Wenn wir an Ostern zu Jägern und Sammlerinnen werden und im Vorgarten nach bunten Ostereiern suchen, dann passt dieser Comic perfekt: „Die Frau als Mensch“ von Ulli Lust.
Gerade ist der zweite Band erschienen, er heißt „Schamaninnen“ und bricht wieder grandios mit allen Klischees um Jäger und Sammler, Männern und Frauen.
Lange schien klar: Männer jagen, Männer führen den Stamm an und bestimmen die Geschichte – Frauen scheinen vor 30.000 Jahren keine nennenswerte Rolle gespielt zu haben.
Auf Spurensuche in der Urzeit
Ulli Lust schaut genauer hin: zum Beispiel auf die Venus von Willendorf: Das ist eine steinerne Frauenfigur mit einem großen Busen, breiter Hüfte und einem sichtbaren Geschlecht. Ein Gesicht hat sie nicht. Ähnliche Figuren wurden in einem Zeitraum von 30.000 Jahren hergestellt, von Südfrankreich bis nach Sibirien.
Wer oder was waren diese Statuetten für die Menschen, die sie erschaffen haben, fragt sich Ulli Lust in ihrem Comic und begibt sich auf Spurensuche 30.000 Jahre zurück. Wir begleiten eine Nomaden- und Nomadinnen-Gruppe.
Alles, was sie besitzen, müssen sie auf dem Rücken tragen. Den großen Herden folgen sie im Frühling in den Norden, im Herbst in den Süden. Um überleben zu können, sind alle in der Gruppe gleich wichtig. Ein guter Gedanke für unsere Zeit.
Wie neues Leben entsteht
Die Schamanin der Gruppe heißt Füchsin. Sie begleitet Geburten, verabschiedet Tote, hilft bei Krankheiten und auch ungewollten Schwangerschaften.
Und Ulli Lust sammelt noch mehr in ihren Comics: Mythologien und Stammes-Rituale aus der ganzen Welt. So erfährt man, dass in vielen archaischen Kulturen die Zeugung nicht unbedingt mit Geschlechtsverkehr verknüpft wird.
Ein Kind wird dann gezeugt, wenn eine Seele in Kontakt mit dem Körper der Mutter kommt: Das kann passieren, wenn sie von einer bestimmten Speise isst oder mit ihrem nackten Po einen Stein hinunterrutscht. Im ganzen Alpenraum finden sich solche Rutschsteine, sogenannte „Chindlisteine“.
Preisträgerin des Deutschen Sachbuchpreis 2025
Ulli Lust ist die Meisterin des Sachcomics: Für eine bildarme Zeit findet sie klare Bilder, mit wenigen Strichen gezeichnet, befreit von Klischees und nah an den Menschen. Dazu recherchiert sie aufwendig. Hinten im Comic gibt es viele Fußnoten und ein großes Quellenverzeichnis.
Der erste Band ihrer Reihe „Die Frau als Mensch“ wurde übrigens als erster Comic überhaupt mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet.
Eine kluge und sorgfältige Auswahl: Preis der Leipziger Buchmesse 2026
Und die Schamaninnen? Vielleicht waren Figuren wie die Venus von Willendorf für sie so etwas wie ein spirituelles Werkzeug, Erinnerungen an Vorfahrinnen oder etwas Heiliges. Ulli Lusts Comic stellt Fragen und regt zum Nachdenken an. Und vielleicht ist Kunst - wie die Kunst, diese Steinfiguren zu erschaffen - auch eine Form von Magie.
Ulli Lusts Sachcomic jedenfalls ist magisch und kunstvoll zugleich – und wenn wir an Ostern als Jägerinnen und Sammlerinnen durch die Gärten streifen, ist dieser Comic das perfekte Ostergeschenk, um in eine vergangene Zeit einzutauchen.
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