Mozart als Bridgerton-Remake

ARD-Serie „Mozart, Mozart“: Wolfgang Amadeus und das „Nannerl“

Mozart und seine Schwester „Nannerl“ waren musikalisch hochbegabt – doch Nannerl konnte als Frau im 18. Jahrhundert keine Karriere machen. Eine ARD-Serie versucht nun, das Leben der Geschwister möglichst gleichberechtigt zu erzählen und nimmt sich dafür viele Freiheiten.

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Von Autor/in Karsten Umlauf

Die Mozart-Story aus Nannerls Perspektive erzählt

Die meisten Stationen aus den frühen Wunderkinderjahren von Wolfgang Amadeus Mozart und seiner Schwester Maria Anna sind bekannt. Danach wird es jedoch diffuser, das unstete Leben von Wolfgang Amadeus endet viel zu früh.

„Mozart, Mozart“ von Clara Zoë My-Linh von Arnim
Mozarts (Eren M. Güvercin) übersehene Schwester Maria Anna (Havana Joy) – genannt „Nannerl“ – rückt ins Rampenlicht der Geschichte. Erzählt wird in der Serie von zwei musikalischen Wunderkindern, die ihrer weit Zeit voraus sind. ard-foto s1 © WDR/Armands Virbuli

Die Leerstellen bieten Raum für Spekulationen oder Dramatisierungen wie beim oscargekrönten Spielfilm „Amadeus“ von Milos Foreman vor 40 Jahren. Warum also nicht eine Geschichte erzählen, die sich ebenso beherzt der Figur des „Nannerl“ annimmt und sie als verhinderte, ihrem Bruder mindestens ebenbürtige Künstlerin darstellt? 

Der süße Wunderknabe braucht die große Schwester

Die Serie „Mozart, Mozart“ beginnt mit Tempo und Verve. Sie zeigt, dass sich der süße Wunderknabe ohne seine Schwester verloren fühlt. Und als er 20 Jahre später den Bruch mit dem Salzburger Erzbischof provoziert, ist sie es, die ihn bestärkt, nach Wien zu gehen. Auch, weil sie selbst einer Zwangsheirat entfliehen will.

„Mozart, Mozart“ von Clara Zoë My-Linh von Arnim
Mozart ist der Superstar. Maria Anna Mozart (Havana Joy), ist „nur“ seine Schwester, „das Nannerl“, obwohl sie ebenso wie ihr Bruder ein musikalisches Ausnahmetalent ist. ard-foto s1 © WDR/Armands Virbuli

Während ihr Bruder schnell dabei dabei ist, in eine Bohemeexistenz abzudriften, managed sie die Karriere und muss auch mal in Verkleidung für ihren Bruder einspringen. Dabei merkt sie, dass sie Amadeus auch kompositorisch unter die Arme greifen kann, wenn der wieder zu sehr am Schmerz- und Schlummermittel Laudanum genippt hat.

Zufällig in der Kostümwelt des 18. Jahrhunderts gelandet

Dass das alles erfunden ist und mit den historisch bekannten Fakten nur am Rand zu tun hat, wird hier als künstlerische Freiheit ausgelegt.

Denn in erster Linie geht es mal darum, Maria Anna als eine junge, ziemlich moderne Frau zu zeigen, die ihr Leben und das ihres wuschelköpfigen Bruders in die Hand nimmt, die sich gegen alle Regeln stemmt, und dabei irgendwie zufällig in die Kostümwelt des 18. Jahrhunderts geraten zu sein scheint.

„Mozart, Mozart“ von Clara Zoë My-Linh von Arnim
In Wien angekommen, driftet Mozart schnell in eine Bohemeexistenz ab. Maria Anna hält derweil die Karriere ihres Bruders am Laufen. ard-foto s1 © WDR/Armands Virbuli

Havana Joy als „Nannerl“ - allein gelassen vom Drehbuch mit soapigen Dialogen

Leider stakst Havana Joy als Nannerl genau wie Eren Güvercin als Mozart etwas unbeholfen durch diesen Historienpark, allein gelassen vom Drehbuch mit allzu soapigen Dialogen.

Was um so mehr auffällt, da Verena Altenburger zum Beispiel einen wunderbar dekadenten Auftritt hat als Marie-Antoinette, die den asketischen und republikanisch gesinnten Hof ihres Bruders in Wien ganz schön durcheinanderbringt.

„Mozart, Mozart“ von Clara Zoë My-Linh von Arnim
Um Amadeus’ Karriere und sich selbst zu retten, schlüpft Maria Anna notgedrungen in die Rolle ihres Bruders Amadeus (Eren M, Güvercin, r.). Schon bald findet sie sich in einem Netz aus royalen Intrigen wieder, in dessen Mittelpunkt ausgerechnet der Mann steht, in den sie verknallt ist: Mozarts Rivale Antonio Salieri (Eidin Jalali, l). ard-foto s1 © WDR/Armands Virbuli

„Mozart, Mozart“ scheitert am eigenen Anspruch, modern zu sein

Aus der dynamischen Inszenierung von Regisseurin Clara Zoë My-Linh von Arnim hätte eine frische und unverstaubte Improvisation über das alte Mozartthema werden können. Aber dazu bleibt viel zu vieles reine Behauptung: plötzlich gibt es Streit zwischen den Geschwistern, Maria Anna will ihre künstlerische Autonomie verteidigen, gleichzeitig verknallt sie sich blauäugig in Mozarts Rivalen Salieri.

„Mozart, Mozart“ von Clara Zoë My-Linh von Arnim
Ein Highlight in „Mozart, Mozart“ trotz klischeebeladener Drehbücher: Verena Altenburger als Königin Marie-Antoinette, die den asketischen und republikanisch gesinnten Hof ihres Bruders in Wien ganz schön durcheinanderbringt. ard-foto s1 © WDR/Armands Virbuli

Da wird allzuvieles an den Haaren herbeigezogen, um einen gewissen Mozart-Spirit in die Gegenwart zu transportieren. Warum die Serie eine Musikerinnenstory wählt und dann glaubt, ihrem jungen Publikum so wenig Originalmusik zumuten zu können, ist rätselhaft.

Echte Mozart-Musik gibt es nur im Abspann

Während im Film „Amadeus“ noch peinlich drauf geachtet wurde, dass Mozarts Musik notengetreu quasi die erste Geige spielt, klingt sie hier allenfalls im Hintergrund, ein bisschen im Abspann. Wenn es besonders emotional oder neuartig werden soll, dann driftet die Musik meistens ab in eine Art popmusikalischen Mischmasch mit Mozart-Versatzstücken, zwischen Filmkitsch und Parfumwerbung.

„Mozart, Mozart“ scheint ein niedrigschwelliges Angebot für Leute, die mit Klassik nicht so viel anfangen können, aber die sich gerne von Herz-Schmerz und Musik begeistern lassen. Die Serie atmet den Geist der Netflix-Serie Bridgerton. Aber es ist fraglich, ob sich so eine emotionale Brücke zu zwei zweifellos interessanten Musikerpersönlichkeiten des 18. Jahrhundert schlagen lässt.

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Seit Jahren steht Maria Anna Mozart im Schatten ihres Bruders Amadeus. Er ist der Superstar. Sie ist „nur“ seine Schwester, obwohl sie genauso talentiert ist.

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Karsten Umlauf