Intendant Martin Hinterhäuser setzt bewusst auf ungewöhnliche Akzente im Opernprogramm- von Händels „Giolio Cesare in Egitto“ über selten gehörten Belcanto bis hin zur modernen Oper Tri sestri (Drei Schwestern) des ungarischen Komponisten Peter Eötvös. Ergänzt wird das Ganze durch Schwerpunktreihen – zum Beispiel zu Schostakovich – und Produktionen, die ein jüngeres Publikum ansprechen.
Großes Bühne für intimes Drama – Donizettis Maria Stuarda
Einen lauten Akzent setzt die Produktion Maria Stuarda im Festspielhaus- eine Belcanto- Oper, wie sie auf dem Salzburger Spielplan bisher selten zu finden war. Seine „Maria Stuarda“ ist nach der Vorlage von Friedrich Schiller ausgerichtet. Eigentlich ist das Drama eine Art Kammerstück, das die Auseinandersetzung von Maria Stuarda und Elisabeth I darstellt. Also eher intim -- könnte man meinen.
Auf die Salzburger Inszenierung trifft das nicht zu: Ulrich Rasche hat auf die große Bühne des Festspielhauses eine seiner gewaltigen Bühnenmaschinen gestellt. Zwei sich drehende Scheiben für die verschiedenen Welten von Elisabeth und Maria, die dann miteinander konfrontiert werden. Was in der Schiller-Vorlage nie eintrifft, doch gerade für eine Oper ist so eine Konfrontation wichtig.
Die zwei Solistinnen treffen aufeinander: Lisette Oropesa überzeugt als Maria mit junger, aber wuchtiger Stimme, während Kate Lindsey die Elisabeth mit etwas abgeschatteter Stimme singt, was durchaus zur Rolle passt. Die beiden Sängerinnen in Kombination mit dem abstrakten Bühnenbild stoßen beim Publikum auf große Begeisterung.
Den Wiener Philharmonikern wird Lustlosigkeit vorgeworfen
Eine Schattenseite der Donizetti-Aufführung: Die Wiener Philharmoniker zeigen sich alle andere als in Bestform. Im Feuilleton gibt es heftige Kritik am renommierten Orchester. Trotz beherztem Antreiben des Dirigenten Antonella Manacorda wirken die Musiker*innen unterspannt. Sie spielen das Stück runter, schleppen, es gibt Unsauberkeiten.
Haben die Philharmoniker tatsächlich keine Lust auf Donizetti, oder haben sie die Belcanto-Begleitung einfach unterschätzt? So oder so, es lässt eine leichte Arroganz vermuten, zumal gerade ein Donizetti eine musikalische Herausarbeitung der Klangfarben verlangt. Das Orchester ist nicht häufig mit derartigen Werken konfrontiert. Es fehlt wohl die Motivation, sich in etwas Neues hineinzustürzen.
Gespräch über Donizettis „Maria Stuarda“ bei den Salzburger Festspielen
Drei Schwestern profitieren von Counter-Tenor-Boom
Neue Musik ist unverzichtbar auf dem Programm, Intendant Markus Hinterhäuser bringt dafür auch eine persönliche Affinität mit. Als Pianist spielte er zum Beispiel das gesamte Klavierwerk der zweiten Wiener Schule.
Dieses Jahr gibt es ein modernes Highlight: „Drei Schwestern“, ein spätes Tschechow-Drama, 1998 als Oper vertont vom Ungarn Peter Eötvös. Es ist dessen erste von insgesamt neun Opern, aber er stellt gleich hohe Anforderungen ans ausführende Haus: Vier Counter-Tenöre sollen in die vier weiblichen Hauptrollen schlüpfen. Zur Entstehungszeit der Oper war es noch schwierig, gute Countertenöre zu finden und dann zu besetzen, momentan gibt es einen regelrechten Überfluss an Falsett-Stimmen.
Kritik zur Aufführung
Bei der Salzburger Inszenierung der Drei Schwestern sticht Dennis Oriana hervor. Der Gewinner des ersten Farinelli-Wettbewerbs bei den Händel-Festspielen Karlsruhe ist von Haus aus Sopranist, seine Stimme und Verkörperung der Irina löst bei den Besucher*innen Hochstimmung aus.
Salzburg fährt gut mit dem Ungewöhnlichen
Stücke wie „Drei Schwestern“ sind keine Neuheit bei den Salzburger Festspielen. Immer wieder weicht Intendant Markus Hinterhäuser in seinem Programm grob vom Weg des Kassenschlagers ab. In den letzten Jahren hatte er den Schwerpunkt auf die Festivalgeschichte gesetzt, wichtige Produktionen der Festspiele sollten wiederaufgenommen werden. Das ging nicht immer auf, selbst wenn es mal nicht am Regiewechsel scheiterte.
Ein glücklicheres Händchen hat Hinterhäuser mit weniger gespielten, der breiten Masse unbekannten Stücken. 2023 die „Griechische Passion“ von Bohuslav Martinu, im vergangenen Jahr der „Idiot“ von Mieczysław Weinberg und dieses Jahr die „Drei Schwestern“. Alle sehr erfolgreich, mit hoher Auslastung.
Jenseits der schnieken Opern-Elite: Was gibt es für junge Leute günstig zu holen?
Für einen Besuch bei den „Drei Schwestern“ muss man ganz schön viel Geld auf den Tisch legen. Das verhält sich aber nicht bei jeder Produktion so. Auch dieses Jahr gibt es bei den Festspielen das Jugendprogramm „Jung und Jeder“, im Mittelpunkt steht bei diesem die neue Kinder- und Jugendoper „die Musketiere“, eine Auftragsarbeit von Sebastian Schwab, auf dem berühmten Dumas-Roman basierend.
Kinder und Jugendliche sollen angefixt werden von der Oper, auch durch geringere Preise. Das bezieht sich aber nur auf die Produktionen in kleineren Häusern, auf die, die speziell auf junge Leute ausgerichtet sind. Ein Geheimtipp ist in dem Kontext auch die Aufführung von Igor Stravinsky’s „L’histoire du soldat“, eine Co-Produktion mit dem Salzburger Marionettentheater.