Arbeiten zu viele Menschen in "Lifestyle-Teilzeit"?
Der von der CDU verwendete Begriff "Lifestyle-Teilzeit" hat für Diskussionen gesorgt. Dabei ging es um die Reduzierung von Arbeitszeit, um mehr Freizeit zu haben. Es sei legitim, einen anderen Lebensentwurf zu haben und keine 40 Stunden pro Woche arbeiten zu wollen, findet Uwe Kanning.
Viele Menschen, die in Teilzeit arbeiten, bräuchten mehr Zeit für ihre Familie, zum Beispiel auch für die Pflege von Angehörigen. Aus Sicht von Uwe Kanning ließen sich Menschen aber nicht zu mehr Arbeit verpflichten.
Es hat ja keinen Sinn, dann Menschen da sitzen zu haben, die eigentlich gar nicht arbeiten wollen. Man muss schon in den Dialog gehen und sagen: 'Wie viel Teilzeit brauchst du und wie weit kannst du mir entgegenkommen?'. Das ist letztendlich eine Frage des Aushandelns.
Sind junge Menschen der Gen Z wirklich fauler?
Oft wird behauptet, jüngere Arbeitnehmer:innen der Generation Z seien faul, freizeitorientiert und arbeiten ungern. Eine solche Pauschalisierung ist wissenschaftlich allerdings nicht zu halten. In der Forschung werde das sehr viel differenzierter gesehen, sagt Uwe Kanning.
Man sehe bei unterschiedlichen Generationen zwar kleine Unterschiede in der Leistungsorientierung oder der Bedeutung materieller Werte. Die Effekte seien aber sehr klein und die Definition einzelner Generationen zudem sehr unscharf. Zudem seien Generationen in sich sehr heterogen. Die Generation Z umfasse beispielsweise rund neun Millionen Menschen, die selbstverständlich nicht alle die gleichen Werte und Bedürfnisse an ihren Arbeitsplatz hätten.
Wir haben es eher mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun und nicht mit der Frage, 'wann wurde ich geboren und wie wurde ich sozialisiert?'. Es gibt heute auch viel mehr 40- oder 50-Jährige, denen Flexibilität wichtiger ist als in den 80er Jahren. Das ist nicht nur etwas, was junge Menschen betrifft, sondern die Gesellschaft an sich.
Lassen Menschen sich anhand ihrer Körpersprache lesen?
Vermutlich jeder hat schon davon gehört, dass vor dem Körper verschränkte Arme für eine ablehnende Haltung stehen können. Oder ist es für denjenigen vielleicht gerade einfach nur bequemer die Arme so zu positionieren?
Es gebe eine große Menge Literatur über Körpersprache in der Arbeitswelt. Anhand der Körpersprache eines Menschen sollen Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit und Einstellung gezogen werden. Das werde allerdings maßlos überschätzt, meint Uwe Kanning. Die Forschung dazu sieht entweder keinen oder nur einen ganz geringen Zusammenhang von 1-2 Prozent.
Wenn es darum geht, wirklich etwas über den Menschen zu erfahren, ist Körpersprache ein sehr schlechter Ratgeber.
Zudem gebe es den sogenannten "Chamäleon-Effekt". Dieser besagt, dass sich die Körpersprache von zwei Menschen im Gespräch angleicht. Das könne die Sitzhaltung oder Gestik betreffen und dazu führen, dass man sich in der Interaktion wohler fühlt. Auch das sei aber nur eine Tendenz und kein "Duplizieren des Verhaltens".
Werden jüngere Arbeitsuchende auf dem Arbeitsmarkt bevorzugt?
Tatsächlich gebe es eine Altersdiskriminierung in der Personalauswahl, wenn sich Menschen mit gleicher Qualifikation bewerben.
Der Nachteil von Älteren ist in der Größenordnung von etwa 30 Prozent. Das heißt, sie müssen 30 Prozent mehr Bewerbungen schreiben, um überhaupt mal eingeladen zu werden. Das ist sehr gut belegt.
Man suggeriere bei älteren Menschen, sie seien weniger leistungsorientiert. Das lasse sich empirisch aber nicht nachweisen. Es sei jedem Unternehmen zu empfehlen, nicht auf das Alter, sondern den individuellen Menschen mit seinen Kompetenzen und seiner Persönlichkeit zu schauen.
Lunia Hara, Speakerin und Autorin | 22.8.2025 So funktioniert empathisches Führen in der Arbeitswelt
Wie können Mitarbeitende ihre Talente und Ziele erkennen? Wie können Führungskräfte besser mit ihren Teams umgehen? Lunia Hara ist Expertin für empathische Führung und gibt Tipps.
Bei Führungspositionen gebe es den umgekehrten Effekt. Hier würden Ältere bevorzugt und Jüngere diskriminiert. Dabei lasse sich nicht nachweisen, dass Führungserfahrung bedeute, dass jemand tatsächlich besser führen kann.
Helfen Erfahrung und Bauchgefühl bei der Personalauswahl?
Wer 20 Jahre im Personalwesen arbeitet oder viel mit Kund:innen zu tun habe, denke häufig, dass er oder sie Menschen gut einschätzen könne. Die Forschung zeige das allerdings nicht. Typische Effekte bei der Personalauswahl seien beispielsweise, dass gutaussehende Menschen bevorzugt würden. Oder dass Menschen, die Hochdeutsch sprechen, positiver wahrgenommen werden, als Menschen, die einen Akzent haben. Studien hätten gezeigt, dass Erfahrung vor solchen Vorurteilen nicht schütze.
Erfahrene Menschen, die vielleicht seit 20 Jahren Interviews machen, machen aus dem Bauch heraus die gleichen Fehler, wie Menschen, die zum ersten Mal ein solches Interview bewerten müssen.
Das Vertrauen in die eigene Menschenkenntnis werde häufig überschätzt. Dabei haben wohl viele schon erlebt, dass man sich in jemanden verliebt hat und sich ein halbes Jahr später selbst nicht mehr erklären kann, wie das sein konnte. Oder dass uns neue Kolleg:innen erstmal nicht sympathisch erscheinen und sie sich nach einer gewissen Zeit doch als sehr angenehme Menschen entpuppen.
Immer dann, wenn ich strukturiert an die Sache rangehe, bin ich viel besser, als wenn ich das aus dem Bauch heraus mache.