Es lässt sich nicht schönrechnen: Wenn die Verkehrswende in Rheinland-Pfalz im gleichen Tempo wie im vergangenen Jahr fortschreitet, wird das Klimaziel von mindestens 375.000 E-Autos auf den Straßen bis 2030 deutlich verfehlt.
2030 könnte das Land bei weniger als der Hälfte der Zielmarke liegen. Das zeigt eine Datenanalyse und Prognose des SWR, basierend auf den aktuellen Neuzulassungs- und Bestandsdaten des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA).
- So viele E-Autos fahren in den Landkreisen
- Streit um strikteres Klimaschutzgesetz
- Co2-Emissionen im Verkehr seit Jahrzehnten hoch
- Realität ohne Umweltbonus: Verkehrswende stockt
- Zukunft ungewiss: Unklare E-Auto-Förderungen
- Sind die Klimaziele noch zu erreichen?
So viele E-Autos fahren in den Landkreisen
Aktuell fahren in den kreisfreien Städten Landau, Neustadt an der Weinstraße und Kaiserslautern anteilig die meisten E-Autos. Schlusslichter in der E-Mobilität sind die Landkreise Birkenfeld, Kusel und die kreisfreie Stadt Frankenthal.
Henrik te Heesen, Professor am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier, erklärt, dass die regionalen Unterschiede auf die verschiedenen Bedingungen in Stadt und Land zurückzuführen seien. “Die Ladeinfrastruktur in den Städten ist besser als auf dem Land. Menschen, die auf dem Land leben und weitere Strecken zurücklegen müssen, sind deshalb zurückhaltender, wenn es um den Kauf eines E-Autos geht”, sagt der Experte. Dennoch: Auch Städte wie Worms oder Frankenthal haben einen niedrigeren E-Auto-Anteil.
Streit um strikteres Klimaschutzgesetz
Die derzeit gültigen rheinland-pfälzischen Klimaziele orientieren sich an den Klimazielen, die die Merkel-Bundesregierung 2021 gesetzt hat. Die rheinland-pfälzische Umweltministerin Katrin Eder (Grüne) brachte jüngst eine Novelle des Klimaschutzgesetzes auf den Weg, nach der Rheinland-Pfalz bereits 2040 klimaneutral werden soll. Ähnlich wie in Baden-Württemberg sollten die Ziele fünf Jahre vor dem Bund erreicht werden.
Doch in der rheinland-pfälzischen Ampelkoalition waren nicht alle für eine Verschärfung der Klimaziele. Auch die Opposition um CDU-Chef Gordon Schnieder kritisierte im SWR-Sommerinterview, dass bereits die bisherigen Klimaziele in Rheinland-Pfalz “krachend gescheitert” seien. Er sagte: “Dieses Landesklimaschutzgesetz, so wie es jetzt auf dem Tisch liegt, mit diesen ambitionierten Zielen, birgt die Gefahr, zig-zehntausende Arbeitsplätze zu vernichten.” Beschlossen wurde ein entschärfter Gesetzesentwurf, in dem die Verkehrswende nicht explizit erwähnt wird.
Co2-Emissionen im Verkehr seit Jahrzehnten hoch
Seit 1990 bereitet der Verkehrssektor bundesweit Probleme. Der Verkehr verursacht hohe CO2-Emissionen und hat diese seit Jahrzehnten kaum reduziert. Seit 2011 versucht die Landesregierung, den Verkehr durch Klimaschutzgesetze sauberer zu gestalten. Ein wichtiger Baustein ist dabei die Umstellung auf vollelektrische Autos.
Datenanalyse: Verkehrswende stockt Autokauf-Dilemma: E-Autos teuer, Verbrenner bald auch
Elektroautos sind sauberer, effizienter, aber oft teuer. Das zeigt eine SWR-Datenanalyse. Gleichzeitig könnte Verbrennerfahren bald spürbar teurer werden.
Im Jahr 2024 waren 88 Prozent aller Fahrzeuge in Deutschland privat genutzt. In Rheinland-Pfalz gibt es jedoch keine finanziellen Förderungen oder Anreize des Landes, um privat auf ein E-Auto umzusteigen. Der Sprecher des Verkehrsministeriums, Carsten Zillmann, erklärte auf SWR-Anfrage: “Die Verkehrswende ist eine nationale Aufgabe, die ohne Unterstützung des Bundes allein schon aus finanziellen Gründen nicht in nennenswertem Umfang getragen werden könnte.”
