Auf deutschen Feldern wird es still, denn immer mehr Vögel verlieren ihren Lebensraum. Das belegt ein Bericht im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz: Braunkehlchen und Kiebitz werden immer seltener. Sie sind in Rheinland-Pfalz vom Aussterben bedroht.
- Hoher Aufwand für den Vogelschutz
- Naturschutz messen: Vogelarten verschwinden in RLP
- Menschen zerstören Lebensräume
- Landwirtschaft im Wandel: drastische Folgen für die Vögel
- Ausnahme-Regionen in Rheinland-Pfalz
- Politische Maßnahmen zeigen Wirkung
Hoher Aufwand für den Vogelschutz
Landwirt Peter Acker aus Bodenheim (Landkreis Mainz-Bingen) will ihnen auf seinen Feldern eine Chance geben. Damit der Kiebitz auf seinen Feldern weiterleben kann, nimmt er Mühen in Kauf. Acker sät erst zum Ende des Frühlings Mais und Zuckerrüben aus. Genug Zeit für den Kiebitz zum Eierlegen. Und genug Zeit für Tierschützer, die der Landwirt auf seine Felder lässt. Sie markieren die Nester mit Stäben und zäunen sie ein - elektrisch, zum Schutz vor Füchsen und Mardern. Der Landwirt fährt bei der Arbeit um die Nester herum und meldet der Behörde die genaue Quadratmeterzahl, die er von seinen Feldern abzieht.
Welchen Vorteil ihm all der Aufwand bringt? Es freut Acker, die vielen Arten zu sehen. "Ich will mich so einbringen, dass Platz für alle da ist. Je breiter das Artenspektrum ist, desto unwahrscheinlicher wird es, dass einzelne Arten völlig überproportional zunehmen." Wie Wildgänse etwa, die dafür bekannt sind, ganze Felder kahl zu fressen.
Naturschutz messen: Vogelarten verschwinden in RLP
Wie eine Vogelwelt in Balance aussieht, weiß Rainer Dröschmeister, Biologe im Bundesamt für Naturschutz. Er erklärt, dass man anhand von elf ausgewählten Feldvögeln messen kann, ob und wie sich Lebensräume verbessern. Die Arten reagieren empfindlich auf Schutzmaßnahmen. Dröschmeister bezeichnet sie als "Fieberthermometer der Natur". Verschwinden die Vögel, steigt das Fieber von "Patient Natur".
Nicht alle Vögel leben überall. Dröschmeister erklärt: "Bestimmte Lebensräume wie Feuchtwiesen gibt es zwar überall in Deutschland, aber nur in Norddeutschland nehmen sie große Flächen ein. Deswegen finden Arten wie Uferschnepfe oder Braunkehlchen vor allem dort geeignete Lebensbedingungen und kommen dort natürlicherweise häufiger vor."
Sichere Lebensräume wie Peter Ackers Felder werden in Rheinland-Pfalz aber für die heimischen Vögel weniger. Im Schnitt ist 2022 im Vergleich zum Zeitraum 2005 bis 2009 etwa eine Art pro Lebensraum verschwunden.
Menschen zerstören Lebensräume
Manche Arten trifft es in Rheinland-Pfalz härter als andere. Im Donnersbergkreis etwa sind seit der letzten Erhebung gleich fünf Arten verschwunden: Braunkehlchen, Grauammer, Wiesenpieper, Rebhuhn und auch der Kiebitz.
Peter Ramachers ist Vogelkundler und kennt die Gründe vor Ort: Menschen. Die Küken vom Kiebitz fressen kleine Insekten aus Pfützen, Wiesenpieper und Braunkehlchen nisten am liebsten in Feuchtgebieten. Diese wurden in den vergangenen Jahren trockengelegt. Auch wurden Gebüsche und Hecken abgeholzt, in denen Rebhühner und Grauammer brüten. Stattdessen: Asphalt und Siedlungen.
Auch der Kiebitz hat fast die Hälfte seiner Lebensräume verloren. Das Rebhuhn ist aus 60 Prozent seiner Lebensräume verschwunden. Das Braunkehlchen sogar aus rund 80 Prozent.
Landwirtschaft im Wandel: drastische Folgen für die Vögel
Ähnlich wie in Rheinland-Pfalz entwickelten sich die Lebensräume in ganz Deutschland. Seit den 1980ern wurde die Landwirtschaft immer intensiver. Über die Jahrzehnte wurden viele kleine Höfe zu größeren zusammengelegt. Es wurden mehr Pestizide versprüht und unbemerkte Vogelnester in den Feldern überfahren.
Landwirt Peter Acker erklärt, was der Natur helfe, sei für ihn ein Verlustgeschäft: "Für den Boden ist es gut, sehr viele unterschiedliche Kulturen anzubauen. Aber es macht wenig Sinn, Kulturen anzubauen, die so schlecht bezahlt werden, dass es sich einfach nicht lohnt." Für manche Vogelarten hat das nach vielen Jahrzehnten drastische Folgen.
Ausnahme-Regionen in Rheinland-Pfalz
Es gibt in Rheinland-Pfalz nur sieben Gebiete, in denen über die Jahre Vogelarten hinzugekommen sind. Eine dieser Ausnahmen liegt im Kreis Südliche Weinstraße. Dort gibt es Landwirte, die wie Peter Acker an Kiebitzschutz-Projekten teilnehmen.
Damit die Landwirte trotz höherem Arbeitsaufwand nicht auch finanzielle Verluste beklagen müssen, bekommen sie Ausgleichszahlungen aus dem Artenhilfeprogramm "Gefährdete Bodenbrüter" der Landesregierung Rheinland-Pfalz.
So machte Landwirt Peter Acker keinen Verlust, als er ein Feld brachliegen ließ, weil sechs Nester darauf gefunden wurden.
Politische Maßnahmen zeigen Wirkung
Hintergrund ist die "Verordnung zur Wiederherstellung der Natur" der Europäischen Union. Sie gibt vor, dass die elf Vogelarten bis 2030 wieder häufiger vorkommen sollen. Die Bundesländer müssen regelmäßig über den aktuellen Stand berichten.
Dass Maßnahmen wie diese die Ziele erreichen können, zeigt der Vorgänger der Verordnung von 1979. Die damalige Vogelschutzrichtlinie des Europäischen Parlaments schützte laut einer europaweiten Studie des NABU Deutschland vor allem Arten wie den Seeadler, Schwarzstorch und die Wiesenweihe.
Ob Feldvögel auf eine ähnliche Entwicklung hoffen können, hängt davon ab, ob Landwirte, Behörden, aber auch Spaziergänger auf die Natur Rücksicht nehmen.