Die beste Waffe gegen Wetterextreme ist Infrastruktur, ist Technologie, ist Aufklärung, ist kluges Bauen.
Hitzewellen werden in Zukunft häufiger. Die Städte heizen sich auf, insbesondere da, wo die Flächen versiegelt sind und es wenig grün gibt. Wie können sich Städte an Hitze anpassen, wie sehen klimaangepasste Gebäude und Quartiere aus? Das erforscht Prof. Lamia Messari-Becker.
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Bessere Balance zwischen Wasser- und Grünflächen und Versiegelung
Messari-Becker arbeitet am Karlsruher Institut für Technologie und plädiert dafür, dass kritische Infrastruktur besser geschützt wird, damit sie Extremwetterlagen standhält. Zudem sollten wir lernen, den Städtebau zu korrigieren und ad-hoc-Maßnahmen parat haben, um Menschen vor der Hitze zu schützen. Eine Balance zwischen Wasser- und Grünflächen und Versiegelung kann eine Lösung sein.
Quartiere ohne Bäume sind keine Räume. Und ohne Grün ist der Mensch nicht glücklich.
So kühlen "Schwammstädte" ihre Umgebung
"Schwammstädte" ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit dem Klimawandel immer öfter fällt. Prof. Lamia Messari-Becker erklärt das so: Ein Schwamm, den man ins Wasser legt, saugt sich voll. Solange man den Schwamm nicht drückt, bleibt das Wasser im Schwamm und verdunstet ganz langsam. Dadurch entsteht (Verdunstungs-)Kälte.
Umgesetzt auf den Städtebau bedeute das: Regenwasser wird nicht sofort in die Kanalisation geleitet, sondern über Grünflächen und "sickerfähige" Pflastersteine aufgefangen und gespeichert. Das kühlt die Umgebung, und nur der Überschuss, der nicht mehr aufgefangen werden kann, geht in die Kanalisation.
Wird darauf nicht geachtet – also der Boden unbedacht versiegelt – entsteht genau das Gegenteil:
Die Wetterextreme werden verstärkt: Aus jeder Temperaturspitze wird sofort eine Hitze, aus jedem Starkregen wird sofort eine Überflutung.
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Natürliche Kühlung: Bäume, Moos, Sprühnebel, Fassadenbegrünung
Korkeiche und Feldahorn sind Bäume, die sich gut an Hitze und Trockenheit angepasst haben – ideale Kandidaten, um sie gezielt im Städtebau einzusetzen. Leider spiele hier aber der Zeitfaktor eine Rolle.
Ein Baum braucht 30-40 Jahre und Fällen geht in einer Sekunde. Das sind die Sünden der Vergangenheit!
Moos-Polster könnte man zum Beispiel an Bushaltestellen verwenden – sie speichern Feuchtigkeit, kühlen also, reinigen aber auch gleichzeitig die Luft. Auch Wege in Städten zählen für Lamia Messari-Becker zu Infrastruktur, die im Klimawandel besonders beachten werden müssen. Überdachungen oder Sprühnebel, der die Luft kühlt, könnte sie verbessern.
Aber all diese Ideen, wie wir unsere Umgebung dem Klimawandel anpassen können, decken nur Teilbereiche ab, sind vereinzelte Maßnahmen. Lamia Messari-Becker sagt ganz deutlich, dass wir unser ganzes Denken verändern müssen.
Was wir ändern müssen, ist unser Ressourcen-Verbrauch, der ist einfach zu hoch – ob das Baustoffe, Energie, Fläche ist. Da müssen wir unser Konsumverhalten ändern.
Das heiße aber nicht, dass wir per Vorschrift Verzicht auferlegt bekommen sollen, betont sie. Wir müssten "ressourcenbewusster" werden. Ein guter Ansatzpunkt dafür: die Bauwirtschaft.
Die Verantwortung der Bauwirtschaft für den Klimaschutz
Die Bauwirtschaft verantwortet 50 Prozent unseres Ressourcen-Verbrauchs. Deshalb hat sie auch die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Bauen ressourcenbewusst wird und wir Kreislauf betreiben: Dinge minimieren, wiederverwenden und in den Kreislauf geben.
Klimaschutz hat viel mit den verwendeten Baumaterialien zu tun, sagt Messari-Becker – bei deren Herstellung und Verarbeitung entsteht CO2. Wichtig sei aber auch, die Baumaterialien anzupassen. Ein Haus aus Stein zum Beispiel speichere Hitze langsam, es bleibt also im Inneren lange kühl. Holz wiederum könne das nicht so gut – abgesehen davon, dass beim Holzbau in Deutschland nur ein Viertel Holz mit drei Vierteln anderer Materialien kombiniert werde.
Prof. Lamia Messari-Becker will diese Materialien aber auch nicht schlecht reden. Wichtig sei, wie und wo man sie verwende, um so ihre Vorteile zu nutzen.
Der große Unterschied zwischen Stadt und Land
Hätte man die Städte nicht so planlos verdichtet, hätten wir nicht Bodenverhältnisse, die Wetterextreme verstärken. Hitze-Insel-Effekte gibt es nur in Städten, nicht auf dem Land.
Der ländliche Raum brauche deshalb eine ganz andere Betrachtungsweise, sagt Messari-Becker. Die Menschen dort lebten deutlich ökologischer, bewusster und ressourcenschonender. Deshalb sollte man Stadt und Land als Partner sehen.
Wichtig für den ländlichen Raum sei – wegen dessen Ausdehnung – ein besonderes Augenmerk auf den Katastrophenschutz. Krankenhäuser und kritische Infrastruktur bräuchten beispielsweise eine autarke Energieversorgung. Straßen und Brücken müssten höhere Sicherheitsklassen haben, damit sie im Ernstfall immer noch funktionieren und nicht bei Hitze einreißen oder von einer Überschwemmung weggerissen werden.