Vierter Jahrestag der Flutkatastrophe

Wiederaufbau im Ahrtal: Zwischen Frust und feierlicher Eröffnung

Am 14. Juli jährt sich die Flutkatastrophe im Ahrtal zum vierten Mal. Viele Wiederaufbauprojekte wurden abgeschlossen oder kommen gut voran. Andernorts macht sich Frust breit.

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Stand

Die Flutkatastrophe mit 135 Toten hat ein verwüstetes Ahrtal hinterlassen. Kaum ein Sektor blieb von den verheerenden Wassermassen verschont. Häuser, Straßen, Schienen, Gas- und Stromleitungen, Schulen, Kitas, Hotels, Campingplätze, Sportanlagen, Dorfplätze, Strom- und Gasleitungen. In den meisten Orten entlang der Ahr ist davon nicht viel übrig geblieben. Vier Jahre danach ist die Stimmung im Ahrtal unterschiedlich: Viele sehen die Fortschritte vor ihrer eigenen Haustür. Andere blicken immer noch auf Ruinen.

Erst eine kommunale Autobrücke im Ahrtal wieder aufgebaut

Im Bereich der Straßeninfrastruktur hat sich viel getan. Die meisten Straßen wurden inzwischen repariert oder ganz neu gebaut. Deutlich länger braucht der Wiederaufbau der vielen zerstörten Brücken. Erst Mitte Juni wurde die erste kommunale Autobrücke im gesamten Ahrtal eingeweiht, die Weinbaubrücke in Dernau.

Gemessen an dem, was man sonst in Deutschland an Zeit braucht, geht es hier verdammt schnell vorwärts.

Innenminister Michael Ebling (SPD) sprach bei der Einweihung davon, dass er die Ungeduld der Menschen verstehen könne, dass es scheinbar langsam vorangehe. Aber das Ahrtal sei immer noch die größte Baustelle Deutschlands, nirgendwo sonst gebe es so viele Bauprojekte nebeneinander. "Gemessen an dem, was man sonst in Deutschland an Zeit braucht, geht es hier verdammt schnell vorwärts", sagte Ebling im SWR-Interview.

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Weitere Brücke-Neubauten sind in Arbeit

Die Struktur- und Genehmigungsbehörde SGD Nord hat nach eigenen Angaben aktuell sechs weitere Brücken-Neubauten genehmigt. Weitere Anträge liegen laut der Behörde zurzeit nicht vor. Nach Angaben der Verbandsgemeinden im Ahrtal werden gerade aber noch zwölf weitere Brücken-Neubauten vorbereitet.

Die nächsten Brücken werden wohl in Bad Neuenahr-Ahrweiler fertiggestellt: die Heppinger Brücke im Herbst 2025, die Landgrafenbrücke im Frühjahr 2026 und die Bachemer Brücke im Sommer 2026. Dort, wo noch gebaut oder erst noch damit begonnen wird, wurden in der Regel Behelfsbrücken eingerichtet, um den Verkehr über die Ahr zu bringen. 

Rad- und Wanderwege entlang der Ahr nehmen wieder Gestalt an

Vor der Flutkatastrophe war das Ahrtal ein Hotspot für den Wander- und Radtourismus. Vor allem die Wanderwege und Radstrecken direkt an der Ahr wurden aber vor vier Jahren nahezu komplett zerstört. Inzwischen lassen sich wieder einige Etappen zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Ein besonderer Meilenstein wurde im April gelegt, als zwei jeweils 70 Meter lange Fahrradbrücken über die Ahr südlich von Marienthal fertiggestellt wurden.

Die Brücken sind über fünf Meter höher als die alten Brücken an dieser Stelle, außerdem lassen sich die Brückengeländer seitlich wegklappen. Beides dient dem Hochwasserschutz. Denn bei der Flutkatastrophe hatte sich an vielen Brücken Treibgut gesammelt, was zu zusätzlichen Überflutungen führte. Insgesamt soll die Wiederherstellung des Ahr-Radwegs 34 Millionen Euro kosten, davon sind 24 Millionen Euro für die Wiederherstellung von Brücken und Stützwänden.

