ARD Serie über Mozarts Schwester

Jenseits von „Mozart/Mozart“: Wer war Nannerl Mozart wirklich?

Die Serie „Mozart/Mozart“ ist seit 12. Dezember in der ARD Mediathek verfügbar. Mozarts vergessene Schwester Maria Anna, genannt „Nannerl“, rückt hier ins Rampenlicht der Geschichte. Wer war sie wirklich?

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Von Autor/in Andreas Maurer

Eine Elfjährige, die die schwersten Sonaten Europas mit einer Leichtigkeit spielt, die „kaum glaublich“ sei – so schwärmt 1763 eine Augsburger Zeitung. Die junge Virtuosin heißt Maria Anna Mozart. Oder, wie sie alle nennen: Nannerl.

„Maria Anna Mozart war die größere Schwester, fünf Jahre älter als Wolfgang Amadeus Mozart“, erklärt Ulrich Leisinger, wissenschaftlicher Leiter der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg. „Sie war hochbegabt und wäre vielleicht wirklich das Wunderkind gewesen, wenn ihr Bruder halt nicht noch berühmter wäre.“ 

Maria Anna Mozart sei eine ausgesprochen gute Pianistin gewesen und bekam früh Klavierunterricht, so Leisinger.

„Wir wissen alle, dass die Familie Mozart Reisen unternommen hat, um Wolfgang vorzustellen. Aber die meisten wissen nicht, dass für diese Reisen aus der Jugendzeit die große Schwester tatsächlich immer als die bessere Klavierspielerin galt, aber der kleine Wolfgang natürlich mehr Aufmerksamkeit bekommen hat.“

Wolfgang und Nannerl Mozart, Sonderausstellung zum 300. Geburtstag, Mozart Wohnhaus, Salzburg
Musikalische Wunderkinder an den Königshöfen Europas: Wolfgang und Maria Anna Mozart werden von Vater Leopold in den großen Königreichen des Kontinents vorgestellt.

„Nannerl“ erfährt eine fortschrittliche Ausbildung

Im hochmusikalischen Elternhaus der Mozarts wird Maria Anna noch vor „Wolferl“ von ihrem Vater unterrichtet. Leopold Mozart legt das berühmte „Nannerl-Notenbuch“ zunächst für sie an, erzählt Eva Neumayr, Obfrau der Maria-Anna-Mozart-Gesellschaft in Salzburg.

„Junge, talentierte Frauen wurden nicht alle so gut ausgebildet wie die Maria Anna Mozart. Das muss man wirklich sagen. Leopold Mozart hat das sehr modern gedacht für das 18. Jahrhundert in der Ausbildung seiner Tochter“, erklärt Neumayr. „Sie wird dann leider auf die Reisen nicht mehr mitgenommen.“

Das habe zum einen Kostengründe, zum anderen wollte Leopold Mozart die Heiratschancen seiner Tochter nicht gefährden, so Neumayr, „denn der Nimbus der fahrenden Musikerin, der hatte ein bisschen einen Beigeschmack“. So waren die Regeln des 18. Jahrhunderts.

Wolfgang Amadeus Mozart mit seiner Schwester Maria Anna und Vater Leopold
Wolfgang Amadeus Mozart (Mitte) mit seiner Schwester Maria Anna, genannt Nannerl, und dem Vater Leopold.

Nur ein Kompositionsfragment von Maria Anna Mozart überlebt

Was wenige wissen: Maria Anna Mozart wird vom Vater auch in Komposition unterrichtet. Erhalten geblieben ist aber tatsächlich nur ein einziges, kleines Fragment. 

„Es gibt auch mehrere Briefstellen, wo Wolfgang Amadé Mozart ihr auf der Reise nach Italien schreibt: ‚Das Lied hast du sehr schön gemacht.‘ Sinngemäß ‚Mach doch bitte wieder mal sowas.‘ Oder ‚Das Menuett, da hast du den Bass so schön dazugesetzt.‘ Er versucht sie zu ermuntern“, beschreibt Neumayr das Verhältnis der Geschwister.

Ich glaube, dass sie sich einfach neben diesem explosiv entwickelnden Talent ihres Bruders nicht aufs Komponieren verlegt hat.

Eine der ersten Klavierpädagoginnen Europas

Konkurrenzdenken scheint es bei den Mozarts kaum gegeben zu haben. Bruder und Schwester standen sich nahe, weiß Ulrich Leisinger: „Weil sie ja in der Jugendzeit dauernd auf Reisen waren und das eigentlich der einzige konstante Ansprechpartner im Kindesalter war. Von daher hatte Mozart zu seiner Schwester, bis er nach Wien ging und sie heiratete, wirklich eine sehr intensive Beziehung.“

Zudem schreiben sich die beiden weiterhin Briefe und Nannerl bleibt Wolferls wichtigste pianistische Beraterin. Doch auch als Maria Anna dann heiratet und ihre Konzertreisen beendet, bleibt sie aktiv als eine der ersten Klavierpädagoginnen Europas. 

1801 kehrt Anna Maria als Witwe nach Salzburg zurück – sie nimmt ihre Solistentätigkeit als Klaviervirtuosin wieder auf und unterrichtet, obwohl sie es finanziell nicht nötig hat.

Biopic über die hochbegabte Schwester von Wolfgang Amadeus Das Serien-Highlight „Mozart/Mozart“ in der Mediathek

Seit Jahren steht Maria Anna Mozart im Schatten ihres Bruders Amadeus. Er ist der Superstar. Sie ist „nur“ seine Schwester, obwohl sie genauso talentiert ist.

Als Schwester eine der wichtigsten Quellen über Mozart

Maria Annas Autorität als Musikerin bleibt ungebrochen. Sie empfängt Mozart-Verehrer aus ganz Europa und wird gewissermaßen zur ersten Mozart-Biografin.

Eva Neumayr: „Als ein Nachruf auf Wolfgang Amadé Mozart bei Breitkopf und Härtel erscheinen sollte, da wurde sie als Quelle angefragt. Sie hat dann einen langen Brief nach Leipzig geschrieben und sehr viel Material geliefert. Da steht sehr viel drinnen was wir eben als gegeben haben, sehr viele Geschichten aus der Kindheit Mozarts. Da ist ihr Verdienst sehr sehr groß.“ 

Für die Forschung ist Maria Anna also weit mehr als das „Nannerl“ und die Schwester des Genies. 1829 stirbt sie mit 78 Jahren. Was ihre Geschichte uns heute noch erzählen kann?

Ulrich Leisinger: „Ich glaube, dass Maria Anna Mozart im Großen und Ganzen eine sehr zufriedene und glückliche Frau war, die sich mit der Musik tatsächlich auch ihren Lebensunterhalt verdienen konnte.“

Mozart als Bridgerton-Remake ARD-Serie „Mozart, Mozart“: Wolfgang Amadeus und das „Nannerl“

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Andreas Maurer