Die letzte Etappe von rund 25 Kilometern bis nach Koblenz war wunderbar, erzählt Flößer Thomas Kipp. "Wir sind hier gut unterhalb der Gülser Brücke gelandet." Die Floßfahrt auf 15 Baumstämmen auf Saar und Mosel habe super geklappt. Zum Teil hätten während ihrer Fahrt Trauben von Menschen an der Straße gestanden und ihnen zugewunken. Die gesamte Tour war ein beeindruckendes Erlebnis, findet der Chef-Flößer.
So begann die 250 Kilometer lange Reise vor sechs Tagen
Thomas Kipp blies dreimal in eine orange Tröte. Es war das Signal für seine Kollegen, den Motor anzuwerfen und aus dem kleinen Hafen in Saarburg-Niederleuken zu fahren. Mit den Worten "Allseits gute Fahrt in Gottes Namen" schworen sich die Männer auf die Fahrt bis Pölich ein. Und das Floß glitt geschmeidig über die Saar.
Ihr außergewöhnliches Gefährt haben die "Schiltacher Flößer" in Rehlingen im Saarland zusammengebaut. Es besteht aus 15 Holzstämmen und einer kleinen Hütte und es soll sie 250 Kilometer weit tragen - über Trier und Bernkastel-Kues bis nach Koblenz.
Flößer wollen auf Tradition hinweisen
Thomas Kipp freute sich schon darauf: "Das ist ein unglaublich tolles Erlebnis. Die Landschaft, der Weinbau und einfach die Tatsache, dass viele Städte und Gemeinden ihre schönsten Gesichter zum Wasser hin zeigen."
Doch das ist nicht der Grund für die Reise der Männer aus dem Schwarzwald. "Das hier ist keine Gauditour", stellt der Floßmeister klar. Die "Schiltacher Flößer" wollen mit der Tour auf die Bedeutung ihres Handwerks aufmerksam machen. Seit 2022 gehört die Flößerei zum immateriellen Weltkulturerbe. "Und wir wollen das Wissen und die Tradition erhalten", sagt Kipp.
Auf dem Rhein, dem Neckar und der Weser waren sie schon unterwegs. Die Saar und die Mosel fehlten ihnen noch auf der Liste der großen Flüsse, die sie befahren wollten, um die Flößerei auch hierzulande bekannter zu machen.
Flößerei drohte in Vergessenheit zu geraten
Thomas Kipp hat den Verein vor fast 30 Jahren in Schiltach an der Kinzig mit aufgebaut. In dem Fachwerk-Städtchen in Baden-Württemberg war gerade der letzte Flößer gestorben und er hatte sein Wissen mit ins Grab genommen. Die alte Technik drohte in Vergessenheit zu geraten. Das wollten Kipp und seine Mitstreiter aber nicht zulassen.
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Also besorgten sie sich alte Fotografien aus dem Jahr 1880 und versuchten nachzubauen, was sie darauf sahen. Geschichte und Abenteuer kommen zusammen. "Und wenn man dann noch mit dem Floß fährt und das nacherleben kann, was unsere Vorfahren erlebt haben – das ist schon etwas Besonderes", sagt Kipp.
Floß liegt stabiler im Wasser als Schiff
Wer schon mal auf einem Schiff über die Saar geschippert ist, merkt schnell, was sonst noch den Reiz ausmacht. Mit dem Floß ist es entspannter. Nichts wackelt, nichts ruckelt. Die Baumstämme bilden eine feste Plattform auf dem Wasser.
"Hier kann man stehen wie am Kneipentisch und muss sich nicht festhalten", sagt der Floßmeister: "Und wir können nicht kentern. Das Ding kannst du stundenlang unter Wasser drücken, es steigt immer wieder hoch."
Treibholz in der Saar kann gefährlich werden
Was dem Floß aber in die Quere kommen kann, ist Treibholz. Und davon schwimmt gerade auf der Saar eine Menge. Deshalb steht Erwin Wolber vorne am Bug und schiebt mit einer Stange die Stämme beiseite. "Wenn die in die Schraube des Motors kommen, dann ist Ende", sagt Wolber.
