Nominiert für wichtige Literaturpreise
Sie ist angekommen, die Literatur von Aussiedlerinnen und Aussiedlern. Waren die Älteren zumeist vollauf mit den Mühen der Übersiedlung beschäftigt, machen sich die Jüngeren ans Schreiben.
Vor allem die Werke der Millennials schaffen es inzwischen in die großen deutschen Verlage und werden auch für wichtige Literaturpreise nominiert.
Erst kürzlich etwa stand die 1987 in Kasachstan geborene Stuttgarterin Elli Unruh für ihren Debütroman „Fische im Trüben“ auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse.
Raus aus der Nische
Dabei gibt es Aussiedler-Literatur schon so lange, wie es Aussiedler gibt. Also seit mehreren hundert Jahren. Früher waren die Texte zumeist kurz: Es waren Lieder, Gedichte und Geschichten – deutsche Gebrauchstexte für die verstreut lebende Community.
Später schrieben die Deutschstämmigen auch auf Russisch, Rumänisch oder Polnisch und sprachen damit auch die jeweilige Mehrheitsbevölkerung an. Mit der Rückkehr nach Deutschland wurde das Deutsche wieder zur hauptsächlichen Literatursprache.
Trotzdem schrieben Aussiedlerinnen und Aussiedler lange in eigenen Schreibzirkeln und publizierten in Nischenverlagen. Ihre Erfahrungen und Lebensrealitäten waren den meisten deutschen Leserinnen und Lesern unbekannt. Größere Verlage hatten kaum Interesse an ihren Geschichten.
Berühmte Rumäniendeutsche: Herta Müller
Mit den Jahren aber hat sich das geändert. Unter den rumäniendeutschen Autorinnen und Autoren ist natürlich Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller (*1953) die weithin Bekannteste.
Doch auch die Freiburgerin Iris Wolff (*1977) wurde vielfach ausgezeichnet für ihre Romane, die vom Leben der Deutschen in Siebenbürgen und von der Übersiedlung nach Deutschland erzählen.
Schriftstellerin Iris Wolff | 21.1.2025 Darum ist "Heimat" für die Autorin nicht nur "Herkunft"
Iris Wolff ist eine der wichtigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihr Roman "Lichtungen" war für den Deutschen Buchpreis 2024 nominiert.
Anni sucht „Das gute Leben“
Mit Nadine Schneider kommt eine noch jüngere Stimme hinzu. Die Familie der Nürnbergerin (*1990) kommt aus dem rumänischen Banat.
In ihrem neuen Roman ist es Anni, die Mitte der 1960er Jahre der Ceauşescu-Ära entflieht und „Das gute Leben“ in Nürnberg sucht. 35 Jahre lang arbeitet sie dort beim Quelle-Versand. Ihre Geschichte erzählt Anni allerdings nicht selbst, sondern ihre in Deutschland geborene Enkelin Christina.
Diese Gegenwartsebene ist Nadine Schneider wichtig: „Christina ist mir vom Alter und von der Generation her sehr nah“, sagt sie auf SWR Kultur. „Nah ist sind mir auch Christinas Fragen nach Annis Herkunft – und was das noch mit ihrem eigenen Leben zu tun hat.“
Bloß kein Parasit sein!
Auch die 1990 in Tegernsee geborene, aus einer russlanddeutschen Familie stammende Alisha Gamisch zieht in ihrem Roman „Parasiti“ eine Gegenwartsebene ein. Darin erzählt sie von einer Aussiedlerfamilie im bayerischen Fürstenfeldbruck.
Auch hier ist es eine Oma, deren Geschichte in eigenen Kapiteln erzählt wird: die letzte Verbindung der Hiergeborenen in eine ferne, mit Deportation und Zwangsarbeit verbundene Heimat.
Wie für Schneiders Quelle-Mitarbeiterin Anni ist Arbeit auch für Gamischs Oma Lydia ein Überlebensticket. In der UdSSR war es nicht ratsam, zu den faulen „Parasiti“ gerechnet zu werden, denn das konnte gefährlich werden.
Zwischen den Kriegen
Eine schwere Vergangenheit treibt viele Schreibende aus Aussiedler-Familien bis heute um. Zwar geht nicht jeder bis ins 18. Jahrhundert zurück, wie Irene Langemann in ihrer mehrere Jahrhunderte umspannenden Chronik „Das Gedächtnis der Töchter“.
Doch das 20. Jahrhundert mit Kriegen und Deportationen bewegt fast alle jüngeren AutorInnen: auch Sabrina Janesch (*1985) in „Sibir“ oder den Journalisten Artur Weigand (*1994) in seiner essayistischen Erzählung „Die Verräter“.
Weigands Buch ist dabei besonders entschieden in der Gegenwart verankert, da es den Ukraine-Krieg einbezieht und kommentiert.
Vom leisen und lauten Ankommen
Als Journalist berichtet übrigens auch der in Kasachstan geborene Viktor Funk (*1978) über den Ukraine-Krieg. In seinem berührenden Freundschaftsroman „Bienenstich“ geht es aber vor allem ums Ankommen eines kleinen Jungen in einem gar nicht so einfachen Deutschland.
Das Hier und Jetzt des russlanddeutschen Alltags ist auch Thema bei Alina Bronsky („Scherbenpark“) oder Elina Penner („Nachtbeeren“). Sind viele Bücher von AussiedlerInnen im Ton eher still und reflexiv, lassen diese beiden Autorinnen es in ihren Geschichten ordentlich krachen.
Alina Bronsky erzählt in ihrem neuen Buch „Essen“ von Borschtsch und Vogelmilchtorte.
Darf‘s ein bisschen mehr sein?
Man kann also sagen: Es fehlt an nichts! Es ist alles da: Geschichten von früher, Geschichten von heute. Historisches und Politisches. Melancholisches und Witziges. Von all dem könnte es bloß noch etwas mehr sein.
Für Sichtbarkeit plädiert auch die 1983 in Kasachstan geborene Journalistin Ira Peter in ihrem scharfsinnigen Buch „Deutsch genug?“.
Keine Frage: Die Literatur der AussiedlerInnen ist ein „essentieller Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses der Bundesrepublik“, wie die Germanistin Sofie Friederike Mevissen in ihrem Abriss über „Russlanddeutsche Literatur“ für die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) schreibt.
Die deutsche Identität weiten
Nach wie vor gibt es eigene Gruppen, wie etwa den „Literaturkreis der Deutschen aus Russland“, der auch den Nora-Pfeffer-Literaturpreis auslobt. Das ist gut und wichtig.
Aber es ist ebenso richtig, dass Schreibende aus Aussiedlerfamilien in großen Publikumsverlagen wie Hanser, S. Fischer und Goldmann publizieren. Denn da gehören sie hin: in Verlage, die weithin wahrgenommen werden.
Diese Bücher erzählen uns, dass auch Deutschsprachige einen Migrationshintergrund haben können. Sie bereichern damit die deutsche Literatur und weiten die Identität unseres Landes.