Es war eine Nachricht, die in Idar-Oberstein euphorisch aufgenommen wurde. In der eher industrieschwachen Region gab der Kunststoff-Hersteller Polymer im November 2021 bekannt, im Industriegebiet "Weidenberg" eine neue Produktionsstätte aufbauen zu wollen. "Mit der geplanten Neuansiedlung sind vor allem hochwertige und zukunftssichere Arbeitsplätze verbunden", wurde der Idar-Obersteiner Oberbürgermeister Frank Frühauf (CDU) damals vom Unternehmen zitiert.
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Die Polymer Gruppe hat ihren Stammsitz in Bad Sobernheim. Sie veredelt Kunststoffe, die unter anderem in der Bauindustrie eingesetzt werden, zum Beispiel für Fensterbänke, Bodenplatten oder Dachrinnen.
300 neue Arbeitsplätze geplant
Im neuen Werk in Idar-Oberstein sollten bis zu 50 Millionen Euro investiert und etwa 300 Arbeitsplätze für einen neuen Geschäftszweig geschaffen werden.
Kunstoffe, die biologisch abbaubar sind und zum Beispiel in Verpackungsfolien eingesetzt werden können. "Der Aufbau der ersten Produktionsstätte wird voraussichtlich 2024/2025 beginnen", hieß es in einer Mitteilung im November 2021.
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Doch wie sieht es vier Jahre später mit dem Großprojekt aus? Gebaut worden ist die Produktionsstätte von Polymer bisher nicht. Nicht ein Stein. Nicht ein Fundament.
Bisher kein Baubeginn
"Wir haben zwischenzeitlich eine Bauplanung erarbeitet", schreibt Florian Schwanebeck aus der Polymer-Geschäftsführung auf SWR-Anfrage. Doch weiter heißt es: "Aufgrund der aktuellen gesamtwirtschaftlichen Lage beginnen wir jedoch noch nicht mit der Umsetzung der Bauplanung."
Ein Blick in die Jahresabschlüsse des Konzerns liefert Hinweise auf die wirtschaftliche Lage des Unternehmens. Zwischen den Jahren 2022 und 2023 ist der Umsatz von etwa 209 Millionen Euro auf etwa 165 Millionen zurückgegangen. Als Grund wird unter anderem die schwache Nachfrage in der Baubranche aufgeführt. Als weiteres Argument nennt die Polymer-Gruppe niedrigere Rohstoffkosten, die auch zu geringeren Verkaufspreisen ihrer Produkte geführt hätten.
Auch die angestrebte Produktion der Biokunststoffe lief nicht so wie angedacht. Im Konzernabschluss des Jahres 2024 heißt es: "Die für 2024 angestrebte Serienproduktion konnte noch nicht erreicht werden. Diese wird nun für das Jahr 2025 erwartet, die dafür notwendigen technischen Optimierungen befinden sich derzeit in Umsetzung."
Stadt Idar-Oberstein sieht baldigen Baustart
Laut Polymer-Gruppe ist die Produktion der Bio-Kunststoffe mittlerweile am Standort Pferdsfeld angelaufen. Weiter heißt es: "Ein Ausbau der Aktivitäten in Idar-Oberstein erfolgt, wenn dauerhaft ein relevantes Geschäftsvolumen in diesem Segment erreicht wurde." Insgesamt sei das Unternehmen nicht so gewachsen, wie ursprünglich geplant. Das führe auch zu der Investitionszurückhaltung im Hunsrück.
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Und wie regiert die Stadt Idar-Oberstein auf diese Entwicklung? Zunächst heißt es auf SWR-Anfrage: "Das von der Polymer-Gruppe geplante Bauprojekt im Industriegebiet Weidenberg ist komplex und die Planungen wurden nach Abstimmungen mit unserer Stadtplanung auch mehrfach angepasst."
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Das kann alles und nichts heißen. In diesem Jahr wird die Polymer-Gruppe aber noch den zweiten Teil der Industriefläche am Weidenberg kaufen. Die Stadt wertet das als gutes Signal: "Wir gehen davon aus, dass dann auch zeitnah mit den Bauarbeiten begonnen wird."
Von Seiten der Stadt würden demnach keine Bedenken bestehen, dass das Gelände länger brach liege. Die Polymer-Gruppe hat auf SWR-Anfrage mittlerweile angekündigt, dass entweder 2027 oder 2028 mit dem umfangreichen Erdarbeiten am Standort in Idar-Oberstein begonnen werden soll.
Anmerkung der Redaktion: Die Polymer-Gruppe hat unsere Fragen nach Veröffentlichung des Beitrags beantwortet. Wir haben die Antworten im Anschluss in den Beitrag eingefügt.