Auf ihren Touren auf Rhein, Neckar und Donau haben sie sich auch schon mal ein Stück vom Wasser treiben lassen - so wie ihre Vorfahren. Durch die Staustufen gibt es auf der Saar aber praktisch keine Strömung. Ohne Motor bräuchten die Flößer also womöglich Wochen bis nach Koblenz.
Fingerspitzengefühl beim Fahren durch die Schleuse
Mit Motor erreichten sie schon nach etwa einer Stunde die Schleuse in Kanzem. Hier ist jetzt etwas Fingerspitzengefühl am Ruder gefragt, wie der Vereinsvorsitzende Hartmut Brückner erklärt: "Man muss frühzeitig die Richtung vorgeben, damit man schön und sauber reinkommt."
Doch Brückner ist nach rund 2.000 Kilometern mit dem Floß schon Profi. Obwohl das vergangene Jahr gezeigt hat, dass auch Berufskapitäne Probleme bei der Einfahrt in die Schleuse haben können: In Kanzem lief alles reibungslos, trotz Publikum.
Oberhalb des Tors hatten sich Zuschauer eingefunden, die beobachteten, wie das Floß langsam in die Kammer sank. Sie winkten den Flößern zu und wünschten eine gute Reise. Die führte dann gegen Mittag an die Mündung der Saar in die Mosel - Schwäne schwammen vorbei. Reiher, Kormorane und Nilgänse flogen über das Floß und Radfahrer hupetn zum Gruß. Und bald waren in der Ferne die Motorboote im Yachthafen von Trier zu sehen.
Experte: Schon Griechen und Römer nutzten Flöße
In der Moselstadt hat Pascal Warnking sein Büro. Er ist Professor für maritime Antike an der Universität Trier und kennt sich bestens mit Flößen und anderen Wassergefährten aus. "Schon die Griechen haben Baumstämme mittels Flößen über die Flüsse transportiert", sagte Warnking.
Für die Römerzeit ist diese Technik auch an Rhein, Mosel und Saar belegt. Ein Beweis dafür ist der antike Hafen der nordrhein-westfälischen Stadt Xanten. Archäologen haben nachgewiesen, dass die Römer dort Holz aus den Alpen verbaut haben, das sie zuvor hunderte Kilometer verschifft hatten.
Begegnung mit Schiff auf der Mosel
Wegen des zunehmenden Schiffsverkehrs auf den großen Strömen in Europa sind die Flöße irgendwann verschwunden. Stattdessen wird Holz heutzutage klein gehackt und auf Frachter verladen.
So ein Schiff kam den Flößern dann auch kurz vor der Trierer Schleuse entgegen - allerdings mit Metallschrott an Bord. "Da wird es für mich am Ruder anstrengend", sagte der Vereinsvorsitzende Hartmut Brückner: "Wir müssen immer schauen, ob wir nach links oder rechts ausweichen." Letztlich ruderten sie ein Stück Richtung Ufer. Es war genug Platz.
Auf der Mosel sind noch deutlich mehr große Schiffe als auf der Saar. Doch auch das treibt den Flößern keine Schweißperlen ins Gesicht. Auf dem Rhein haben sie schon viel mehr Verkehr erlebt, sagt Brückner: "Man darf keine Angst haben, aber man muss Respekt haben und das nicht unterschätzen."
Nächster Stopp: Lettland
An diesem Tag lief alles entspannt. Das Wetter zeigte sich mit viel Sonnenschein von seiner besten Seite. Auch da haben die Schwarzwälder schon andere Erfahrungen gemacht. "Auf der Donau sind wir tagelang bei Eiseskälte unterwegs gewesen. Da hatten wir mehrere Lagen Klamotten an", sagt Erwin Wolber. Und auch das habe wenig geholfen.
Doch sie haben es trotzdem durchgezogen - für den Erhalt ihrer Tradition. Mit Ausnahme des Mains haben die Flößer nun alle großen Flüsse in Deutschland abgehakt.
Was kann dann noch kommen? "Lettland", sagt Thomas Kipp: "Das ist das Nächste, was ansteht. Und dann mal schauen." Auch dort gebe es eine jahrhundertealte Flößer-Tradition und befreundete Vereine.