Flöte gut, Bruttoinlandsprodukt gut
Wie immer in Krisenzeiten geraten Sparmaßnahmen im Kulturbereich zur Routine. Ebenso routiniert folgt der Einwand aus dem Kulturbetrieb: Kunst und Kultur seien von hoher gesellschaftlicher Relevanz — und nicht zuletzt demokratiefördernd.
Das stimmt! Dennoch ahne ich manchmal vor lauter Rechtfertigungsdruck eine vorauseilende Verzweckung von Kunst. Und nun auch noch das: Eine neue Studie hat ergeben, dass Musik doch nicht schlau macht. Verloren also das Argument, man müsse ganz viel Musik fördern, damit Kinder – die ja unsere Zukunft sind – schlauer werden.
Mit überdurchschnittlichem Flötenspiel, dachte man, erlangt man aberwitzige Fähigkeiten in den MINT-Fächern. Mit mehr Mathe wird man ein guter Ingenieur, und solche „Tüftler“ braucht die lahmende Wirtschaft ja wirklich dringend. Flöte gut, Bruttoinlandsprodukt gut.
Musik als Wirtschaftsfaktor Studie belegt, wie Musik unseren Konsum beeinflusst
Hintergrundmusik im Einzelhandel und in der Gastronomie klingt nicht nur gut, sondern kann sogar den Umsatz steigern. Das stellt eine aktuelle Studie der GEMA unter Beweis.
Endlich wieder der Kunst an sich zuwenden
Die Studie nimmt uns also eines der letzten Argumente! Sehr gut, sage ich da ganz selbstbewusst. Dann ist dieser Quatsch endlich vom Tisch! Dass Kühe mehr Milch geben, wenn sie Mozart hören, ist ja, wenn ich mich recht entsinne, auch längst widerlegt.
Denn, beim Teutates: Wenn auch die letzte Rechtfertigungsfloskel gefallen ist, dann können wir uns getrost der Kunst an sich wieder zuwenden, die – um den Komponisten Helmut Lachenmann zu zitieren – dazu da ist, uns daran zu erinnern, dass wir geistbegabte Kreaturen sind.
Es bedarf keinerlei Umwegrenditen über bessere Mathenoten, um die Existenz von Musik, von Kunst im Allgemeinen zu rechtfertigen. Die Existenz von Sauerstoff, Wasser und Kohlehydraten bedarf auch keiner besonderen Begründung – das gehört zum Menschsein nun einmal dazu.
Grundlos der Musik an sich widmen
In der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker schaue ich gerade die Aufzeichnung eines Konzerts mit Mahlers Achter Sinfonie. Wenn der berühmte Schlusschor auf die Zielgerade einbiegt, sieht man einen älteren Herrn im Publikum, der die Arme vor Begeisterung hochreißt.
Begeisterung – so ein herrliches Wort! Der Herr hat in diesem Augenblick vermutlich nicht daran gedacht, was Musik so alles kann – und ob sein Steuerberaterbüro oder seine Experimente im lokalen Teilchenbeschleuniger so gut laufen, weil er so viel Mahler gehört und womöglich Skalen auf der Bratsche geübt hat.
Ich glaube, er ist einfach begeistert und läuft über vor Freude – und das ist schon eine ganze Menge. Vermutlich gibt es auch längst eine Studie darüber, dass Musik auch das Sozialverhalten nicht positiv beeinflusst.
Ich bin ständig von Musikerinnen und Musikern umgeben – viele von uns nehmen täglich eine hohe Dosis „Egoprofen forte“ zu sich. Auch hier können wir Sekundärtugenden geschwinde abräumen und uns grundlos der Musik an sich widmen, die – wie immer – neben mir am Schreibtisch sitzt, lächelt und seufzend sagt: „Endlich!“
Meldungen der Woche Musik macht doch nicht schlau
Jede Woche neu: Skurrile und witzige Meldungen aus der Wissenschaft. Mehr davon auch in unserem neuen Podcast: Fakt ab! Eine Woche Wissenschaft. Jetzt reinhören: http://swr.li/faktab
Buch-Tipp „Musik macht schlau – außer manche“ Neues Buch von Christoph Reuter
Warum bleibt meist nur die erste Strophe im Kopf? Christoph Reuter zeigt humorvoll in seinem Buch, wie Musik unser Gehirn beeinflusst und wie musikalisch wir wirklich sind.
Fakt ab! Eine Woche Wissenschaft Hilft Musik beim Lernen? | mit der Ärztin Dr. Flojo
In dieser Folge für euch: Julia Nestlen und unsere Gästin, die Ärztin und Moderatorin Florence Randrianarisoa aka. Dr. Flojo.
Ihre Themen sind:
- Musik an! Denn sie macht gesund – und auch schlau? Das behauptet zumindest der sogenannte „Mozart-Effekt“ (01:35)
- Vom Oktopus abgekupfert: Forschen haben ein Material entwickelt, das deinen Kaffee lange auf der optimalen Temperatur halten könnte – mit Hilfe von kleinen Kupferblättchen. Perfekt für neuartige Tassen! Vorbild waren die Meeresbewohner. (10:52)
- Der skurrile Alltag einer Augenärztin: Florence erzählt uns ihre verrücktesten Fälle aus der Klinik (14:58)
- Langeweile im Lockdown? Absolutely not! Die Briten starteten einfach ein riesiges Citizen Science Projekt und digitalisierten tausende handschriftliche Wetterdaten aus dem 19. Jahrhundert (21:28)
Weitere Infos und Studien gibt’s hier:
https://www.youtube.com/watch?v=ddmwrZXjSkI
https://www.rnd.de/wissen/macht-musik-gesund-eine-meta-studie-aus-australien-zeigt-positiven-effekt-auf-psychische-gesundheit-GJMUDIAGLFB7ZDHBFTB2NSRJDI.html
https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2790186
https://www.nature.com/articles/s41893-022-00847-2.epdf
https://www.medizin.uni-muenster.de/fakultaet/news/sars-cov-2-geht-ins-auge-coronavirus-infiziert-die-menschliche-netzhaut-und-kann-sich-darin-vermehren.html
https://www.bbc.com/news/science-environment-60860397
https://www.eurekalert.org/news-releases/947397
https://www.instagram.com/dr_flojo/?hl=de
https://www.youtube.com/channel/UCmL20nYmFNuarJYxQ1diNEA
Dr. med. Florence Randrianarisoa ist Ärztin, Moderatorin und Content-Creatorin. Sie studierte zuerst Medienkulturwissenschaft und Medienmanagement in Köln und Rom. Danach Humanmedizin, ebenfalls in Köln und im karibischen Fort-de-France. Nach ihrer Promotion und mehreren Jahren als Ärztin im Krankenhaus ist Florence mittlerweile als Fernsehmoderatorin und Medizinjournalistin tätig. Auf ihrem YouTube-Kanal "Dr. Flojo" erklärt sie medizinische Themen so, dass man sie auch versteht.
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Redaktion: Sophie König und Chris Eckardt
Idee: Christoph König