem Ich-Erzähler des Romans, der so wie der Autor heißt, aber außer ein paar Lebensdaten nicht viel mit diesem gemein hat, geht es anders.

Die Leidenschaft des fiktiven Dr. Michael Kleeberg für Hemingway flaut ein Leben lang nicht ab. Mehr noch: Der Roman-Kleeberg macht den schillernden Großschriftsteller und Kriegsfreiwilligen nicht nur zum Zentrum seines Lebens, er ahmt ihn obsessiv nach.  

Ich war so im Banne Hemingways, dass ich sein Leben eins zu eins kopieren wollte, vielleicht in dem Glauben, dass nur ein solches Leben zu einer solchen Literatur befähigen konnte.

Michael Kleeberg
Michael Kleeberg Pressestelle Michael Kleeberg (c) Penguin Verlag

Ein Ticket in den Krieg 

So zu schreiben wie das Vorbild, das klappt nicht. Einfacher ist es da schon, sich ein Ticket nach Nicaragua zu besorgen und in den Krieg zu ziehen. Aber auch dort wartet nur die nächste Desillusionierung: nicht das ersehnte Heldentum, sondern vor allem Ignoranz und Sinnlosigkeit. Kleeberg beschreibt:

„Er ist eigentlich ein wenig ein vermindertes Zerrspiegel-Porträt von Hemingway, weil natürlich alles vier Nummern kleiner ist. Und weil er, das wird ihm ja dann irgendwann auch direkt auf die Nase gebunden, die Eigenschaften, die Hemingway zu Hemingway gemacht haben, nicht besitzt.“ 

So bleibt für den fiktiven Dr. Kleeberg nur ein Forscherleben im Dienste Hemingways. Und diese Forschungen sind das eigentliche Zentrum und der spannende Kern des Romans. Denn der reale Michael Kleeberg lässt seinen Erzähler nicht nur mit akademischer Gründlichkeit den Hemingway-Sound analysieren.

Der deutsch-amerikanische Journalist, der es schließlich bis zum Professor bringt, trifft vor allem eine ganze Reihe von Menschen, die für Hemingway wichtig waren, darunter Geliebte, Freunde, seine drei Söhne und – ein Höhepunkt des Romans – Martha Gellhorn, die verhasste dritte Ehefrau des Schriftstellers.

Vorbild sei für ihn Thomas Manns „Lotte in Weimar“ gewesen, der Roman also, in dem Goethe in konzentrischen Zirkeln umkreist wird, sagt der echte Michael Kleeberg.  

Radikale Selbsterkundung 

„Die Lotte kommt nach Weimar und trifft alle möglichen Leute aus Goethes Umkreis, die dann Goethe spiegeln, meistens extrem negativ. Und so entsteht dann also eine Negativform, die Goethe aber besser erklärt. Und ähnlich habe ich das eben auch gemacht.“ 

Der fiktive Dr. Michael Kleeberg geht der Frage nach, warum Hemingway in seinen letzten 21 Lebensjahren kaum noch etwas veröffentlichte, obwohl er unablässig schrieb und 3000 Manuskriptseiten füllte. Die Antwort des Romans: Hemingways Schreiben war zuletzt vor allem radikale Selbsterkundung, ohne dafür jedoch eine überzeugende literarische Form zu finden. 

„Er muss sich eingestehen, dass sein Leben eine große Lüge ist. Dass er sich sehr viel in die Tasche gelogen hat und dass das jetzt mit zunehmendem Alter alles auf ihn selbst zurückkommt. Die Macho-Pose, die er sich abzwingen muss. Man weiß ja mittlerweile, dass er zu Hause im Bett sehr gerne so androgyne Spiele machte.“ 

Dichtung und Wahrheit 

Der Hemingway des Romans ist ein Mann voller Widersprüche: ein androgyner Künstler, der mit Nachdruck seine Männlichkeit inszenierte. Aber gerade dadurch, dass die Klischees und Mythen rund um den Abenteurer und Macho durchbrochen werden, gewinnt der Mensch und Schriftsteller unverfälscht Kontur.

Michael Kleebergs Buch, das elegant Erfindung und Wahrheit verbindet, macht jedenfalls Lust, Hemingway wieder zu lesen und ihn im Licht der Erkenntnisse des Romans womöglich auch neu zu entdecken.  

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Holger Heimann