Im Geigenunterricht geht es streng zu. Aber immerhin wird jungen Frauen und Mädchen im Ospedale Pietà in Venedig eine musikalische Ausbildung geboten und die Gelegenheit, gemeinsam zu musizieren.
Das erscheint im 18. Jahrhundert bemerkenswert, als Frauen in Gottesdiensten nicht singen und in Rom auf keiner Opernbühne in Erscheinung treten dürfen. Auch wenn sie in Kirchenräumen hoch auf der Empore musizieren müssen, damit niemand ihr Gesicht sehen kann.
Kinodebüt des Opernregisseurs
„Vivaldi und ich“, der erste Spielfilm des Opernregisseurs Damiano Michieletto, ist keine Liebesromanze, wie der Titel vielleicht befürchten ließe.
Vielmehr zeichnet der Italiener, selbst ein gebürtiger Venezianer, feinfühlig nach, wie sich der Einfluss Vivaldis (Michele Riondino) auf Geigenschülerin Cecilia (Tecla Insolia) auswirkt, deren künstlerisches Potenzial er erkennt und die er zur Konzertmeisterin macht.
Film sehr nahe an historischen Fakten
Cecilia ist eine fiktive Figur, aber das Leben in dem Waisenhaus sei exakt so gewesen, wie er es im Film beschreibt, sagt der Regisseur: Die Geschichte sei aus historischer Sicht sehr authentisch:
„Es gab vier Waisenhäuser in Venedig, und deren Orchester standen im Wettbewerb mit den anderen, weshalb sie den besten Lehrer haben wollten, um Geld zu bekommen.“
Die historischen Fakten hat Michieletto hat aus dem Buch „Die Geschichte des Lebens in den Musikinstitutionen des 18. Jahrhunderts“. Das beschreibe sehr genau die Institutionen in dieser Zeit und enthalte auch Details zu Instrumenten, Musik und den Regeln des Alltagslebens an diesen Orten.
Gewinnbringender Verkauf bei Geschlechtsreife
Ihre hohe musikalische Ausbildung nutzt der Protagonistin und ihren Mitschülerinnen im Orchester jedoch wenig, da sie gnadenlos ausgebeutet werden. Im geschlechtsreifen Alter verkauft sie der Klerus an Männer der höheren Gesellschaft. Nach der Hochzeit dürfen sie dann ihr Instrument nicht mehr anrühren.
Zu diesem Schritt ist Cecilia im Film nicht mehr bereit, nachdem ihr durch ihren Lehrmeister bewusst geworden ist, dass sie auf Musik nicht verzichten kann.
Auf praktische Hilfe des gesundheitlich angeschlagenen Maestros kann sie allerdings nicht bauen. Finanziell auf seine gute Stellung im Ospedale angewiesen und auch ein bisschen feige, unternimmt Vivaldi jedenfalls nicht die erhofften Anstrengungen, seine Lieblingsschülerin mit Geld beim Klerus freizukaufen.
Überzeugende Geschichte weiblicher Selbstermächtigung
Cecilia bleibt nichts anderes übrig, als mutig selbst für ihre Freiheit zu kämpfen. Schauspielerin Tecla Insolia zeichnet die Entwicklung Celilias von einem anfänglich eher zerbrechlichen Wesen zu einer willensstarken Persönlichkeit glaubwürdig nach.
Wohltuende musikalische Expertise des Opernregisseurs
Den künstlerisch hohen Anspruch des Films beglaubigen pittoreske Landschaftsbilder vom historischen Venedig, schön und wie inspiriert von dem Maler Canaletto.
Vor allem die musikalische Expertise des Regisseurs dient diesem Anspruch: Michieletto bindet die Musik stilsicher in die Handlung und Schauplätze ein. So gelangte etwa Vivaldis einziges Oratorium, „Juditha triumphans“, 1716 im Ospedale Pietà zur Aufführung.
Vivaldis Musik im Dialog mit aktuellem Soundtrack
Vivaldis Musik verbindet sich auch mit einem eigens komponierten Soundtrack von Fabio Massimo Capogrosso. Michieletto war diese Klangcollage sehr wichtig, weil er einen Dialog zwischen Vivaldis und einer weiteren Musik schaffen wollte.
Und er nennt noch einen weiteren Grund: „Es ist so, als würde die Musik von Fabio Capogrosso der Figur der Cecilia folgen.“
Mit überwiegend düsteren Klängen gibt Capogrossos Filmmusik dem Seelenleben der Heldin mit all ihren Nöten, Hoffnungen und Sehnsüchten atmosphärisch Ausdruck.
Die breit angelegte Partitur wirkt nur angelegentlich etwas überladen. Mit Momenten der Stille dazwischen wäre Vivaldis Musik in dieser feinfühligen, berührenden Emanzipationsgeschichte noch stärker zur Geltung gekommen.
Trailer: „Vivaldi und ich“, Kinostart am 21. Mai 2026
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