Bislang über drei Milliarden Euro in den Wiederaufbau gesteckt

Das Geld kommt komplett aus dem Wiederaufbaufonds von Bund und Ländern. Insgesamt wurden bislang über alle Förderwege hinweg über drei Milliarden Euro bewilligt. Über eine Milliarde davon ist in die kommunale Infrastruktur geflossen. Der zweitgrößte Topf mit knapp 700 Millionen Euro ging an die Wiederaufbauhilfe für Unternehmen an der Ahr. Knapp 630 Millionen Euro bekamen Privatleute für den Wiederaufbau ihrer Häuser und Wohnungen. Auch für die Wasser- und Abfallwirtschaft und den Hochwasserschutz (insgesamt über 350 Millionen Euro), den Wiederaufbau von Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen (knapp 130 Millionen) und Hilfen für Landwirtschaft und Weinbau (etwa 25 Millionen) flossen bislang hohe Fördersummen.

Deutlich mehr Geld wurde allerdings bislang noch nicht abgerufen. Der Wiederaufbaufonds von Bund und Ländern enthält insgesamt 30 Milliarden Euro. Damit wird nicht nur das Ahrtal, sondern auch die Flutregionen im Raum Trier und in NRW versorgt. Alles in allem wurden aus dem Fonds bislang etwas über fünf Milliarden Euro abgerufen.

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Viel Frust wegen langer Wartezeiten auf Fördergelder

Im Bereich des privaten Wiederaufbaus gibt es nach wie vor viel Frust im Ahrtal. Die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB) bearbeitet die Anträge für den Wiederaufbau der zerstörten Wohnhäuser. Die ISB verweist dabei auf eine positive Bilanz von fast 4.000 Anträgen, mit einer Bewilligungsquote von über 94 Prozent, was knapp 630 Millionen Euro bedeutet. Anwohner berichten aber auch immer noch von mangelnden Beratungsangeboten und zu viel Bürokratie auf dem Weg zum fertigen Antrag.

Man hat dann auf einmal ein neues Haus da stehen, aber man ist gesundheitlich ein Wrack.

Die Altenburgerin Gabi Schüller hat viel erlebt bis zum wiederaufgebauten Eigenheim. Sie erklärt die langen Wartezeiten damit, dass die Berater ständig wechseln. "Dann weiß der eine Berater nicht, was der Berater beim letzten Mal gemacht hat," erzählt sie im SWR-Interview von ihren Erfahrungen. "Auf Dauer ist das zermürbend. Man hat dann zwar ein neues Haus da stehen, aber man ist gesundheitlich ein Wrack." Immer noch warten viele Anwohnerinnen und Anwohner im Ahrtal auf ihre fertigen Anträge, weil noch Gutachten oder Bewilligungen fehlen.

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Viele Schulen und Kitas im Ahrtal immer noch in Containern

Ähnlich schleppend läuft der Wiederaufbau in den Bildungseinrichtungen im Ahrtal. Viele Schulen und Kitas wurden in provisorischen Containern unterbracht - und sind dort auch vier Jahre später noch. Insgesamt wurden bei der Flutkatastrophe 17 Schulen so stark beschädigt, dass sie entweder saniert oder neu aufgebaut werden müssen. Wie lange das dauern wird, ist noch nicht absehbar, teilweise noch mehrere Jahre.

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Nach Angaben des Kreises Ahrweiler wurde beispielsweise für die Levana-Schule in Bad Neuenahr-Ahrweiler noch kein guter neuer Bauplatz gefunden. Und auch für die Berufsbildende Schule gibt es noch keinen konkreten Zeitplan für die Sanierung. Der Kreis ist Träger von sieben der betroffenen Schulen und rechnet nach eigenen Angaben mit Kosten von rund 211 Millionen Euro. In vielen Fällen gibt es aber noch gar keine Ausschreibungen für einen Neubau oder eine Sanierung der betroffenen Gebäude.

Ahrweiler

Vier Jahre nach Flutkatastrophe Wissenschaftler: Zu wenig Pegel für Hochwasserschutz im Ahrtal

Bei der Flutkatastrophe wurden auch die vielen Zuflüsse in die Ahr zum Verhängnis. Vier Jahre später gibt es trotzdem kaum neue Messstellen und es sind auch nur wenige geplant.

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