- Dana Grigorcea: Tanzende Frau, blauer Hahn
- Norbert Gstrein: Im ersten Licht
- Birgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen
- Ulrike Almut Sandig: Im Orkan
Vier Gespräche auf der Leipziger Buchmesse 2026
Auf der Leipziger Buchmesse 2026 wurde viel diskutiert, über KI, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und die Absage der Verleihung des deutschen Buchhandlungspreis etwa.
Worum es aber auf der Messe eigentlich geht: die Bücher. Carsten Otte und Christoph Schröder haben drei Autorinnen und einen Autor getroffen, deren neue Romane literarisch spannende Fragen untersuchen:
Wer erzählt über wen? Wer passt sich an und wer wird angepasst? Wie benennt man, was sich der Sprache entzieht?
Themen und Tumulte Preise und anderes von der Leipziger Buchmesse 2026
Zu Gast sind: Carsten Otte, Dietmar Dath und Carsten Gansel.
Außerdem gibt es Beiträge zu Buchbranche & KI und über das Schreiben in Diktaturen.
Geschichten aus den Karpaten
Dana Grigorcea, in Bukarest geboren, in Zürich lebend, hat bereits mehrere höchst vergnüglich zu lesende Bücher geschrieben, unter deren vermeintlich heiterer Oberfläche historische Prozesse ausgestellt werden.
„Tanzende Frau, blauer Hahn“ erzählt von den ersten Sommern nach dem Ende der kommunistischen Diktatur in der Karpaten-Kleinstadt Bușteni. Hier besitzen viele wohlhabende Menschen aus Bukarest Häuser, so auch die Großmutter der Ich-Erzählerin Roxana.
Gemeinsam mit ihrem Jugendfreund Camil, der aus unterprivilegierten Verhältnissen stammt, beobachtet Roxana die Verhältnisse in der Stadt und spinnt die Geschichten der Menschen weiter.
Die Frage, wer über wen erzählen darf und somit Macht hat, schwingt jederzeit mit: „Es geht in diesem Buch eigentlich um Klassenunterschiede“, sagt Dana Grigorcea im Gespräch mit Carsten Otte.
Ein österreichisches Jahrhundert
Der 1961 in Tirol geborene Norbert Gstrein gilt als einer der elegantesten deutschsprachigen Schriftsteller überhaupt. In seinem neuen Roman „Im ersten Licht“ erzählt er ein ganzes österreichisches Jahrhundert:
Seine Hauptfigur Adrian Reiter wird im Jahr 1901 geboren und von seinem Vater durch einen Axthieb früh wehruntauglich gemacht. „Das Meer hätte uns zu sanfteren Menschen gemacht“, heißt es in Gstreins Roman in Anspielung auf den Zusammenbruch der k.uk.-Monarchie nach 1918. Gstrein lässt seinen Erzähler sagen: „Was sind wir ohne das Meer? Beschränkte Alpentrottel.“
Adrian Reiter ist ein Jedermann, durch den die Geschichte hindurchläuft. Ist er ein bloßer Mitläufer, auch im Nationalsozialismus? „Er schmiegt sich vielleicht allzu chamäleonhaft den Verhältnissen an“, sagt Norbert Gstrein im Gespräch mit Christoph Schröder.
Ein toter Hase
„Sie wollen uns erzählen“ – ein Zitat aus einem Song der Band „Tocotronic“. Das ist der Titel des neuen Romans der Österreicherin Birgit Birnbacher, erschienen im Zsolnay Verlag. 2019 wurde Birgit Birnbacher in Klagenfurt mit dem Ingeborg Bachmann-Preis ausgezeichnet.
Birgit Birnbacher erzählt vom zehnjährigen Oz. Er hat ADHS. So auch seine Mutter Ann. „Beide haben ein flirrendes Nervenkostüm“, sagt Birgit Birnbacher, „und beide sind ziemliche Schnellkocher.“
Am Beginn des Romans steht der Tod eines Hasen, an dem Oz beteiligt ist. Es geht um das Verhältnis von Mutter und Sohn zueinander, um den Blick der Außenwelt.
„Es ist ein demokratierelevantes Bedürfnis von uns, die Dinge einzuordnen“, so Birnbacher. Sie findet die Bezeichnung ADHS - Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung - ausgesprochen irreführend : „Diese Menschen sind extrem aufmerksamkeitsbegabt.“ Carsten Otte spricht mit Birgit Birnbacher über „Sie wollen uns erzählen“.
Der Sand aus dem Osten
Die in Sachsen geborene Ulrike Almut Sandig ist Lyrikerin, Soundpoetin, Performerin – und Romanautorin. Ihr Romandebüt „Monster wie wir“ wurde 2020 begeistert aufgenommen; nun hat sie diesem Buch den Roman „Im Orkan“ folgen lassen.
Seit mehr als einem Jahrzehnt ist Sandig als Teil des Poesiekollektivs „Landschaft“ auch in der Ukraine unterwegs. „Im Orkan“ spielt in einer nahen Zukunft und findet für den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ein starkes Bild:
Es fallen keine Bomben, stattdessen wird die fiktive Stadt Wolnopol von Wirbelstürmen heimgesucht und von einem feinen Sand bedeckt, der alles unter sich begräbt. Ein Zustand der Bedrängnis.
„Es geht in diesem Buch darum, dass der Totalitarismus in jede Ritze eindringt, auch in die privatesten Situationen des Lebens“, glaubt Ulrike Almut Sandig, „man kann das nicht dokumentarisch erzählen, man muss den Vorstellungsrahmen ins Imaginäre erweitern“, verrät die Autorin Christoph Schröder auf der ARD/ZDF-Messebühne.