JetztMusik | Berio 100 Der Universalist – Luciano Berio zum 100. Geburtstag
Der vor 100 Jahren geborene Luciano Berio distanzierte sich vom Dekorativen in der Musik. Bei ihm war alles dynamisch, ein ständiger Übergang von Vergangenheit und Zukunft.
Eine kreative Partnerschaft: Luciano Berio und Cathy Berberian
Sie trafen sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der Gesangsklasse am Mailänder Konservatorium Giuseppe Verdi: Der junge Komponist Luciano Berio verdiente dort Geld als Klavierbegleiter, die amerikanische Sängerin Cathy Berberian war mit einem Stipendium nach Europa gekommen. 1950 heirateten die beiden.
In den folgenden Jahren – die Ehe wurde 1964 geschieden – komponierte Luciano Berio zahlreiche Stücke für Cathy Berberian. Die Sängerin inspirierte auch viele andere Komponisten zu Vokalwerken, mit ihrer Interpretation der „Aria“ von John Cage oder Monteverdi-Einspielungen sorgte Berberian für Aufsehen.
The Beatles für Opernstimme und zeitgenössische „Folk Songs“
Berberian brachte Luciano Berio in den frühen 1960er-Jahren auf die Idee, einige damals aktuelle Songs der Beatles für sie zu arrangieren. Herausgekommen sind besondere Verbindungen aus Pop und Barockmusik für Stimme und Instrumentalensemble.
Auch die berühmt gewordenen „Folk Songs“ nach verschiedenen Melodien aus Armenien, der Heimat von Berberians Eltern, sowie aus Italien, Frankreich und den USA hängen eng mit der Sängerin zusammen. 1964 sang Berberian die Uraufführung.
Später widmete sich Berio weiteren Werken und Skizzen anderer Komponisten wie Luigi Boccherini oder Claudio Monteverdi, er vollendete Schuberts 10. Sinfonie und schrieb ein Finale für die Fragment gebliebene Oper „Turandot“ von Giacomo Puccini.
Tanglewood und Darmstadt schärften Berios Musik
Bereits 1951 war Berio in die USA gegangen, um in Tanglewood zu studieren. In den 1960er-Jahren kehrte er als Composer in Residence und dann als Dozent dorthin zurück. Inzwischen hatte er unter anderem bei den Darmstädter Ferienkursen viele Komponisten seiner Generation kennengelernt.
Zusammen mit Bruno Maderna hatte Berio in Mailand das Studio di Fonologia musicale gegründet, eines der ersten Studios für elektronische Musik in Europa, an dem er, aber auch viele seiner Kollegen, forschen und arbeiten konnten. Auch Cathy Berberians Stimme hat sich dort in viele Produktionen eingeschrieben.
„Sinfonia“ wird Berios bekanntestes Werk
Luciano Berios vielleicht bekanntestes Werk wurde die „Sinfonia“ für Sänger und Orchester, die 1968 erst in New York und ein Jahr später, in einer erweiterten Fassung, bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt wurde.
Gesungene und instrumentale Zitate von Claude Lévi-Strauss, Martin Luther King und aus Mahlers 2. Sinfonie stehen für die Idee des universalen Zusammenklangs.
Berios „Sinfonia“ zur Saisoneröffnung des SWR Symphonieorchesters 2025:
Wegweiser einer neuen Virtuosität
Mit einer Serie von Solostücken, den „Sequenze“, wies Berio den wichtigsten Interpreten vor allem der Neuen Musik den Weg in eine neue Virtuosität. Später entstand aus den „Sequenze“ die Werkreihe „Chemins“.
In seinem Schaffen ging eins aus dem anderen hervor. „Nichts ist jemals vollendet“, kommentierte er das sorgfältige und kreative Fortspinnen eigener Ideen.
Mich interessiert nicht das ‚Werk‘ als fertiges Objekt, das man im Wohnzimmer aufstellen kann.
Luciano Berio – Ein hörender König
1979 komponierte er in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Italo Calvino seine einzige Oper, für die er aber den Begriff der „musikalischen Handlung“ vorzog.
Schließlich geht es in „Un Re in Ascolto“ auch um das, was ihn sein Leben lang faszinierte und umtrieb: das Hören.