Realität ohne Umweltbonus: Verkehrswende stockt
Henrik te Heesen nennt das kurzfristige Ende des Umweltbonus für E-Autos als einen Grund für die schleppende Entwicklung der Neuzulassungen von E-Autos. "Das hat zu einer plötzlich veränderten Marktsituation für die Planung eines E-Auto-Neukaufs geführt”, sagt der Experte. Die SWR-Datenanalyse zeigt: Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Neuzulassungen seit 2024 nur langsam gestiegen.
Zukunft ungewiss: Unklare E-Auto-Förderungen
Das Landesverkehrsministerium wünscht sich beim Thema E-Auto Hilfe von der Bundesregierung. Man begrüße, so Sprecher Zillmann, die weitere Förderung von Ladeinfrastruktur für Nutzfahrzeuge und im Mehrparteienwohnbau, die LKW-Maut-Befreiung für alternative Antriebe sowie die Vereinfachung der Nutzung von selbst erzeugtem Strom für E-Fahrzeuge.
Laut Zillmann habe die Landesregierung bei der Verkehrswende nur zwei Möglichkeiten, die Ziele zu erreichen: Ladensäulenausbau und E-Auto-Förderung. Der Ladenetzausbau verlaufe marktgetrieben. Die Auto-Förderung sei jedoch "haushälterisch kaum darstellbar" und die "Talsohle der Zulassungen zuletzt wieder verlassen" worden. Die SWR-Prognose zeigt, der Wachstum seit Ende des Umweltbonus wird vorraussichtlich nicht ausreichen, das Ziel zu erreichen.
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In RLP gibt es vielerorts ausreichend Ladesäulen für E-Autos, dennoch gibt es Hürden an der Säule: Zu unübersichtlich, zu teuer. Eine Datenanalyse zeigt, wie es vor Ort aussieht.
Wie das Ziel erreicht werden soll, ließ Zillmann auf mehrfache Nachfrage offen. Er sagte: "Das Land sieht keine Notwendigkeit für eine eigene Förderkulisse."
Im Koalitionsvertrag stellt die Bundesregierung die Maut-Befreiung und den Ladesäulen-Ausbau in Aussicht. Für die private Verkehrswende ist ein “Programm für Haushalte mit kleinem und mittlerem Einkommen aus Mitteln des EU-Klimasozialfonds” geplant. Auf Nachfrage des SWR nannte das Bundesverkehrsministerium jedoch keine Details.
Sind die Klimaziele noch zu erreichen?
Martin Doppelbauer, Professor für Hybride und elektrische Fahrzeuge am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), kritisiert das Versprechen der Koalition. Er hält die Maßnahmen für wirkungslos und zu stark auf Dienstwagen und Hybride fokussiert. “Davon halte ich gar nichts, weil Hybride in der Praxis kaum CO2-Einsparungen bringen. Das ist wieder eine Maßnahme, die letztlich nur das Ende des Verbrennungsmotors hinauszögern soll und der Umstellung auf Elektroautos im Wege steht.”
Weiter sagt er: “Das Einzige, was mich vorsichtig optimistisch stimmt, ist der aktuell wieder gut laufende Verkauf von Elektroautos in Europa und auch in Deutschland.” Auch der Gebrauchtwagenmarkt habe sich verbessert und werde dazu beitragen, breitere Käuferschichten zu aktivieren.
Das Angebot auf dem Automarkt wird allerdings gleichzeitig durch EU-Strafzölle auf günstigere E-Autos aus China verknappt. Der ehemalige Bundesverkehrsminister Volker Wissing (Parteilos) kritisiert das gegenüber dem SWR: “Diese Zölle sind schlecht, weil sie den Wettbewerb negativ beeinflussen. In einer Zeit, in der wir marktwirtschaftliche Effizienz brauchen, um schnell klimaneutral zu werden, schaden diese Handelsbarrieren.”
KIT-Experte Martin Doppelbauer zweifelt: “Leider ist es inzwischen so, dass die neue Bundesregierung eher noch weniger für die Elektromobilität und den Umweltschutz tut als die alte.” Doppelbauer fordert einen schnellen Ausbau der Ladeinfrastruktur, Fördermaßnahmen für Elektroautos und eine Begrenzung der Ladepreise.
Die Landesregierung könne nur punktuell handeln und lenken, sagt auch Henrik te Heesen. Es sei wichtig, Verlässlichkeit zu schaffen, damit es für alle Verbraucherinnen und Verbraucher einen klaren Fahrplan und Planungssicherheit gebe.